Geheimdienst: Russische Geheimdienste bilden in Südamerika Spione aus
Salvador. Im Mai 2022 wollte der brasilianische Student Victor Muller Ferreira in die Niederlande einreisen. Der damals 37-Jährige hatte einen Master in internationalen Beziehungen von der Johns-Hopkins-Universität und wollte ein Praktikum beim Internationalen Strafgerichtshof beginnen.
Doch die niederländischen Behörden ließen ihn nicht einreisen. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte sie informiert, dass der Student in Wahrheit Sergei Cherkasov hieß und ein russischer Geheimdienstoffizier war.
Die niederländischen Behörden schickten ihn zurück nach São Paulo. Dort wurde Cherkasov nach einigen Tagen von der brasilianischen Bundespolizei verhaftet – allerdings nicht wegen Spionage, sondern wegen Urkundenfälschung. Er hatte sich mithilfe einer gefälschten Geburtsurkunde offizielle brasilianische Dokumente beschafft: Steuernummer, Führerschein, Wehrpflichtbescheinigung und Reisepass.
Die Tatsache, dass ein verdächtiger russischer Agent mit einer gefälschten brasilianischen Identität aufgetaucht war, sorgte zunächst für Verwunderung. Doch es blieb nicht bei diesem einen Fall. Im Laufe der folgenden Monate deckten brasilianische und internationale Sicherheitsbehörden weitere mutmaßliche russische Agenten auf. Und das nicht nur in Brasilien.
Fließband für russische Agenten
Ihnen allen war gemeinsam, dass Brasilien nicht ihr Einsatzgebiet war, sondern dass sie sich dort auf ihre Spionagetätigkeit vorbereiteten. Sie hatten sich über Jahre hinweg neue Identitäten in Brasilien aufgebaut, um später im Westen verdeckt operieren zu können. „Russland hat Brasilien zu einer Art Fließband für getarnte Agenten ausgebaut“, vermutete die New York Times kürzlich in einer Reportage.
„Länder wie Brasilien bieten sich als Plattform für Russlands Agenten an“, sagt Wladimir Ruwinski, Politikwissenschaftler und Experte für russische Außenpolitik in Lateinamerika, der an der Universität Icesi im kolumbianischen Cali lehrt. Dafür gebe es mehrere Gründe.
Der wichtigste sei, dass ein brasilianischer Pass für Spionagetätigkeiten sehr nützlich ist. Damit könne man in viele Länder weltweit ohne Visum reisen. „Zudem kann phänotypisch jeder als Brasilianer durchgehen“, sagt Ruwinski.
Tarnung mit deutschen Namen
Denn Brasilien zählt zu den Ländern mit der größten ethnischen Vielfalt weltweit. Es gibt große Einwandererkolonien aus Italien, Spanien, Deutschland, Osteuropa sowie Syrien und dem Libanon. Die Hälfte der Bevölkerung hat afrikanische und indigene Wurzeln. Dort lebt die größte japanischstämmige Gemeinde außerhalb von Japan und in den letzten Jahren sind Koreaner und Chinesen eingewandert.
So nahmen mehrere russische Agenten falsche deutsche oder russische Namen an – wie Gerhard, Wittich, Muller oder Olga, Irina. Eine perfekte Tarnung: In Südbrasilien gibt es bis heute eine große deutsche Kolonie, aber auch russische und ukrainische Siedlungen. Dort fällt niemand auf, der Portugiesisch mit europäischem Akzent spricht.
Zudem ist das brasilianische Personenregister schwach ausgeprägt: Es gibt keine Meldepflicht. Die einzelnen Bundesstaaten tauschen keine Daten untereinander aus. Hinzu kommt ein großes Netz an privaten Notariaten, das die Kontrolle über die Authentizität von Dokumenten erschwert. Korruption ist weit verbreitet. Aufgrund der kontinentalen Größe des Landes lassen sich viele Grenzen zu den Nachbarländern nicht kontrollieren.
„Russland kennt die Verhältnisse in Lateinamerika inzwischen sehr gut“, sagt Ruwinski. „Die Botschaften sind ziemlich groß und es ist bekannt, dass dort viele Personen arbeiten, die mit den russischen Geheimdiensten verbunden sind.“
Nach der Verhaftung Cherkasovs leitete die brasilianische Bundespolizei die „Operação Leste“ (Operation Osten) ein. Ermittler begannen, systematisch Datensätze nach Mustern zu durchsuchen – vor allem nach Personen mit gültigen Papieren, aber ohne erkennbare Biografie: keine Schulbesuche, keine Krankenakten, keine Steuerhistorie. Denn das könnten Tarnidentitäten für ausländische Agenten sein.
