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VerteidigungWarum die deutsche Rüstungsindustrie mehr als Geld braucht

Auf der Handelsblatt-Tagung „Wirtschaftsfaktor Rüstung“ zeigt sich: Nicht überall ist der Wandel der Verteidigungsbranche schon angekommen. Dabei ist Aufrüstung ein Gemeinschaftsprojekt.Jana-Sophie Brüntjen 05.09.2025 - 09:17 Uhr Artikel anhören
Langstreckendrohnen des Typs An-196 in der Ukraine vor dem Start: Keine Evolution, sondern eine Revolution der Kriegsführung? Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa

Düsseldorf. Panzer, Drohnen, Jets, Künstliche Intelligenz (KI) – wenn Deutschland bis 2029 kriegstüchtig sein will, braucht es Innovationen, und das schnell. Doch der nötige Mentalitätswechsel ist aus Sicht von Start-ups noch nicht vollzogen. „In Deutschland wird bei Rüstung immer noch vom Panzer her gedacht“, sagte Marc Wietfeld, CEO und Gründer des Start-ups Arx Robotics, auf der Handelsblatt-Tagung „Wirtschaftsfaktor Rüstung“.

Fahrzeuge an sich seien nicht schlecht, sie müssten nur anders aussehen und andere, softwarebasierte Fähigkeiten haben, meint er. Die Bundeswehr müsse sich dann überlegen, wie sich diese Fähigkeiten mit den geringsten Kosten in der größten Masse beschaffen lassen – „und das ist meiner Meinung nach nicht immer nur Stahl und Kanone“.

Von der Verteidigung der Ukraine im aktuellen Krieg gegen Russland könne die Branche viel lernen, sagte Wietfeld. „Es ist keine Evolution, sondern eine Revolution der Kriegsführung.“ Die Kriegsparteien entfernten sich räumlich voneinander, es gelte nicht mehr nur Panzer gegen Panzer oder Schütze gegen Schütze.

Großbritannien verfolgt neue Drohnenstrategie

Der Drohnenhersteller Quantum Systems sammelt direkt Erfahrungen in der Ukraine. Seit März 2022 sei das Unternehmen mit Produktionsstätten vor Ort, sagte CSO Martin Karkour. „Wir haben Services, die bis an die Frontlinie gehen“ – und von dort in die Produktentwicklung einfließen. „Ob etwas wirklich eine Lösung ist, entscheidet sich nicht auf dem Übungsplatz“, betont er.

So seien die Systeme des Drohnenherstellers innerhalb weniger Wochen „fast resilient gegen Jamming“ gemacht worden. Beim sogenannten Jamming lassen Störsignale die Funkverbindung zur Drohne abreißen, sodass sie abstürzt oder zur Landung gezwungen wird.

Marc Wietfeld (Mitte) im Gespräch mit Thomas Kauffmann, Co-Chef des Internationalen Geschäfts von GDELS (links), und Daniel Zittel, Head of Defence Sales bei Daimler Truck. Foto: Foto Vogt GmbH

Dass ein grundlegender Wandel in der Branche ansteht, zeigt die neue Strategie des britischen Verteidigungsministeriums. Demnach strebt die dortige Armee eine 20-40-40-Verteilung an: 20 Prozent traditionelle Plattformen wie Panzer, 40 Prozent wiederverwendbare Plattformen wie Drohnen, die mehrere Einsätze überstehen, und 40 Prozent „Einwegdrohnen“, auch als Kamikaze-Drohnen bezeichnet.

Daimler Truck: Brauchen Partnerschaft mit Jungunternehmen

Klar wird auf der Tagung auch: Traditionelle und junge Unternehmen müssen für die Wehrhaftigkeit Deutschlands zusammenarbeiten. Arx Robotics und Daimler Truck machen bereits vor, wie das geht.

Das Robotik-Start-up mit Sitz in Oberding bei München entwickelt und vertreibt autonome, unbemannte Fahrzeuge unter dem Namen Gereon, die militärisch und zivil nutzbar sind. Außerdem entwickelt Arx das KI-Betriebssystem Mithra, mit dem bestehende Fahrzeugflotten nachgerüstet werden können. Diese können dann ebenfalls miteinander kommunizieren und autonom agieren.

