Elektronische Patientenakte: Warum viele Ärzte skeptisch gegenüber ePA sind
Düsseldorf. Im kommenden Jahr startet das größte Digitalprojekt im deutschen Gesundheitswesen: die flächendeckende Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA). Sie soll in einer App der jeweiligen Krankenkassen als digitale Sammelstelle für medizinische Befunde, Diagnosen und Labordaten dienen. Wenn die Versicherten nicht widersprechen, wird die ePA automatisch für sie angelegt und kann von Ärzten durch das Einführen der Gesundheitskarte in ein Kartenlesegerät in der Praxis befüllt werden.
Das Ziel des Bundesministeriums für Gesundheit ist es, dass bis zu 80 Prozent der Versicherten die ePA aktiv nutzen. Langfristig erhofft man sich dadurch Vorteile für das Gesundheitssystem, wie weniger unnötige Untersuchungen, geringere Kosten und die Sammlung von Patientendaten für die Forschung. Laut Informationen des Spiegels ist der ursprünglich geplante Starttermin der bundesweiten Einführung am 15. Februar nicht mehr fix. BMG-Abteilungsleiterin Susanne Ozegowski erklärte auf LinkedIn, dass die ePA nach der Testphase ab dem 15. Januar und nach erfolgreicher Erprobung in den Modellregionen bundesweit eingeführt wird. Sie betonte jedoch, dass dies keine Auswirkungen auf die bundesweite Verfügbarkeit der ePA für die Versicherten habe.
Trotz intensiver Bemühungen auf allen Seiten gebe es derzeit eine zeitliche Verzögerung in der Entwicklungsroadmap, hatte das BMG in einem Schreiben an einen Industrieverband die Absage des Starttermins begründet. Einen neuen Starttermin gibt es laut Spiegel noch nicht.
Doch wie gut die ePA dann in der Praxis angenommen wird, dürfte auch entscheidend davon abhängen, wie reibungslos Ärzte in Praxen und Krankenhäusern mit ihr arbeiten können.
Laut einer aktuellen Befragung im Rahmen des „Praxisbarometers Digitalisierung 2024“, das das Iges-Institut im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) durchgeführt hat, sehen die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten die ePA durchaus positiv – aber nicht ohne Bedenken. Sorgen haben sie vor mehr bürokratischen Aufgaben und IT-Ausfällen.
Mehr Verwaltungsarbeit für Ärzte
Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet und basieren auf den Erfahrungen mit früheren digitalen Projekten im Gesundheitswesen wie dem elektronischen Rezept (E-Rezept) und der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU).
Zwar sind diese Anwendungen mittlerweile in vielen Arztpraxen etabliert, doch gab es zu Beginn zahlreiche Probleme und Verzögerungen, die die Akzeptanz zunächst erschwerten. „Es ist daher entscheidend, dass die technischen Voraussetzungen stimmen“, fordert Sibylle Steiner, Vorständin der KBV. Die ePA müsse einfach zu bedienen und in den Arbeitsalltag reibungslos zu integrieren sein.
Technische Störungen
Eine große Hürde für die erfolgreiche Einführung der ePA ist womöglich die Telematikinfrastruktur (TI) – ein Datennetz speziell für das Gesundheitswesen, über das digitale Anwendungen wie das E-Rezept und die eAU sicher verschickt werden.
Trotz der gesetzlichen Verpflichtung zur Anbindung der Praxen an die TI berichten viele Arztpraxen von wiederkehrenden Störungen, die den Praxisalltag erheblich beeinträchtigen. Ein Großteil der Befragten gibt an, dass ihre Praxisorganisation durch regelmäßige Störungen der Telematikinfrastruktur beeinträchtigt wird. Besonders problematisch sind Ausfälle bei der elektronischen Signatur, die für das elektronische Rezept benötigt wird.
Arztpraxen sind digital
„Die Fehleranfälligkeit der TI ist nach wie vor zu hoch“, sagt Steiner. Es sei wichtig, dass die Hersteller von Praxissoftware zuverlässige und gut getestete Systeme anbieten. Denn neben der Stabilität der TI ist auch entscheidend, wie fehlerfrei eine Software in einer Praxis funktioniert.
Und: Viele Praxen sind mit ihrer bestehenden Software laut der Umfrage zwar nicht zufrieden, scheuen aber einen Wechsel aufgrund der hohen Kosten und des damit verbundenen Aufwands. Mit über 100 verschiedenen Systemen im Markt herrscht hier auch ein nahezu unkontrollierbarer Wildwuchs.
Trotz der technischen Herausforderungen haben sich die Praxen zunehmend auf die Digitalisierung eingestellt. 95 Prozent der befragten Praxen nutzen bereits das E-Rezept, 94 Prozent die eAU. Besonders erfreulich: Die Zufriedenheit mit der eAU ist sogar gestiegen – 69 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer sind mit der Anwendung zufrieden, im Jahr 2023 waren es nur 50 Prozent.
Krankenhäuser hinken bei Digitalisierung hinterher
Doch während die Digitalisierung der Arztpraxen voranschreitet, sieht es in den Krankenhäusern noch anders aus. „Der stationäre Sektor muss bei der Digitalisierung dringend nachziehen“, fordert Steiner. Die Befragung zeigt, dass die Kommunikation zwischen Arztpraxen und Krankenhäusern noch größtenteils über Papier läuft.
Denn Krankenhäuser sind oft nicht ausreichend digitalisiert und nutzen nur wenige Programme für die interne Kommunikation, was den Austausch mit den Praxen erschwert. Brancheninsider berichten zum Beispiel immer wieder davon, dass sie den speziellen E-Mail-Dienst „KIM“ nach wie vor noch nicht nutzen, der bei Arztpraxen schon weiter verbreitet sein soll.
Die Einführung der ePA in den Kliniken läuft zwar unabhängig von KIM oder anderen digitalen Anwendungen. Fraglich bleibt aber, wie gut das Personal mit der ePA zurechtkommt, wenn es heute nicht daran gewöhnt ist, digital zu arbeiten. Bevor die ePA bundesweit eingeführt wird, wird sie zum Jahresanfang 2025 in Franken und Hamburg getestet.
Letztlich wird der Erfolg der ePA entscheidend davon abhängen, wie gut die Technik funktioniert und wie einfach sie sich in den Praxisalltag integrieren lässt. Gerade für die jüngeren Generationen, die laut einer Deloitte-Umfrage der ePA skeptischer gegenüberstehen als die älteren und den direkten Nutzen noch nicht vollständig erkannt haben, wird es entscheidend sein, dass die Anwendung stabil, benutzerfreundlich und sicher ist.
Erstpublikation: 20.11.2024, 09:24 Uhr.