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Morning Briefing Plus – Die WocheVon der Idee zur Coverstory

Eine heiße Diskussion um den möglichen Aufbau einer europäischen Atomstreitmacht entwickelt sich zur Titelstory unserer Freitagsausgabe. Doch wie sieht der kreative Prozess dahinter aus?Sebastian Matthes 10.02.2024 - 08:18 Uhr
Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser

willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage. Womit wir bei der Friedenstaube wären, der wir auf dem Titel unserer Freitagsausgabe eine Atombombe in den Schnabel geschoben haben.

In den vergangenen Wochen haben Reporterinnen und Reporter aus Berlin, Brüssel und anderen Teilen Europas Informationen zu einer heiklen Debatte zusammengetragen.

Eine wachsende Zahl von Vertretern aus Politik und Thinktanks setzt sich für den Aufbau einer europäischen Atomstreitmacht ein. Das Kalkül: Unter einem möglichen US-Präsidenten Donald Trump könnte der nukleare Schutzschirm, den die USA seit Jahrzehnten über Europa aufspannen, sehr schnell eingeklappt werden. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns das angesichts der imperialen Ambitionen von Wladimir Putin am wenigsten wünschen würden.

Handelsblatt/Martina Held Foto: Handelsblatt

Es ist eine Debatte, die bislang eher hinter verschlossenen Türen stattfindet. Doch die Diskussion hat eine Ernsthaftigkeit erreicht, dass die Rüstungsindustrie bereits Szenarien durchspielt: Rheinmetall, MBDA und Diehl etwa analysieren, wie eine Beteiligung Deutschlands an einem europäischen atomaren Schutzschirm aussehen könnte, erfuhren meine Kollegen.

Im Laufe der vergangenen Woche war dann klar: Die Diskussion ist so heiß, dass wir damit rausmüssen. Nur wann? Sofort? Oder ein paar Tage warten und die Story auf das Cover unserer Freitagausgabe bringen?

Ich war mir zunächst nicht ganz sicher. Unser Freitagstitel muss das aus unserer Sicht wichtigste Thema der Woche behandeln oder überraschend sein. Er muss zum Nachdenken anregen oder eine Debatte auslösen. Europas Bombe war vieles davon.

Aber eine Story qualifiziert sich für unseren Freitagstitel erst dann, wenn wir auch eine optische Idee für das Cover haben. Um die zu finden, gibt es regelmäßige Meetings, Abstimmungen mit unserem Layout-Team und Textchef Christian Rickens und eine fortlaufende Diskussionsrunde auf Teams zwischen allen an der Titelstory Beteiligten.

Diese Freitagscover waren 2023 besonders erfolgreich. Foto: Handelsblatt

Die ersten Ergebnisse waren, Sie ahnen es: Skizzen mit Raketen, atomaren Explosionen, Schirmen mit Atom-Symbolik … für unseren Geschmack alles entweder zu martialisch oder zu langweilig. Dass der Funke noch nicht übergesprungen ist, merkt man in solchen Fällen schon daran, dass die Diskussion in unseren Chat-Kanälen nicht so richtig in Gang kommt.

Zum Glück hilft unseren Grafikerinnen und Grafikern beim schnellen Skizzieren solcher Entwürfe inzwischen häufig die KI-Software Midjourney. Sie hält den zeitlichen Aufwand in vertretbarem Rahmen, auch wenn etwas am Ende im Papierkorb landet.

Doch dann schickte unser Art Director Michel Becker noch eine wunderbare Idee hinterher. Und schnell war klar: Wir haben unseren Titel. Vermutlich wird das Motiv der bombentragenden Friedenstaube bei jedem, der mal bei einem Ostermarsch dabei war, einen kleinen Schock auslösen. Aber im zweiten Schritt hoffentlich ein Nachdenken und im dritten vielleicht ein Schmunzeln – das muss auch bei einem so ernsten Thema wie Verteidigungspolitik erlaubt sein.

Solche Titelbilder, die eine ganze Geschichte in einem unerwarteten und dennoch verständlichen Motiv erzählen: Die sind für mich die besten. Es begeistert mich immer wieder, wenn aus einem Prozess mit vielen Beteiligten, vielen Debatten, vielen Seitenwegen und Sackgassen am Ende ein Ergebnis hervorgeht, das alle überzeugt. Eine solche kreative Leistung ist nicht planbar. Und man kann sie auch nicht an eine KI auslagern – bislang zumindest nicht.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Auch die Nato steht vor einem fundamentalen Kurswechsel. In der Allianz galt bislang die Devise, keinesfalls Teil eines Konflikts mit Russland werden zu wollen. Doch diese Sorge gilt offenbar nicht mehr, wie Moritz Koch und Martin Greive herausfanden: Das westliche Verteidigungsbündnis erwägt, die Koordinierung der Waffenlieferungen an die Ukraine zu übernehmen. Warum das wichtig ist, lesen Sie hier.

