1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Viagra-Patent läuft aus: Konkurrenz für die Potenzpille

Viagra-Patent läuft ausKonkurrenz für die Potenzpille

Viagra stimuliert Millionen von Männern – und die Bilanz von Pfizer: Das Potenzmittel bringt dem Pharmahersteller Milliardenumsätze ein. Doch in mehreren Ländern läuft das lukrative Patent jetzt aus.Siegfried Hofmann 21.06.2013 - 11:15 Uhr Artikel anhören

Das vermutlich bekannteste Medikament der Welt: In Deutschland läuft der Patentschutz für Viagra ab.

Foto: dpa

Frankfurt. Manche glückliche Zufälle sind Milliarden wert. Zum Beispiel die Entdeckung, dass der Wirkstoff Sildenafil – eigentlich ein Blutdruckmedikament – indirekt auch den Blutzufluss in den Penis reguliert. Der Effekt: Das Mittel wirkt erektionsfördernd. Als der Pharmahersteller Pfizer das in klinischen Studien entdeckte, machte er die Nebenwirkung zur Hauptwirkung und entwickelte Sildenafil zunächst als Potenzmittel weiter. 1998 kam es als Viagra auf den Markt. Ein Blockbuster.

Doch der Umsatz dürfte bald bröckeln: Am 22. Juni läuft das Patent für Viagra in Deutschland und einer Reihe weiterer großer Märkte wie Frankreich und Großbritannien aus. Dutzende Nachahmer werden ab Montag mit ihren eigenen Varianten antreten und den Markt durcheinander wirbeln. Alleine in Deutschland hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) 28 Generikavarianten des Mittels zugelassen.

Das trifft nicht nur Pfizer, sondern auch die Konkurrenten Eli Lilly und Bayer, die fünf Jahre nach dem Debüt von Viagra eigene Potenzmittel auf den Markt brachten, die auf dem gleichen chemischen Wirkmechanismus basieren: Cialis und Levitra.

Das Geschäft ist lukrativ. Im vergangenen Jahr verbuchten die drei Potenzmittel weltweit einen Umsatz von 4,3 Milliarden Dollar (rund 3,2 Milliarden Euro). In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Umsatz mit der Produktgruppe mehr als verdoppelt. In Deutschland erreichte der Jahresumsatz rund 125 Millionen Euro, wie der Branchendienst Insight Health berichtet. Schätzungsweise knapp die Hälfte dürfte auf Viagra entfallen. Verordnet wurden etwa 2,4 Millionen Packungen.

Pfizers wichtigste Medikamente
Premarin Family - Umsatz: 1,07 Milliarden DollarDas Östrogen-Medikament wird unter anderem bei der Brustkrebs- und Prostatakrebs-Behandlung eingesetzt.
Sutent - Umsatz: 1,23 Milliarden DollarDas Mittel wird bei der Krebstherapie eingesetzt und soll die Bildung von Metastasen verhindern.
Zyvox - Umsatz: 1,34 Milliarden DollarDas Antibiotikum wird in Europa unter dem Namen Zyvoxid verkauft und bei bakteriellen Infektionen eingesetzt.
Norvasc - Umsatz: 1,35 Milliarden DollarDas Medikament soll Bluthochdruck verhindern und wird besonders Herzpatienten verschrieben.
Viagra - Umsatz: 2,05 Milliarden DollarDie Wirkung der kleinen blauen Pillen dürften weltweit bekannt sein. Das Mittel gegen Erektionsstörungen sorgt vor allem bei Überdosierung für Probleme.
Celebrex - Umsatz: 2,71 Milliarden DollarBei Gelenkerkrankungen wie Arthritis soll dieses Medikament Schmerzen, Entzündungen und Fieber entgegenwirken.
Prevnar 13/ Prevenar 13 - Umsatz: 3,72 Milliarden DollarMit diesem Impfstoff werden Patienten vor bakteriellen Erkrankungen wie Lungenentzündung und Hirnhautentzündung geschützt.
Enbrel - Umsatz: 3,74 Milliarden DollarBei rheumatischen Erkrankungen soll das gentechnologisch hergestellte Protein helfen, Entzündungen vorzubeugen.
Lipitor - Umsatz: 3,95 Milliarden DollarDas Medikament senkt den Cholesterinspiegel und ist damit einer der Umsatztreiber der Schweizer. In Deutschland wird der Wirkstoff auch unter den Namen Sortis und Atorvalan vertrieben.
Lyrica - Umsatz: 4,16 Milliarden DollarDas umsatzsstärkste Medikament der Schweizer löst Krämpfe, wie beispielsweise bei Epilepsien und Angstsstörungen. Besonders bei der Diabetes wird der Wirkstoff eingesetzt.