Seine brasilianische Freundin schlug Alarm
Tatsächlich stießen sie auf weitere Fälle. So lebte etwa ein Mann namens Gerhard Daniel Campos Wittich in Rio de Janeiro. Er betrieb ein 3D-Druck-Unternehmen in der Nähe des US-Konsulats, hatte staatliche Aufträge von der Marine und war mit einer Brasilianerin liiert. In Wahrheit hieß er Artem Schmirow und war mutmaßlich ein russischer Geheimdienstoffizier.
Als er unter dem Vorwand einer Geschäftsreise nach Malaysia verschwand, schlug seine Freundin Alarm – die Spur führte nach Griechenland. Dort gab es Hinweise darauf, dass Schmirow mit einer weiteren russischen Agentin verheiratet war, die ebenfalls untergetaucht war.
Ein anderer mutmaßlicher Spion, der sich als José Assis Giammaria ausgab, wurde 2022 an der Universität Tromsø in Norwegen verhaftet. Zuvor hatte er an kanadischen Universitäten zu sicherheitspolitischen Themen geforscht. Auch seine Identität basierte auf einem brasilianischen Pass. Er hatte seine Geburt aber erst mit 22 Jahren registriert, was die Behörden aufmerksam werden ließ.
„Lateinamerika ist für Russland eine Art Testfeld – ein Raum, in dem man relativ risikolos Dinge tun kann, die in Europa oder den USA nicht möglich wären“, sagt Ruwinski. Die Praxis, Agenten unter völlig neuen Identitäten im Ausland aufzubauen, habe bei den russischen Geheimdiensten eine lange Tradition. „Neu ist, dass sie systematisch lateinamerikanische Länder als Plattform dafür nutzen.“
Dabei gerät nicht nur Brasilien ins Blickfeld. So ist auch der chilenische Pass für eine Spionagetätigkeit sehr begehrt. Damit kann man visumfrei in die USA einreisen. Und auch in Chile gibt es eine starke europäische Immigration.
Auch Argentinien und Chile bieten sich für Agenten an
Dass das Land verstärkt das Ziel russischer Geheimdienstoperationen werden könnte, besorgt auch die Regierung in Argentinien. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sind Zehntausende Russinnen und Russen nach Argentinien ausgewandert, darunter auch mehrere Tausend schwangere Frauen. Da Kinder, die in Argentinien geboren werden, automatisch die argentinische Staatsbürgerschaft erhalten, verschafft dies auch den Eltern sofort ein Bleiberecht. Nach zwei bis drei Jahren können auch sie die Staatsangehörigkeit erlangen.
Guillermo Francos, Kabinettschef der Regierung Milei, erklärte, dass Russland diese Möglichkeit nutze, um Agenten nach Argentinien zu entsenden, ihnen dort neue Identitäten zu verschaffen, bevor sie in andere Länder weitergeschickt werden. Argentinien will nun sein Einwanderungsgesetz verschärfen.
Ein erster Fall wurde bereits publik: In Slowenien wurde ein mutmaßliches russisches Spionagepaar mit argentinischen Papieren enttarnt. Sie hatten sich zuvor als Einwanderer in Südamerika niedergelassen.
Inzwischen wurden mindestens neun mutmaßliche Agenten Russlands mit brasilianischen Identitäten identifiziert. Die meisten konnten Südamerika jedoch rechtzeitig vor ihrer Verhaftung verlassen.
Es scheint, als wollte Brasilien einen diplomatischen Zwischenfall vermeiden. Schließlich sind Russland und Brasilien Gründungsmitglieder des BRICS-Staatenbundes und auch sonst außenpolitisch eng verbunden. Im Mai nahm Präsident Luiz Inácio Lula da Silva als einziger Staatschef einer großen Demokratie an der Siegesparade in Moskau teil.
Ist das nur die Spitze eines Eisbergs?
Deshalb setzte Brasilien zur Abschreckung auf öffentliche Bloßstellung. Über Interpol wurden Warnmeldungen mit Bild, Fingerabdruck und gefälschten Namen herausgegeben. Damit wurde die Identität der Agenten bekannt und ihre Einsatzfähigkeit im Ausland beendet.
Nur einer der enttarnten Spione, Sergei Cherkasov, sitzt derzeit in Haft. Allerdings nicht wegen seiner Agententätigkeit, obwohl die Bundespolizei bei der Überprüfung seiner Kontobewegungen eine Verbindung zu zwei Mitarbeitern einer russischen diplomatischen Vertretung in Brasilien feststellte. Er wurde zu 15 Jahren Haft wegen Urkundenfälschung verurteilt. Wladimir Ruwinski vermutet: „Wir haben vermutlich nur einen kleinen Teil eines viel größeren Netzwerks gesehen.“