Kommentar: Zu spät und zu langsam - Europa scheitert mit Chipstrategie

Es war im Frühjahr 2022: Stolz kündigte Intel-Chef Pat Gelsinger an, eine riesige Chipfabrik in Magdeburg zu bauen. Gut zwei Jahre sind seither vergangen. Noch immer lässt der Konzernchef aus Amerika offen, wann die Bauarbeiten für das 30 Milliarden Euro teure Vorhaben beginnen. Das ist umso verwunderlicher, als der Bund die Ansiedlung mit zehn Milliarden Euro fördern will.
Inzwischen ist fraglich, ob Deutschland die Intel-Fabrik überhaupt noch braucht. Denn in jüngster Zeit hat sich die Chip-Welt radikal verändert. In Amerika und Japan, in Südkorea und Taiwan und erst recht in China entstehen bereits massenhaft neue, große Halbleiterfabriken.
Der Eindruck drängt sich auf: Deutschland und die EU haben den richtigen Zeitpunkt für die Aufholjagd bei den strategisch wichtigen Bauelementen verpasst.
Denn es verschleppt ja nicht nur Intel den Baustart. Auch der amerikanische Chipspezialist Wolfspeed lässt offen, wann es mit seinem Milliardenprojekt im Saarland losgeht. Das Werk hat Wolfspeed vor mehr als einem Jahr gemeinsam mit dem Partner ZF angekündigt, es soll mit Hunderten Millionen Euro gefördert werden.
Die USA und Japan sind schnell und konsequent
Das Zögern der Amerikaner zeigt, dass die Rahmenbedingungen in Europa nicht attraktiv genug sind – Subventionen hin oder her. Der Grund: Mit enorm viel Geld, vor allem aber schnell und sehr konsequent haben die USA und Japan Pläne umgesetzt, bei den Chips wieder an die Weltspitze zu gelangen. So wollen sie weniger abhängig von anderen Ländern werden.
Auf den Intel-Baustellen in den US-Bundesstaaten Arizona und Ohio drehen sich deshalb längst die Kräne. In Sachsen-Anhalt wird derweil noch über die Baugenehmigung verhandelt.
Deutschland und die EU hinken nun zu weit hinterher. Es ist daher Zeit, die Strategie zu ändern. Das große Ziel ist, die europäische Industrie verlässlich mit Chips zu versorgen. Das lässt sich jetzt wohl am einfachsten durch Bündnisse erreichen. Und zwar mit genau den befreundeten Ländern, die momentan bereits große Kapazitäten aufbauen: USA und Japan.
Die Regierung von US-Präsident Joe Biden ist gerade sehr erfolgreich darin, die komplette Lieferkette anzusiedeln, von Chipmaterialien bis zum Verpacken und Testen der Halbleiter. Japan bietet sich an, weil die Nation in ein paar Jahren die fortschrittlichsten Chips der Welt herstellen will.
Die einheimischen Champions fördern
Deutschland und die EU dürfen deshalb natürlich nicht alle Ambitionen bei Chips aufgeben. Aber eins hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt: Es geht in Europa nur dann etwas bei den Halbleitern voran, wenn Firmen expandieren, die bereits vor Ort sind. Denn die können Größenvorteile nutzen.
Der Münchener Dax-Konzern Infineon investiert daher derzeit an seinem bestehenden Standort in Dresden, STMicroelectronics in seinen Heimatländern Frankreich und Italien.
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In der sächsischen Landeshauptstadt soll zudem ein Werk von TSMC aus Taiwan entstehen. Die Bauarbeiten werden wohl im Herbst starten. Dass dieses Projekt mit einem asiatischen Konzern zügig umgesetzt wird, liegt an den lokalen Partnern Bosch, Infineon sowie NXP. Statt Konzerne aus der Ferne zu umgarnen, sollten Deutschland und die EU daher ihre einheimischen Champions stärker unterstützen.
Tröstlich für Deutschland und Europa ist derweil nur eins: Die Steuerzahler in Amerika und Asien kommen die vielen neuen Chipwerke teuer zu stehen. Allein Intel erhält in den USA rund 20 Milliarden Dollar an Subventionen, Steuererleichterungen und günstigen Darlehen. Die japanische Regierung lässt es sich mehr als sieben Milliarden Euro kosten, um TSMC ins Land zu holen.
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