Die Pharmabranche ist mit den Mechanismen bei Patentabläufen leidvoll vertraut. Denn sie musste in den vergangenen Jahren damit fertig werden, dass eine ganze Fülle an wichtigen Produkten ihren Konkurrenzschutz einbüßten, darunter alleine vier der zehn bis dahin umsatzstärksten Medikamente . Experten sprechen daher von einer „Patent-Klippe“.

Im konkreten Fall heißt das: Die Preise werden wohl deutlich sinken. Während die Patienten bislang noch tief in die Tasche greifen müssen – eine Viagra-Tablette vom Originalhersteller Pfizer kostete in der Apotheke bislang 10,30 Euro –, werden sie künftig wohl nur noch einen Bruchteil davon zahlen. Pfizer selbst will künftig eine Generika-Variante anbieten, die mit 2,50 Euro pro Tablette nur noch ein Viertel des alten Originalpreises kostet. Etliche Generikafirmen werden diesen Preis wohl noch unterbieten.

Pharmabranche an der Patentklippe
Die Pharmabranche steht vor schwierigen Zeiten: Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Accenture werden bis zum Jahr 2015 rund 50 Blockbuster ihren Patentschutz verlieren – das sind Arzneien, die für mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr sorgen. Die Originalprodukte verlieren nach Patentablauf in der Regel massiv Marktanteile an die deutlich preisgünstigeren Nachahmer-Produkte der Generikahersteller.
Betroffen sind die Medikamente etlicher Pharmakonzerne. Etwa der Cholesterinsenker Lipitor, mit dem Pfizer einst mehr als 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr machte. Oder der Blutverdünner Plavix, der Sanofi und Bristol-Myers Squibb 2011 mehr als neun Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Auch das Asthma-Mittel Singulair von Merck verliert seinen Schutz.
Von Ablauf der Patente profitieren die Hersteller von Generika: Sie dürfen die Arzneien kopieren und zu günstigen Preisen verkaufen. Das dämpft die Kosten – auch die Patienten profitieren davon.
Der Pharma-Industrie fällt es immer schwere, neue Blockbuster-Medikamente zu entwickeln. Das hat mit den strikteren Zulassungsbedingungen und den schärferen Kontrollen der Behörden zu tun. Ein Beispiel: Der deutsche Hersteller Merck stoppte das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, weil es in mehreren Ländern keine Zulassung bekam.

Das dürften auch Bayer und Lilly zu spüren bekommen. Denn wenn Arzneien mit dem Wirkstoff Sildenafil billiger werden, geht zulasten der beiden noch patentgeschützten Mittel Cialis und Levitra der beiden Pfizer-Konkurrenten. Dafür sprechen zum Beispiel Erfahrungen in Finnland, wo das Viagra-Patent schon 2009 ausgelaufen ist. Der Absatz des Wirkstoffs Sildenafil hat sich dort seither verdreifacht. 

Verwandte Themen
Medizin
Deutschland

Auch für eine andere Gruppe ist der Ablauf der Viagra-Patente eine schlechte Nachricht: für die Arzneimittelfälscher. Denn mit dem zu erwartenden Preisverfall dürfte zumindest in Europa auch der finanzielle Anreiz für den Vertrieb von Fälschungen sinken. Bislang gilt Viagra als das am meisten gefälschte Medikament der Welt.

Allerdings sind die Folgen für Pfizer verschmerzbar. Denn zum einen bringen Medikamente wie der Cholesterinsenker Lipitor dem Hersteller deutlich mehr ein – mit gut zwei Milliarden Dollar Umsatz steht das Potenzmittel nur an sechster Stelle. Zum anderen laufen jetzt nur die Patente in einigen europäischen Ländern aus, neben Deutschland in Frankreich, Großbritannien und Österreich. Patentfrei ist die Substanz bereits in Kanada, Bulgarien, Slowenien, Finnland, Türkei, Polen, Kroatien, Slowenien, Litauen und Estland.

Auf dem wichtigen US-Markt dagegen, wo Pfizer schätzungsweise die Hälfte des Viagra-Geschäfts bestreitet, ist der Wirkstoff nach derzeitigem Stand noch bis 2020 geschützt. Der Umsatzverlust durch die Patentabläufe in Europa dürfte sich daher auf wenige hundert Millionen Dollar beschränken.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt