Autozulieferer: Neuer Player entsteht – Gerhardi und Freeglass fusionieren
Düsseldorf. Die deutschen Autozulieferer sind in der Krise. Der Finanzinvestor Hannover Finanz formt nun aus zwei Unternehmen einen neuen Player: Der Lüdenscheider Chromspezialist Gerhardi wird mit dem Kunststoffproduzenten Freeglass aus Schwaikheim (bei Stuttgart) zusammengeschlossen. Das erfuhr das Handelsblatt von beiden Vertragspartnern.
Ziel der Fusion ist, beide Autozulieferer resilienter aufzustellen und die Geschäfte auszubauen. Der Investor hatte vor zwei Jahren eine eigene Einheit, Hannover Finanz Opportunities (HFO), für solche Restrukturierungsfälle gegründet. Mit HFO will er die Unternehmen über mehrere Jahre begleiten.
Gerhardi produziert und liefert Kühlergrillgitter vorrangig für deutsche und europäische Hersteller, darunter Mercedes. Auch Hausgerätehersteller wie Miele gehören zu den Kunden. Freeglass ist bereits im vergangenen Jahr von HFO übernommen worden und bedient auch den US-Markt, etwa Lucid Motors. Gerd Sievers, Geschäftsführer von HFO, sagt: „Beide Unternehmen ergänzen sich von der Produktpalette her – und auch von der Kundschaft.“
Durch den Zusammenschluss sollen die Umsätze gesteigert und soll eine Plattform für Kunststoff- und Oberflächentechnologie aufgebaut werden. Das soll den Zugang zu neuen Geschäftsfeldern ermöglichen.
Autozulieferer sind gefährdet
Zulieferer stehen in Deutschland unter Druck. Im ersten Halbjahr 2025 haben bereits 26 Autozulieferer die Insolvenz angemeldet, zeigen Daten des Beratungsunternehmens Falkensteg – fast ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. Konzerne wie Bosch und ZF Friedrichshafen bauen Zehntausende Stellen ab.
Auch Gerhardi hatte im Herbst 2024 die Insolvenz angemeldet. Seitdem hat das Unternehmen etwa 500 Stellen abgebaut. Für die verbliebenen etwa 1000 Beschäftigten soll es nun an den drei Standorten in Nordrhein-Westfalen – Lüdenscheid, Altena-Rosmart und Ibbenbüren – weitergehen.
Geschäftsführer Christoph Huberty hatte das Unternehmen 2000 in einem Management-Buy-out übernommen. Die Geschäfte liefen jahrelang gut, der Umsatz lag zeitweise bei etwa 200 Millionen. Inzwischen hat er sich fast halbiert. „Seit Corona ging es bergab“, sagt Huberty. Dafür gebe es mehrere Gründe: So ließen sich die Kostensteigerungen nicht an die Autohersteller weitergeben, zugleich seien die geplanten Stückzahlen seit 2020 zurückgegangen. Geplante Aufträge seien zudem ausgeblieben.
„2024 hatten wir Rückgänge von 80 Prozent bei den Teilen für E-Autos und immer noch rund 30 Prozent Rückgänge für Verbrenner-Modelle zu verkraften“, sagt Huberty. HFO-Geschäftsführer Sievers sagt: „Es fehlte Volumen und damit Gewinn, die Finanzierungslast war nicht mehr zu stemmen, so kam es zur Insolvenz.“
Jetzt wagt Gerhardi gemeinsam mit Hannover Finanz den Neustart. Damit dieser gelingt, waren die Partner allerdings auf die Kunden angewiesen, primär also die Autohersteller, sagt Sievers. Diese hätten Verträge unterschrieben, dass sie künftig höhere Preise für die Produkte zahlen, um ihre Lieferkette resilienter zu machen. „Ohne das Zutun der Kunden hätten wir keinen Deal bekommen“, sagt Sievers.
Die Pläne von HFO gehen weiter. Auf die Frage, um wie viele Zulieferer sich der Investor künftig kümmern will, sagt Sievers: „Wir übernehmen die Scharnierfunktion und suchen nach dem stabilisierenden Kern in der Autoindustrie, aber auch in anderen Industrien.“ Das mittelfristige Ziel sei, mit Freeglass, Gerhardi und weiteren Unternehmen den Umbruch in der Zuliefererindustrie zu gestalten und außerdem weniger abhängig von den Autoherstellern zu werden. Langfristig würde HFO das neue Konglomerat verkaufen.
Im Zuge des Zusammenschlusses mit Freeglass ist auch die Führungsebene neu aufgestellt worden. Außer Huberty bleibt Torsten Tomaszewski im Unternehmen. Beide werden auch künftig zum Management gehören und Anteilseigner bleiben. Die Geschäftsführung aber wird von vier auf zwei Personen reduziert, und mit Wolfgang Werheid kommt ein neuer CEO ins Unternehmen mit langjähriger Erfahrung bei anderen Autozulieferern, wie etwa Prettl, WKW, Kienle und Spieß.
Damit zeigt sich bei Gerhardi ein Trend, den Personalberater Ulrich Schumann, Managing Partner von Boyden, bereits seit einiger Zeit beobachtet: Die Zahl der Private-Equity-Investoren wachse, die mittelständische Unternehmen übernehmen.
Das hat Folgen für die Personalsuche. „Gesucht werden heute nicht mehr Geschäftsführer, die sich harmonisch in gewachsene Strukturen einfügen – sondern CEOs, die Wachstum forcieren und Märkte neu definieren“, sagt Schumann. „Das verändert Unternehmenskultur und Führungsprofile grundlegend.“