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CO2-ReduktionHabeck und die Industrie definieren erstmals „grünen“ Stahl

Für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie hat der Wirtschaftsminister bislang auf Subventionen gesetzt. Nun sollen grüne Leitmärkte sie ablösen. Erster Schritt: grüne Stahlzertifikate.Isabelle Wermke, Julian Olk 22.04.2024 - 21:32 Uhr
Stahlproduktion bei Thyssen-Krupp in Duisburg: Mit sieben Prozent der globalen CO2-Emissionen gehört die Stahlindustrie zu den größten Klimasündern. Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Hannover. Die deutsche Industrie erhält erstmals die Möglichkeit, nach einer festen Definition Stahl als klimafreundlich produziert auszuzeichnen. Auf der Hannover Messe hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gemeinsam mit der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vertretern der Stahlindustrie am Montag das Kennzeichnungssystem LESS (Low Emission Steel Standard) vorgestellt.

Kernelement der nun verabschiedeten Definition ist ein Klassifizierungssystem, das aus fünf Stufen besteht. Dessen Spektrum reicht von Stahlprodukten mit reduzierten CO2-Emissionen bis zu nahezu emissionsfrei produziertem Stahl. Auch die Menge von Sekundärrohstoffen, also Stahlschrott, wird bei der Definition einberechnet.

Damit können Stahlhersteller und -abnehmer nun kennzeichnen, zu welchem Anteil das Produkt mit klimafreundlichen Verfahren hergestellt wurde. Die neue Möglichkeit zur Klassifizierung ermögliche eine Vergleichbarkeit der Transformationsbemühungen, so Bernhard Osburg, Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Stahl. „Die Zertifizierung der verursachten CO2-Emissionen bildet die Grundlage dafür, dass Stahlanwender eigene Strategien überhaupt erst umsetzen können.“ Das System werde von der Industrie mitgetragen.

Stahlindustrie erzeugt global viel CO2

„Die Stahlbranche segelt nicht nur mit Rückenwind“, sagte Habeck. Mit der Definition schaffe man Erwartungssicherheit und Marktregeln, die eingehalten werden müssten. Das Konzept solle auch international implementiert werden, erklärte der Bundeswirtschaftsminister.

Auf eine Grünstahldefinition hatten die Unternehmen aus der Branche jahrelang gewartet – und waren schon selbst vorangegangen. So bietet der Stahlhändler Klöckner & Co. seinen Kunden seit dem vergangenen Jahr eine individualisierte CO2-Bilanz für fast alle seine Produkte an. 

Robert Habeck will den Exodus der Stahlkonzerne aus Deutschland unbedingt verhindern. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Mit etwa sieben Prozent der globalen CO2-Emissionen gehört die Stahlindustrie zu den größten Klimasündern. Große deutsche Stahlhersteller wie die Salzgitter AG, Arcelor-Mittal und Thyssen-Krupp setzen für die Umstellung vor allem auf Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen. Diese Dekarbonisierung der Stahlproduzenten ist aber enorm teuer.

Immer wieder warnten energieintensive Industrien zuletzt davor, sich andere Standorte suchen zu müssen, wenn sie keinen ausreichenden Zugang zu günstiger grüner Energie gekommen. Minister Habeck will diesen Exodus der Unternehmen unbedingt verhindern.

Deshalb unterstützt der Bund massiv. Allein den Umbau der Produktionsanlagen der vier großen Stahlhersteller Thyssen-Krupp, Salzgitter, Saarstahl und Arcelor-Mittal haben Bund und Länder mit rund sieben Milliarden Euro subventioniert.

Der Betrieb der Anlagen könnte im Rahmen von „Klimaschutzverträgen“ mit weiteren Milliarden gefördert werden. Auf Dauer sind diese Summen für den Staat aber nicht zu leisten. Fraglich ist ohnehin, ob diese Unterstützung ausreicht, um Deutschland dauerhaft als Stahlstandort zu erhalten.

Staat könnte grünen Stahl bevorzugen

Die Lösung könnten grüne Leitmärkte sein – ein staatliches Förderinstrument auf marktwirtschaftlicher Basis. Dabei treibt der Staat  die Umstellung der Industrie nicht direkt an. Stattdessen sorgt er dafür, dass klimaneutral hergestellte Produkte bevorzugt gekauft werden. Dafür kann er etwa bei öffentlichen Ausschreibungen klimaneutrale Produkte priorisieren, etwa bei der Anschaffung von Dienstwagen. Grüne Leitmärkte seien „die richtige Richtung“, sagt etwa der Münchener Ökonom Klaus Schmidt, Mitglied des unabhängigen Beirats beim Wirtschaftsministerium.

Und grüner Stahl wird in den kommenden Jahrzehnten stark gefragt sein. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) im vergangenen Jahr. Die Experten der Beratungsgesellschaft prophezeien eine Knappheit, weil das Angebot an CO2-reduzierten Materialien wie Stahl und Aluminium nicht mit der schnell steigenden Nachfrage mithalten könne.

Hütte in Duisburg: Der Wettlauf um den grünen Stahl hat begonnen.  Foto: dpa

Dieser Nachfrageüberhang könne bis ins kommende Jahrzehnt bestehen bleiben, erklärte Nicole Voigt, Partnerin bei BCG. Grund für die hohe Nachfrage sind die ambitionierten Klimaziele, die sich die Kunden der Stahlhersteller selbst gesetzt haben. 

BCG erwartet für Flachstahl in Europa bis 2030 eine Angebotslücke von bis zu 20 Millionen Tonnen im Jahr, basierend auf der heute prognostizierten Nachfrage nach grünerem Stahl und den Kapazitätsankündigungen der Stahlhersteller.

EU-weite Lösung ist gefordert

Doch um den Kunden die Möglichkeit zu geben, den Stahl zu unterscheiden, braucht es ein allgemein anerkanntes System mit Zertifikaten. Schon 2020 hatte die damalige Bundesregierung das Thema in Gang gebracht. Vor einem Jahr wurde es dann konkret, als das Wirtschaftsministerium die Beteiligten zusammenholte und anstieß, einen standardisierte Definition für grünen Stahl zu schaffen.

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Die Wirtschaftsvereinigung Stahl, hinter der die deutschen Hersteller und damit rund die Hälfte des gesamten europäischen Marktes stehen, ist dabei nun vorangegangen. Die Stahlindustrie hatte schon vor zwei Jahren einen Vorschlag ausgearbeitet, um ein Label für klimafreundlichen Stahl auf den Weg zu bringen. Ein neu gegründeter Verein in Brüssel soll die Zertifikate verwalten.

Damit tatsächlich ein grüner Leitmarkt entstehen kann, ist die europäische Verbreitung entscheidend. Bleibt Deutschland mit seinem hervorgehobenen grünen Stahl allein, könnten Abnehmer bei Herstellern außerhalb der EU zugreifen, die eine grüne Herstellung bereits nachweisen, in China etwa. „Es darf keine deutsche Insellösung bleiben, aber einer muss vorangehen“, sagt Kerstin Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Stahlvereinigung.

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