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Start-up-CheckNovocarbo will mit Kohle das Klima retten

Biomasse praktisch zu Holzkohle verarbeiten: Was widersinnig klingt, soll große Mengen CO2 binden – und grünen Strom erzeugen. Zieht das Start-up damit Investoren für seine Wachstumspläne an?Nell Rubröder 16.06.2024 - 13:08 Uhr
In Grevesmühlen an der Ostsee befindet sich der bisher größte Carbon-Removal-Park von Novocarbo. Foto: Novocarbo

Düsseldorf. Seit rund 3000 Jahren nutzen die Menschen in Deutschland Holzkohle. Ob zum Heizen von Häusern, zum Schmelzen von Eisen oder zum Reinigen von Wasser: Bis ins 19. Jahrhundert war die Herstellung und Nutzung des Brennstoffs ein wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland.

Dann verschwanden durch die benötigte Abholzung die Wälder. Steinkohle, Gas und Strom wurden attraktiver. Und heute? Verbinden die meisten Menschen das schwarze Material nur noch mit dem Grill bei der Sommerparty.

Dabei könnte das Herstellungsverfahren – die sogenannte Pyrolyse –,  das hinter dem urtümlichen Energieträger steckt, auch noch heute viel bewirken. Zum Beispiel könnte es helfen, die Pariser Klimaziele bis 2050 zu erreichen – davon ist zumindest das Hamburger Start-up Novocarbo überzeugt.

Mithilfe spezieller Anlagen will das Unternehmen Biomasse verkohlen, das darin enthaltene CO2 in Form von Pflanzenkohle binden und so der Atmosphäre entziehen. In den kommenden neun Jahren plant das Start-up die Errichtung von nicht weniger als zweihundert Carbon-Removal-Parks. Und: Das ist nur eines von drei Standbeinen, mit denen Novocarbo seinen Beitrag zur Energiewende leisten will.

Was macht Novocarbo?

Das Hamburger Cleantech-Start-up wurde 2017 vom Wirtschaftsingenieur Caspar von Ziegner gegründet. Als CEO leitet der 42-Jährige gemeinsam mit CFO Sven Wissbach und CCO Venna von Vepel das Unternehmen mit derzeit 35 Mitarbeitenden.

Das Ziel: Bis 2050 eine Gigatonne CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Schaffen wollen sie das mithilfe von Biochar Carbon Removal (BCR). Dabei handelt es sich um eine moderne Verkohlungstechnologie, deren Grundbausteine bereits seit der Eisenzeit existieren.

Konkret funktioniert das laut Gründer Ziegner so: „Wir nehmen Biomasse, das können theoretisch Holzreste, Nussschalen oder einfacher Grünschnitt sein, erhitzen sie unter Ausschluss von Sauerstoff in unseren Reaktoren auf etwa 700 Grad und binden so das in den Reststoffen enthaltene CO2 in Form von Pflanzenkohle, sogenannte Biochar.“

Bis zu 6000 Tonnen CO2 pro Standort können nach Angaben des Start-ups langfristig gebunden werden – so viel stoßen rund 580 Deutsche pro Jahr aus. Die Kohle könne dann als Bodenverbesserer für die Landwirtschaft, als Rohstoffersatz für die Industrie oder auch als Baustoff genutzt werden.

Außerdem, so Ziegner, entstehe bei dem Prozess klimaneutrale Überschussenergie. „Diese vermarkten wir zusätzlich als ‚Heat-as-a-Service‛-Dienstleistung an Unternehmen oder an Stadtwerke“, sagt der Gründer.

Warum ist das wichtig?

„Ohne Aktive CO2-Entnahme werden wir unsere Netto-Null-Emissionsziele niemals erreichen“, begründet Ziegner das Vorhaben seines Unternehmens. Erst im Dezember betonte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) auf der UN-Klimakonferenz die Schlüsselrolle von Kohlendioxid-Entfernung (CDR). Auch in der EU setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die Praxis ein wesentliches Element sein könnte, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Ein drittes Standbein von Novocarbo ist der Verkauf von Emissionszertifikaten. Denn: Durch BCR entzieht Novocarbo nicht nur CO2 aus der Atmosphäre, es macht das Gas auch langfristig nutzbar.