2. Man wird ja demütig: Nachdem die Bundesregierung die triste wirtschaftliche Lage Deutschlands nicht wahrhaben wollte („Grünes Wirtschaftswunder", „grünes Wirtschaftswunder", „grünes...") erkennt die Ampel, dass nicht alles super läuft. Und schon liegen ein paar ernst zu nehmende Vorschläge auf dem Tisch. Die wichtigste Debatte dabei ist eine steuerliche Entlastung für Unternehmen – die würde sofort für Wachstum und Investitionen sorgen, das belegen zahlreiche internationale Beispiele und die Forschung zahlreicher Ökonomen, die unser Berliner Büro für Sie ausgewertet hat. Bleibt nur die Frage, wie die Entlastungen finanziert werden sollen. Und genau hier entsteht schon neuer Streit. Und raten Sie mal, zwischen wem ...

Habeck und Lindner wollen einen Plan gegen die strukturelle Wachstumsschwäche in Deutschland erarbeiten. Foto: dpa

3. Diese Handelsblatt-Recherche hat bis in den Kreml für Wellen gesorgt: Das Bundeswirtschaftsministerium hat Maßnahmen für eine Verstaatlichung des Ölunternehmens Rosneft Deutschland (RD) eingeleitet, berichtete Klaus Stratmann diese Woche. Man werde keinen Schritt ausschließen, um russische Interessen zu verteidigen, ließ Moskau kurz nach dem Bericht wissen. Möglich ist nun, dass im Gegenzug deutsches Vermögen in Russland konfisziert wird. 

4. Die Lage in Russland wird ab sofort übrigens Mareike Müller für uns verfolgen, die seit wenigen Tagen als Reporterin aus Moskau für das Handelsblatt berichtet. Mehr als eineinhalb Jahre hatte sie auf ihre Akkreditierung gewartet – kurz vor Weihnachten kam dann der Anruf von der russischen Botschaft. Seit wenigen Tagen ist sie dort. Wenn Sie mehr über Mareikes Alltag in Moskau lesen wollen, lesen Sie das Handelsblatt – oder folgen Sie ihr bei LinkedIn.

Osteuropa-Korrespondentin Mareike Müller berichtet nun für das Handelsblatt aus Moskau. Foto: HB

5. Die Erwartungen an das Gespräch zwischen Moderator Tucker Carlson und Wladimir Putin waren ohnehin schon gering. Aber sie wurden noch unterboten. Ein unterwürfiger Moderator gibt dem Kriegsherrn eine Bühne für seine verqueren Thesen, bilanziert Jens Münchrath. „Nicht die Aussagen sind der Skandal. Sondern die Tatsache, dass sie unwidersprochen bleiben." Was in dem Gespräch sonst noch passierte – und warum nur ein Punkt wirklich interessant war, hat Mareike Müller analysiert.

Das 127 Minuten lange Interview mit Wladimir Putin (r.) erschien auf Tucker Carlsons (l.) Website und der Plattform X, vormals Twitter. Foto: dpa

6. Es ist so etwas wie die Wende in der grünen Wende. Die führenden Ölkonzerne investieren Milliardensummen in die Übernahme von fossilen Mitbewerbern – sie investierten 2023 sogar so viel wie seit 2018 nicht mehr. Der Kampf gegen den Klimawandel, von dem einige kürzlich noch sprachen, ist für sie kein Thema mehr. Die Ölmultis sind damit wieder ganz bei sich.

7. Der Handel mit E-Autos erlebt eine historische Rabattschlacht: Chinesische Hersteller leiden unter enormen Überkapazitäten, geringer Nachfrage und der Sorge vor EU-Zöllen. Also bringen sie ihre Fahrzeuge mit Rekord-Rabatten auf den Markt, wie Recherchen unseres Autoteams zeigen. Deutsche Hersteller reagieren mit ebenfalls enormen Preisnachlässen, um im Wettbewerb zu bleiben. Es ist ein Wettlauf, bei dem niemand gewinnen kann.

8. Bei Dienstwagen schlägt sich übrigens ausgerechnet Tesla nicht so gut, SAP zum Beispiel nimmt die Fahrzeuge aus seiner Flotte – und orientiert sich eher Richtung Asien. 

9. Und dann wäre da noch ein ganz neuer Trend aus der Welt der sozialen Medien: KI generierte Models erreichen auf Plattformen wie Instagram Zehntausende Menschen. Mein Kollege Sebastian Dalkowski ist der Frage nachgegangen, wer diese Models erfindet – und vor allem: wie die Erfinder damit durchaus ernst zu nehmende Summen verdienen.

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Das Instagram-Model Lexi wurde mit einer KI generiert. Foto: Marcus Schubert Foto: Handelsblatt

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende mit möglichst vielen realen Begegnungen.

Herzlichst,

Ihr Sebastian Matthes

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