Künftig sollen Robotik- und KI-Technologien von Arx Robotics in Fahrzeugplattformen von Daimler Truck integriert werden. Ziel ist eine höhere Vernetzung, Einsatzfähigkeit und Effizienz. Daniel Zittel, Head of Defense Sales bei Daimler Truck, unterstreicht die nötige Geschwindigkeit in der Branche. „Wir ticken anders und wir haben andere Möglichkeiten“, sagte er mit Blick auf Kooperationen mit Start-ups. „Aber es ist meine Überzeugung: Es braucht in dieser Situation Partnerschaften und Innovation.“

Den Start-ups geht es nicht allein um die Disruption. Quantum-Systems-CSO Karkour betont: „Wir innovieren nicht des Innovierens wegen.“ Sein Unternehmen entwickle nach Bedarf oder weil künftige Bedarfe antizipiert werden.

Quantum Systems stellt Aufklärungsdrohnen für Streitkräfte und zivile Zwecke her. Erst kürzlich stieg das Unternehmen zum Einhorn auf und wird nun mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet. An der jüngsten Finanzierungsrunde beteiligten sich auch die Rüstungskonzerne Hensoldt und Airbus.

Zusammen mit dem Start-up Stark Defense testete Quantum Systems Ende August erfolgreich einen neuen Verbund aus einer Aufklärungs- und einer Kamikaze-Drohne. Sie kann auf dem Gefechtsfeld den Zeitraum zwischen der Entdeckung und der Bekämpfung eines möglichen Ziels verkürzen. Zudem arbeitet Quantum Systems daran, erstmals unbemannte Unterwasserfahrzeuge, sogenannte Unterwasserdrohnen, auf den Markt zu bringen.

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Ein Problem, das traditionelle Konzerne und Start-ups verbindet, ist die langsame Beschaffung in Deutschland. Sie ist schon für die aktuellen Strukturen zu schwerfällig, um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Deshalb müsse man sie grundlegend ändern, meinen Experten. „Wenn wir anders kämpfen, dann brauchen wir eine andere Streitkraft und müssen andere Dinge für diese Streitkraft beschaffen“, so Arx-Robotics-Gründer Wietfeld.

„Wenn wir unbemannte Systeme so beschaffen wie eine Fregatte oder ein Flugzeug, dann beschaffen wir sie falsch, und im Moment ihrer Beschaffung sind sie veraltet.“

Beschaffung: Neue Regeln für Start-ups

Zwar habe die Bundeswehr schon „einen wahnsinnigen Schritt nach vorn getan“, sagt Quantum-Systems-CSO Karkour, die Fristen seien teils kürzer geworden. Dennoch sieht er weiteren Verbesserungsbedarf angesichts des Drucks aus Russland.

Rheinmetall-CEO Armin Papperger und Quantum Systems-CSO Martin Karkour: Für die Aufrüstung braucht es junge und traditionelle Unternehmen. Foto: Foto Vogt GmbH

Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf für eine schnellere Beschaffung von Rüstungsgütern durch die Bundesregierung bereits auf den Weg gebracht. Aufträge werden dadurch leichter möglich, Fristen verkürzt, und Vergaben müssen nicht mehr in alle Einzelteile aufgeteilt werden.

Zudem senkt es die unternehmerischen Risiken für die ausführenden Firmen. Denn Unternehmen sollen dem Gesetz zufolge auch dann schon Geld vom Bund bekommen können, wenn sie noch keine Leistung erbracht haben. Das ist besonders wichtig für Start-ups, die bislang oft monatelang in Vorleistung gehen, etwa um Komponenten zu beschaffen oder die Fertigung und das Team aufzubauen.

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Der Aufstieg der Start-ups behagt nicht jedem in der Branche. Das wurde auf einem Panel der Tagung deutlich. Gründer Wietfeld bemüht sich um Verständigung. „Es ist nicht despektierlich gemeint, wenn neue Unternehmen an der Front in der Ukraine Dinge lernen, die zu anderen Produkten führen, als das Planungsamt vor 20 Jahren geplant hatte, zu beschaffen“, sagte er. Stattdessen sehe er es als seine Pflicht an, „dieses Gelernte in unsere Produkte einzubinden und an unsere Streitkräfte zu übertragen“.

Erstpublikation: 02.09.2025, 17:04 Uhr.

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