Erwerben kann man die Zertifikate auf Handelsplattformen wie Carbonfuture oder Patch. Zu den Zertifikatskunden gehören die Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft Swiss Re und der deutsche Chemiekonzern Bayer. Laut Ziegner ist der Verkauf von Zertifikaten von entscheidender Bedeutung für Novocarbo, um wettbewerbsfähig zu bleiben und zu skalieren.

Wo stehen die Anlagen?

Drei Projekte sind bislang in Deutschland schon in Betrieb. Einer wurde speziell für den Industriestandort Rothe Erde entwickelt, wo der Großwälzlagerhersteller Thyssen-Krupp die Wärme nutzt. Novocarbo verwertet die Reststoffe des Unternehmens, verkauft die Pflanzenkohle und die Zertifikate.

Dass der Bau von weiteren 197 solcher Dekarbonisierungsanlagen innerhalb von neun Jahren ein ehrgeiziges Ziel ist, weiß auch Gründer Ziegner. Doch: „Wenn wir die Klimakrise lösen wollen, müssen wir in solchen Dimensionen denken“, sagt der Wirtschaftsingenieur.

Für einen Carbon-Removal-Park benötigt das Start-up eine Fläche von rund 5000 Quadratmetern. Die Anlagen sollen dort gebaut werden, wo auch Bedarf besteht. Das nächste Projekt – und gleichzeitig das bisher größte – entsteht daher Ende dieses Jahres in Kooperation mit den Stadtwerken Bochum. Mit der Wärme aus den Anlagen von Novocarbo will der Energieversorger künftig 26.000 Haushalte in der Stadt mit klimaneutraler Fernwärme versorgen.

Was sagen die Investoren?

Ende März erhielt das Hamburger Start-up seine erste Wachstumsfinanzierung in Höhe von 25 Millionen Euro von Swen Capital Partners. Der französische Investor konzentriert sich europaweit auf nachhaltige Geschäftsmodelle. Zudem zählt Obotritia Capital zu den Gesellschaftern, das Family-Office des Starinvestors Rolf Elgeti.

„Novocarbo befindet sich an einer Schnittstelle zu sehr vielen verschiedenen Industrien“, begründet Charlotte Virally die Zusammenarbeit, Investment Director bei Swen Capital Partners. So biete das Start-up klimaneutrale Lösungen für den Agrarsektor, trage zum Ausbau der Energieinfrastruktur bei und sei Teil der Kreislaufwirtschaft: „In Deutschland gibt es nur wenige vergleichbare Projekte“, so Virally.

Allein ist Novocarbo mit seinem Biochar-Vorhaben dennoch nicht: In Europa setzen beispielsweise das finnische Cleantech-Start-up Nextfuel und das 2021 gegründete französische Unternehmen Net Zero auf eine ähnliche Technologie. Als Konkurrenz sieht Novocarbo-Gründer Ziegner sie aber nicht: „Wir haben gigantische Ziele bis 2050, dafür brauchen wir alle skalierbaren und permanenten Carbon-Removal-Lösungen.“

Wie geht es weiter?

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Denn eines steht laut IPCC fest: Selbst bei massiven Anstrengungen lassen sich mittelfristig nicht alle Treibhausgasemissionen vermeiden. Auch deshalb schätzt die Unternehmensberatung McKinsey, dass eine Carbon-Removal-Industrie, die CO2 im Gigatonnenmaßstab entfernen kann, in etwa 20 Jahren bis zu 1,2 Billionen US-Dollar wert sein könnte.

Das kürzlich eingesammelte Kapital will Novocarbo neben der Vergrößerung des Teams auch in die weltweite Expansion des Geschäftsmodells stecken. „Wir setzen nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa und langfristig werden wir auch Projekte außerhalb Europas realisieren“, sagt Ziegner. Bis Ende des Jahres plant das Unternehmen vorerst, bis zu sechs neue Standorte bekannt zu geben. Wo genau, will der Gründer noch nicht verraten: „Wir befinden uns in Gesprächen.“

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