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Alphabet verhandelt mit BayerDr. Google erobert die Medizin

Die Google-Gründer wollen auch die Medizin revolutionieren. Nicht ohne Grund sucht die Pharmaindustrie die Nähe zur Holding Alphabet. Nächster Partner für deren Medizin-Geschäfte könnte die Leverkusener Bayer AG werden.Bert Fröndhoff und Britta Weddeling 03.02.2016 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Der Google-Gründer will in die Medizin vorstoßen.

Foto: ap

Düsseldorf/San Francisco. Larry Page, der Mann, der Leben rettet und Leben verlängert. So gefällt sich der 42-jährige Chef von Alphabet, der neuen Holding, in der seit ein paar Monaten Googles Geschäfte gebündelt sind. Über die Suchmaschine selbst spricht Page nicht mehr viel, dort ist der Boom ungebrochen. An der Börse ist Alphabet nach den neuen Rekordzahlen sogar mehr wert als Apple.

Page und sein Mitstreiter Sergey Brin reden lieber davon, wie sie die Medizin revolutionieren wollen. Krebs besiegen? Das wäre toll, aber Page geht es um mehr: Alphabet will herausfinden, wie das Leben des Menschen um Jahrzehnte verlängert werden kann. Digitalisierung der Medizin? Würde man Gesundheitsdaten richtig erfassen und analysieren, so rechnet Page vor, könnten 100 000 Leben pro Jahr gerettet werden.

Die Google-Gründer haben sich das Gesundheitsgeschäft als nächsten großen Markt ausgesucht, den sie aufrollen wollen. Ihre Visionen sind kühn, die Pläne vage. Doch schon jetzt sucht die traditionelle Pharmaindustrie die Nähe zu den Datenspezialisten aus dem Silicon Valley. Beinahe monatlich schart Alphabet neue Kooperationspartner für seine Medizinprojekte um sich. Arzneihersteller wie Novartis, Sanofi, Biogen, Johnson & Johnson und Abbvie sind bereits an Bord.

Der nächste Name auf der Liste könnte Bayer sein. Nach Informationen aus Branchenkreisen führen die Manager der Alphabet-Holding und ihrer Töchter derzeit mit mehreren Arzneiherstellern aus Europa und den USA Gespräche über eine Zusammenarbeit. Darunter sei die Bayer AG, heißt es weiter. Der Leverkusener Pharma- und Pflanzenschutzkonzern wollte sich dazu nicht äußern.

Die Pharmaindustrie sucht die Nähe zu IT-Konzernen wie Google, weil sich die Branche durch die Digitalisierung rasant verändert. Praxen, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Pharmafirmen und Patienten werden eng vernetzt. Die so entstehenden Datenmengen könnten neue Therapieformen ermöglichen und die Suche nach Wirkstoffen verbessern. Mit Blick auf diese Neuordnung werden in der IT- und Medizinbranche die Reviere abgesteckt. Unternehmen aus dem Life-Science-Sektor sollten sich die Technologie über Partnerschaften zunutze machen, rät die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte in einer Studie.

Tatsächlich ist das Interesse der Pharmaindustrie an den technischen Möglichkeiten riesig. „Die Industrie verändert sich, von einem Markt der Medikamente und Testverfahren hin zur Wissensindustrie”, analysiert Alan Louie, beim Marktforschungsinstitut IDC Leiter für den Bereich Gesundheit. „Hier kommen Sergey Brin und Larry Page ins Spiel. Sie sind zwar keine Mediziner, kennen sich aber besser aus als jeder andere mit dem Sammeln, Speichern und Auswerten von Daten.”

Alphabet hat zwei Speerspitzen beim Vorstoß in die Medizin. Schon 2013 entstand die California Life Company, kurz Calico. Sie soll medizinische Wege erforschen, wie das menschliche Leben verlängert werden kann. Die Protagonisten sind schillernd: Geführt wird Calico von Arthur Levinson. Er war viele Jahr Chef des erfolgreichen Biotechunternehmens Genentech, ist bestens vernetzt in der Pharmabranche und leitet den Aufsichtsrat von Apple.

