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GastkommentarWie Deutschland wieder zur Apotheke der Welt wird

Im Gesundheitssystem mangelt es nicht an Geld, aber die Abläufe sind ineffizient. Mit fünf Ansätzen lässt sich das ändern, argumentiert Fresenius-Chef Michael Sen. 15.04.2025 - 17:58 Uhr Artikel anhören
Der Autor Michael Sen ist Vorstandsvorsitzender von Fresenius. Foto: Ulrich Baumgarten/Getty Images, IMAGO/Cavan Images

Eine neue Weltordnung formiert sich. Wie genau sie aussieht, können wir derzeit nur erahnen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns in Deutschland und in Europa auf unsere Stärken besinnen. Jetzt geht es um Klarheit, den richtigen Fokus und Umsetzungsstärke.

In der Unternehmenswelt würde man sagen, Deutschland ist ein klarer Turnaround-Fall. Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wandel sind da – und der gerade vorgelegte Koalitionsplan beinhaltet erste Impulse. Daraus muss nun ein echter „Aktionsplan für Deutschland“ für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit werden. Entscheidend wird sein, die richtigen Zukunftsbranchen zu fördern, während sich traditionelle Leitindustrien neu erfinden müssen. Nur so können wir im globalen Machtgefüge relevant bleiben.

Zu lange wurde die Gesundheitswirtschaft und ihr Potenzial als Wohlstandsfaktor für Deutschland verkannt. Dabei ist sie eine Zukunftsbranche und sollte eine Schlüsselrolle als Leitindustrie spielen. Mit mehr als acht Millionen Beschäftigten und einem Anteil von knapp zwölf Prozent an der Bruttowertschöpfung ist sie ein wichtiger Pfeiler der deutschen Wirtschaft.

Als innovative und dynamische Branche bietet sie ein enormes Potenzial. Um das auszuschöpfen, müssen wir die medizinische Versorgung in Deutschland neu denken.

Die gute Nachricht ist: Es mangelt nicht am Geld im Gesundheitssystem. Das System ist aktuell aber ineffizient und ineffektiv. Daher braucht es jetzt fünf strategische Prioritäten.

Fünf Punkte für eine Reform unseres Gesundheitssystems:

  1. Eine strategische Standortpolitik entwickeln. Ohne Priorisierung der Gesundheitswirtschaft als Leitindustrie verlieren wir im internationalen Wettbewerb an Boden. Statt einer „Subventionsspirale“ braucht es eine strategische und auf EU-Ebene koordinierte Industriepolitik, wettbewerbsfördernde Rahmenbedingungen, mehr Technologieoffenheit sowie einen vertieften europäischen Binnenmarkt für medizinische Güter und Dienstleistungen. Die Anerkennung der Branche im Koalitionsvertrag ist daher ein erster wichtiger Schritt.
  2. Ein durchgängiges digitales Ökosystem schaffen. Digitalisierung und KI ermöglichen Quantensprünge in der Behandlungsqualität und Effizienz. Dazu müssen die Prozesse nahtlos digitalisiert werden und ineinandergreifen – von der Diagnose über die Behandlung bis hin zur Nachsorge.

    Digitalisierung muss vor allem in den Kliniken stattfinden, um das volle Potenzial zu nutzen. Andere EU-Länder sind hier viel weiter. In Deutschland scheitern solche Lösungen zu oft am vermeintlichen Gegensatz zwischen Datenschutz und medizinischem Fortschritt.
  3. Silos aufbrechen. Um eine Versorgung auf Spitzenniveau sicherzustellen, müssen die viel zu starren Sektorgrenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung aufgelöst werden. Dies sorgt für Ineffizienz und Mehrkosten. Der Patient ist dabei immer derselbe.

    Gleiches gilt für Vergütungssysteme, die sich zu stark an der Anzahl der Prozeduren, nicht am Behandlungsergebnis und der Qualität orientieren. Am Ende hat hier vor allem der Patient das Nachsehen.
  4. Europäische Souveränität stärken. Wir können uns chronische Lieferengpässe und Grundstoffknappheit nicht länger leisten. Die Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe, lebenswichtiger Medikamente und systemrelevanter Produkte wie Antibiotika, Impfstoffe und Notfallmedikamente muss wieder in Europa stattfinden. Dazu brauchen wir keine Subventionen, sondern eine faire Preisfindung für lokale Produkte und vor allem: langfristige Planungssicherheit.
  5. Überbordende Bürokratie muss radikal auf den Prüfstand. Ärzte und Pflegekräfte widmen der Dokumentation im Durchschnitt drei Stunden pro Tag. Zeit, die dringend für die Patientenversorgung genutzt werden sollte.

    Im europäischen Binnenmarkt müssen wir Hürden bei der Zulassung von Produkten und klinischen Studien weiter abbauen. Smarte Regulatorik muss bundesweit, besser noch europaweit, harmonisiert werden, und es braucht eine schnellere Anerkennung von ausländischen Qualifikationen bei medizinischen Fachkräften. Hier stehen wir im Wettbewerb mit dem Rest der Welt.

Medizinische Versorgung darf kein reiner Kostenfaktor sein

Kurzum: Unsere Gesundheitsversorgung muss digitaler, resilienter und effizienter werden. Dann haben wir eine echte Chance, wieder zur „Apotheke der Welt“ zu werden.

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Hinzu kommt: Auch bei der Verteidigungsfähigkeit spielt das zivile Gesundheits- und Sanitätswesen eine zentrale Rolle. Angesichts geopolitischer Verschiebungen ein Grund mehr, die Gesundheitswirtschaft als Leitindustrie strategisch zu stärken und auszubauen.

Dazu braucht es einen Paradigmenwechsel: Die medizinische Versorgung darf nicht länger als reiner Kostenfaktor, sondern als Wohlstandsfaktor verstanden werden – für Wachstum, Arbeitsplätze, Innovation, Sicherheit und für die Gesundheit unserer Bevölkerung.

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Der Autor: Michael Sen ist Vorstandsvorsitzender von Fresenius.

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