1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Mittelstand
  4. Crowdinvesting-Pleiten: Kaum gestartet, schon insolvent

Crowdinvesting-PleitenKaum gestartet, schon insolvent

Lampuga, Protonet, Freygeist: Zuletzt haben gleich mehrere crowd-finanzierte Unternehmen Insolvenz angemeldet. Noch halten Experten die Zahl der Start-up-Pleiten für normal – doch erstmals gehen diese in die Millionen.Tobias Brunner 29.04.2017 - 14:18 Uhr Artikel anhören

Eine der bekanntesten Crowdinvesting-Pleiten der vergangenen Monate: Das Start-up Protonet aus Hamburg, das einen sicheren Server für Zuhause entwickelte.

Foto: dpa

Düsseldorf. Die Meldungen begannen immer gleich – mit einer „Pleite“, einem „Misserfolg“ oder der „Zahlungsunfähigkeit“: Seit Herbst vergangenen Jahres haben bereits sechs Start-ups Insolvenz angemeldet, die sich zuvor per Crowdinvesting finanziert hatten. Der jüngste Fall Anfang April: das Hamburger Unternehmen Lampuga für elektrifizierte Surfboards.

Unter den Pleiten sind auch so bekannte Namen wie Protonet, das einen einfachen Server für jedermann betreibt: Das Vorzeige-Start-up hatte 2014 einen Rekord in der deutschen Crowdinvesting-Szene aufgestellt und binnen weniger Tage drei Millionen Euro bei rund 1800 Investoren eingesammelt. Im Februar dieses Jahres dann die Kehrtwende: Protonet ist insolvent.

Die jüngsten Crowdinvesting-Pleiten
Rund 1,1 Millionen Euro steckten Anleger in Returbo. Die Idee dahinter: Retouren, Fehlproduktionen und B-Ware von Online-Shops weiterverkaufen.
Design-Entwürfe und eine Community, die darüber abstimmt – das war das Konzept der Online-Modeplattform Front Row Society. Anlegern war das 500.000 Euro wert.
Besonders nobel und leicht wollte Freygeist seine E-Bikes designen und hatte dafür rund 1,5 Millionen Euro von der Crowd erhalten.
Für seine Kunden wollte TripRebel Hotelbuchungen stornieren und günstigere Zimmer nachbuchen. 700.000 Euro hatten Anleger in das Start-up gesteckt.
Einen einfachen Server für jedermann wollte Protonet bieten. Dafür hatten die Hamburger binnen weniger Tage drei Millionen Euro eingesammelt – ein Rekord für die deutsche Crowdinvesting-Szene.
Rund 820.000 Euro hatte Lampuga auftreiben können. Das Produkt: Elektrifizierte Surfboards mit denen sich auch ohne Wind surfen lässt.

Entscheiden sich Gründer wie Protonet für Crowdinvesting als Finanzierung, sammeln sie Geld bei einer Vielzahl von Anlegern ein – der Crowd. Über spezielle Plattformen wie Seedmatch oder Companisto lässt sich schon ab ein paar Euro investieren. Im Gegenzug winkt ein Teil vom Gewinn, wenn das Start-up durchstartet.

Scheitert das Unternehmen jedoch, ist auch das Geld oft weg. Denn Crowdinvestings sind in der Regel Nachrangdarlehen und werden damit erst bedient, wenn alle anderen Gläubiger schon ihr Geld bekommen haben. Die Verbraucherzentralen warnen deshalb: „Anleger sollten prüfen, ob sie bereit sind, für die versprochenen Zinsen ein Totalverlustrisiko in Kauf zu nehmen.“

Im Fall von Protonet ist der Insolvenzverwalter zuversichtlich, dass das Unternehmen aus eigener Kraft überleben könne. Deutlich schlechter sieht es hingegen bei Freygeist aus: Der E-Bike-Hersteller hatte vor anderthalb Jahren 1,5 Millionen Euro eingesammelt, nach der Insolvenz Anfang Januar wird das Unternehmen nun abgewickelt.

In die Liste der jüngsten Pleiten reiht sich auch TripRebel ein, ein Portal für Hotelübernachtungen. Das Insolvenzverfahren läuft seit Anfang April. Und wie es bei Lampuga weitergeht, prüft derzeit ebenfalls der Insolvenzverwalter. Bereits im Herbst vergangenen Jahres hatte es Front Row Society und Returbo getroffen, letzteres wurde schließlich von Home24 für gerade einmal 17.000 Euro aufgekauft.

Sechs Insolvenzen innerhalb eines guten halben Jahres – was nach einer Pleitewelle aussieht, ist für Peter Barkow, Chef von Barkow Consulting, wenig überraschend: „Wie bei allen Start-ups ist auch bei Crowdinvestings zu erwarten, dass eine gewisse Anzahl in den ersten Jahren ausfällt.“

Für das Handelsblatt hat Barkow die aktuelle Ausfallquote bei den schwarmfinanzierten Unternehmen berechnet. Diese liegt demnach bei etwa 25 Prozent – rund ein Viertel der Start-ups konnte ihre Versprechen also nicht erfüllen. Zwar sei eine solche Quote in den ersten Jahren nach der Gründung normal, erklärt Barkow.

Aber neu ist die Höhe der betroffenen Investitionen: Mit Returbo, Freygeist, Protonet hatten gleich drei Unternehmen erstmals mehr als eine Million Euro eingesammelt. Gerade über die Rekord-Finanzierung von Protonet hatte die Szene damals gejubelt. Die Lehre daraus: Auch erfolgreiche Starts schützen nicht vor Problemen.

Die grössten Fehler der Anleger
„Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.“
„An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.“
„Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.“
„Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.“
„Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene ‚Konten‘ zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.“Quelle: Robert G. Hagstrom, „Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie.“, Börsenbuchverlag 2011.

Für Anleger lassen sich solche Pleiten möglicherweise verkraften – falls sie noch in andere Start-ups investiert haben und diese bei einem Exit, also einem Verkauf an einen Investor, entsprechend Gewinn bringen. Doch selbst das ist keine Erfolgsgarantie. „Die Zahl der Exits reicht bisher nicht aus, um damit die Zahl der Insolvenzen auszugleichen“, sagt der Trierer Wirtschaftsprofessor Lars Hornuf.

Einerseits gibt es durchaus Erfolgsgeschichten, vergangenes Jahr etwa die Übernahmen von Doxter und Foodist. Beide veröffentlichten keine konkreten Zahlen, aber bei bisherigen Exits lagen die Renditen meist zwischen 30 und 50 Prozent.

Auf der anderen Seite müsste ein Exit laut Peter Barkow jedoch noch deutlich mehr einbringen, um damit andere Verluste zu kompensieren: etwa das Fünf- bis Zehnfache der investierten Summe. Das hat bisher aber noch einziges Start-up geschafft, was Crowdinvesting für Anleger zunehmend unattraktiver mache.

Und auch bei den Unternehmen selbst scheint die Schwarmfinanzierung mittlerweile nicht mehr so beliebt wie früher zu sein: Dem Crowdfinanzierungs-Monitor zufolge wählten 2013 noch 66 Start-ups den Weg über die Crowd. Vergangenes Jahr waren es dann nur noch 42.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt