Dax: Anleger wollen zu Rekord-Kursen weiter kaufen
Düsseldorf. Der deutsche Aktienmarkt legt ausgerechnet in der schwächsten Börsenzeit des Jahres eine Rally hin: Seit Ende Juli ist der deutsche Leitindex Dax in der Spitze um mehr als fünf Prozent gestiegen. Auch die Anlegerstimmung wird immer besser, wie das Ergebnis der wöchentlichen Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment zeigt.
Dafür befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen knapp 9000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt das Ergebnis um weitere Indikatoren.
Die Auswertung fußt dabei auf zwei wesentlichen Annahmen:
- Sind die Anleger extrem skeptisch, haben sie bereits ihr Depot entsprechend angepasst und verkauft. Dadurch bleiben wenige Verkäufer übrig, was für ein Ende des Kursverfalls spricht.
- Umgekehrt weist eine extrem optimistische Stimmung darauf hin, dass viele Anleger bereits gekauft haben. Dadurch können Kursrallys an Dynamik verlieren oder enden, weil neue Käufer fehlen.
Wie das in der Realität helfen kann, zeigt der Verlauf der aktuellen Sommerrally: Sein August-Tief erreichte der Dax am 5. August bei 17.025 Punkten. Das war ein Minus von knapp zehn Prozent zum damaligen Rekordstand von 18.893 Zählern. Zu diesem Zeitpunkt war die vom Handelsblatt erhobene Anlegerstimmung (Sentiment) am Boden.
Als extrem gilt die Anlegerstimmung bei Werten von plus oder minus vier Punkten. Damals notierte das Sentiment bei minus sechs Punkten, möglicherweise weil die Anleger angesichts der damals gerade erst beginnenden saisonal schwächsten Börsenphase noch weitere Kursverluste befürchteten und verkauften.
Unter Anlegern herrscht Euphorie
Durch diesen Ausverkauf war der Kursboden allerdings bereits erreicht: Jeder, der verkaufen wollte, hatte bereits verkauft. Von diesem Zeitpunkt an stiegen Börsenstimmung und Kurse gleichermaßen, unterbrochen von einem kurzen Rücksetzer Anfang September.
In der aktuellen Umfrage erreicht die Anlegerstimmung nun einen Wert von 4,8 Punkten. Das ist der zweithöchste Wert des Jahres.
Dadurch steigt auch die Selbstzufriedenheit unter den Befragten. Diese zeigt an, ob sie die Kursbewegung der vergangenen Börsenwoche erwartet hatten und richtig positioniert waren. Der zugehörige Umfragewert steigt in der aktuellen Umfrage auf 2,6 Punkte und damit auf den höchsten Stand sei Jahresbeginn.
Auch die Zukunftserwartung ist intakt – sie bleibt moderat positiv. Sie zeigt an, welche Marktphase die Befragten in drei Monaten erwarten. Der Umfragewert steigt in dieser Woche von 1,5 auf 1,6 Punkte.
Auch die Investitionsbereitschaft bleibt moderat positiv. Sie steigt von 1,3 Punkten in der Vorwoche auf 1,5. Anleger sind also auch auf dem aktuellen Rekordniveau noch bereit, Aktien zu kaufen.
Heibel findet diese durchweg optimistischen Ergebnisse bemerkenswert angesichts eines Kursplus von vier Prozent beim Dax in der abgelaufenen Woche, aber auch nicht unangemessen: „Man kann es keinem Anleger verübeln, wenn er da in Partylaune verfällt. Auch wenn die Werte schon ein Niveau erreichen, das Euphorie widerspiegelt, ist das noch kein akutes Warnsignal, solange diese Feierlaune gerechtfertigt ist.“
Denn auch wenn die Anlegerstimmung sich mit Werten von über vier im gefährlichen Bereich der Euphorie befindet, kommt es immer auf das komplette Stimmungsumfeld an. Deutlich wird das im Vergleich zu Mitte Mai, als die Anlegerstimmung noch besser war.
Damals erreichte das Sentiment sogar 4,9 Punkte. Zwei Tage später erreicht der Dax zwar einen Rekord, doch damit endete die Rally. Der Zeitpunkt der größten Euphorie unter den Anlegern war also gleichzeitig der Höhepunkt des damaligen Kursanstiegs.
Anleger denken nicht an Gewinnmitnahmen
Damals war das ein Warnsignal, erklärt Heibel: „In der Sentimentanalyse schauen wir in erster Linie nach Stimmungsschiefständen.“ Die damalige Euphorie ging beispielsweise mit einer negativen Zukunftserwartung einher.
Das ist nicht unüblich, erklärt der Sentiment-Experte: „Nach einem kräftigen Kurssprung sinkt normalerweise die Erwartung an weitere Kursgewinne.“ Auch die Investitionsbereitschaft war damals negativ. Anleger wollten auf dem Höhepunkt also verkaufen, nicht zukaufen.
Diesmal ist das anders. Die Investitionsbereitschaft ist positiv, und „diese Woche bleibt die Zukunftserwartung fast konstant zur Vorwoche. Der Kurssprung muss also Ursachen haben, die ein nunmehr höheres Aktienmarktniveau rechtfertigen“, sagt Heibel.
Als Grund bietet sich die erfolgte Zinswende in den USA und der Euro-Zone an, da Unternehmen und Verbraucher von den günstigeren Finanzierungsbedingungen profitieren. Hinzu kommen die Bemühungen der chinesischen Regierung, die heimische Konjunktur zu beleben. Davon dürfte auch Deutschland als einer der wichtigsten Handelspartner profitieren. „Nachdenklich macht in diesem Umfeld lediglich die schwache Konjunktur in Deutschland, die so gar nicht zu den Allzeithochs im Dax passt“, sagt Heibel.
Short-Squeeze könnte Auslöser der Rally sein
Er hat daher noch einen weiteren Erklärungsansatz: Denn in den vergangenen Wochen haben sich private und professionelle Anleger massiv gegen fallende Kurse abgesichert beziehungsweise aktiv auf fallende Kurse gewettet.
„Wenn viele Anleger auf fallende Kurse spekulieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau dies eintritt, gering. Vielmehr haben ja schon alle ihr Portfolio so ausgerichtet, dass sie von fallenden Kursen profitieren – oder aber fallende Kurse ihnen nichts ausmachen würden“, erklärt Heibel.
Steigen die Kurse dann, fahren die als Absicherung oder als Short-Wetten gedachten Positionen Verluste ein. Dadurch werden die Anleger mit ihren Short-Positionen aus dem Markt gedrückt. Indem sie ihre Positionen in den steigenden Markt hinein schließen, befeuern sie die Rally zusätzlich. Im Börsenjargon spricht man von einem „Short-Squeeze“.
„Vielleicht befinden wir uns bereits in einem Short-Squeeze“, sagt Heibel. In diesem Fall könnte die Aufwärtsdynamik schnell an Fahrt verlieren, wenn die meisten Spekulationen auf fallende Kurse geschlossen wurden.
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