Zusammen mit dem US-Pharmakonzern Abbvie baut Calico ein großes Forschungszentrum im Silicon Valley – bis zu 1,5 Milliarden Dollar sollen investiert werden. Beide wollen neue Ansätze zur Behandlung von Alterskrankheiten finden, aus denen Medikamente entstehen sollen.

Der neueste „Moonshot“, wie die Google-Gründer ihre ambitionierten Projekte außerhalb der Suchmaschine nennen, ist die Tochter Verily. Dort führt Alphabet klassisches Software-Personal mit Medizinern und Chemikern zusammen. Der Fokus liegt auf der Erforschung chronischer Krankheiten, die eine große Zahl von Menschen betreffen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, neurodegenerative Krankheiten wie Parkinson sowie psychische Defekte.

300 Wissenschaftler arbeiten unter Führung des Zellbiologen Andy Conrad an Sensoren und Systemen für medizinische Therapien. Sie entwickeln Technologie für die Datenanalyse, mit deren Hilfe neue Pharmawirkstoffe gefunden werden können. Verily hat im vorigen Jahr – damals noch unter dem Namen Google Life Sciences – starke Partner gewonnen.

Diabetes: Mit dem Schweizer Novartis-Konzern entwickelt Verily eine Kontaktlinse, Diabetiker sollen so ihren Blutzuckerspiegel besser kontrollieren können. Mit Sanofi aus Frankreich soll eine Datenbank aufgebaut werden, die alle Informationen von Patienten zusammenführt, und auf deren Basis Diabetes besser verstanden werden soll.

Multiple Sklerose: Gemeinsam mit dem Biotechkonzern Biogen will Verily Daten von Patienten sammeln, die an der chronisch-entzündlichen Erkrankung leiden. Ziel: MS soll wesentlich frühzeitiger behandelt werden können.
Robotik: Ein weiteres Team von Verily entwickelt Roboterassistenten für Operationen. Als Partner ist der Medizintechnikspezialist Johnson & Johnson an Bord – beide haben im Dezember dazu ein Joint Venture gegründet.

Für die Leverkusener Bayer AG würde eine Kooperation mit Verily strategisch gut passen: Die Kalifornier wollen ihre Ambitionen auf zwei weiteren Gebieten ausdehnen, nämlich Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Beide sind zentrale Pfeiler der Pharmadivision von Bayer. Verily fehlen dort bisher Industriepartner.

Bei konkreten Angaben zu einzelnen Projekten bleibt Alphabet im Ungefähren. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, nur Modewörter in der Medizin aufzugreifen und mit den Ankündigungen vor allem PR zu machen. Tatsächlich sind Alphabets Medizintöchter noch weit entfernt von marktfähigen Produkten. Mit Hilfe der Partner aus der Pharmaindustrie will der Konzern auch Befürchtungen zerstreuen, die „Mondfahrten” kosteten viel Geld, brächten aber unterm Strich wenig.

Erstmals hat Alphabet mit der Bilanz 2015 am Montag bekanntgegeben, was die sogenannten Other Bets an Geld verschlingen, also die risikoreichen neuen Projekte außerhalb des Google-Suchmaschinengeschäfts. Unter diesem Namen sind die Medizintöchter sowie Projekte fürs vernetzte Haus, fürs selbstfahrende Auto, für Drohnen sowie die Venture-Capital-Tochter in der Bilanz gebündelt. Sie kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 448 Millionen Dollar und auf einen Verlust von 3,6 Milliarden Dollar.

Was Google langfristig in der Medizin erreichen will, wird aus Sicht von Experten aber nach und nach deutlich: „Google will eine zentrale Plattform werden, auf der alle medizinischen Daten zusammenfließen und in Echtzeit analysiert werden: die Krankenakte, die genetischen Informationen, die Historie der Medikamente”, erläutert IDC-Experte Louie. Es gehe dabei nicht nur um Analysesoftware, sondern auch um den Bau von leistungsfähigen Mini-Sensoren, etwa für tragbare Technologie, die „Wearables“.

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Alphabet wolle alle möglichen Daten des Menschen über einen langen Zeitraum erfassen, um „ein dynamisches Gesamtbild des gesunden und des kranken Menschen zu erhalten”, glaubt Louie. Das Ziel: Statt nur Symptome zu behandeln, soll die Vorsorgemedizin mehr Gewicht bekommen.

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