Motivation: Wann Sie Challenges mitmachen sollten – und wann nicht
Auf den Dry January und alle, die ihn angehen, habe ich am Neujahrstag beim Frühstück mit dem Restsekt von Mitternacht angestoßen. Die Kollegin rief aus dem Eisbad auf LinkedIn dazu auf, gleich noch auf Zucker zu verzichten. Doch nicht nur in meiner Timeline häufen sich die Hashtags zu Challenges.
Auch meine Sportuhr bietet mir kontinuierlich welche an. Ein Anbieter von Triathlons offeriert ein immer wilderes Repertoire an Herausforderungen gegen Gebühr. Diese Woche meinte die „New York Times“, es sei noch nicht zu spät, an der „Five-Days-Health-Brain-Challenge“ teilzunehmen.
2014 ergoss sich die ALS-Icebucket-Challenge durch die sozialen Netze. Und allerspätestens mit der Coronapandemie sind die Challenges Begleiter des Jahresauftakts – und mehr als ein vorübergehendes Phänomen.
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Die positive Wirkung von Gemeinschaftserlebnissen ist wissenschaftlich belegt. Ende 2025 kam eine Studie zu diesem Schluss: „Konkret unterstreicht diese Forschung die bedeutende Rolle von Social-Media-basierten digitalen Plattformen bei der Steigerung der intrinsischen Motivation und der Bewegungsabsicht.“ Heißt noch konkreter: Wer schon die Motivation hatte, dem hilft so eine Challenge.
Und damit ist der Faktor benannt, mit dem Sie entscheiden sollten, bei welchen Challenges Sie sich am Ende wirklich beteiligen sollten.
Antrieb Irrsinn
Am 31.12.2025 fand ich mich gegen 20.37 Uhr auf der recht leeren Straße, um eine Stunde zu laufen. Eigentlich sah die Challenge vor, diesen Lauf vor Mitternacht zu starten und im neuen Jahr zu beenden. Idiotisch, logisch. Bei vielen Teilnehmern scheiterte der Versuch eher am Einspruch der Umgebung und weniger am Willen, das durchzuziehen.
Warum ich mitgemacht habe? Weil es so bekloppt war. Mit dieser Einheit gingen vier weitere mit eher terminlich abstrusen Forderungen und Verkleidungen einher. Da bin ich dabei. Dass es zudem noch ein paar Treuepunkte für ein Loyaltyprogramm brachte, rundete es natürlich ab.
Die Motivation zur Bewegung, die brauchte weder ich noch irgendein anderer aus dem Zirkel, die sich verpflichteten, an Feiertagen, im Dunkeln ohne Lampe oder kostümiert Sport zu betreiben.
So fanden Studien auch heraus, dass vor allem jene Menschen mit einer langfristigen Veränderung aus der Dry-January-Challenge herauskamen, die eh schon weniger Alkohol tranken. Und andere Studien belegen, dass die Menschen, die zu Beginn wenig Pausen hatten, auch nach Monaten noch eher dabei waren, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.
Umgekehrt bedeutet das auch: Wenn wir innerlich nicht überzeugt sind, stehen die Chancen schlecht, dass Versuchung (Schokolade!) oder Faulheit (Schweinehund!) Oberhand behalten.
Der Vorteil der Challenge gegenüber dem guten alten Vorsatz fürs neue Jahr ist die Rechenschaft, die wir gegenüber anderen ablegen. Selbstverständlich geht das alles auch ohne. Aber viele Menschen finden Motivation und Durchhaltevermögen, wenn sie in Gemeinschaft laufen und damit das Risiko überwinden, öffentlich blöd dazustehen.
Restrisiko Negativspirale
In just Letzterem liegt wiederum das Restrisiko einer Challenge, die sich vor allem über Social Media abspielt. Wer sich zunächst mal nur zum Spaß anmeldet, dann aber feststellt, dass es doch so richtig gar nicht klappen will, der bewegt sich in eine negative Spirale aus schlechtem Gewissen und noch weniger Antrieb hinein.
Das Phänomen ist mir wohlbekannt und hat mich mehr als einmal in den vergangenen Jahren entweder zu unvernünftigen bis unverantwortlichen Einheiten oder dem Gefühl des Versagens gebracht. Dabei ist eine Challenge zunächst mal nur das: eine Herausforderung. Sie ist nie das Ziel, um das es eigentlich geht.
Wenn es bei Ihnen um weniger Zucker, Bildschirmzeit oder mehr Muskelkraft geht, dann ist nicht wirklich relevant, ob Sie innerhalb von 30 Tagen die Schokolade verbannt, das Smartphone öfter beiseitegelegt haben oder mehr Liegestütze schaffen – sondern, ob das zur Gewohnheit wird.
Mitmachen, wenn es Kür ist
Und letztlich müssen Sie nur einer Person auf der Welt beweisen, dass Sie Ihre Vorhaben auch umsetzen: sich selbst. Rechenschaft gegenüber dem Internet abzulegen, ist dabei hilfreich, so die Wissenschaft. Aber dann ist im besten Fall auch schon Ihr Wille, Verhalten zu ändern, weit gediehen. Weiter als die Absichtserklärung: 2026 mache ich mehr Sport.
Auch ich werde in Zukunft weitere Challenges akzeptieren, die mir Freude bereiten, das Sahnehäubchen auf der vorhandenen Basis an Anstrengungen sind. Denn die Kür macht mehr Spaß, wenn die Pflicht keine Überwindung ist.