Medizintechnik: Weltgrößter Prothesenhersteller Ottobock will an die Börse
Frankfurt. Der weltgrößte Prothesenhersteller Ottobock strebt im Herbst an die Frankfurter Börse. Das Familienunternehmen aus Duderstadt in Niedersachsen machte seine Pläne, über die das Handelsblatt bereits im vergangenen Monat exklusiv berichtet hat, am Montag offiziell.
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In der Regel dauert es etwa vier Wochen von der Ankündigung bis zur Erstnotiz, dem ersten amtlich festgestellten Kurs für die Aktien. Den größten Teil des Emissionsvolumens steuert die Eigentümerfamilie Näder bei, die Ottobock über eine Holding hält.
Nach Informationen des Handelsblatts wird die Familie 25 bis 30 Prozent der Unternehmensanteile an die Börse bringen – möglicherweise aber nicht auf einmal. Der Unternehmenswert wird den Quellen zufolge auf mehr als sechs Milliarden Euro taxiert.
Zudem sollen neue Aktien für etwa 100 Millionen Euro ausgegeben werden. Mit dem Erlös aus dem Börsengang soll unter anderem ein Kredit in Höhe von 1,1 Milliarden Euro abgelöst werden, erfuhr das Handelsblatt. Mit diesem hatte die Eigentümerfamilie um Hans-Georg Näder im vergangenen Jahr einen 20-Prozent-Anteil an Ottobock vom Finanzinvestor EQT zurückgekauft. Ottobock wollte das nicht kommentieren.
Organisiert wird der Börsengang federführend von den Investmentbanken BNP Paribas, Deutsche Bank und Goldman Sachs.
Ottobock ist das erste deutsche Unternehmen, das sich nach der Sommerpause mit Börsenplänen an die Öffentlichkeit wagt. Der Pharmahersteller Stada, der ebenfalls als Börsenkandidat gehandelt worden war, wurde Anfang September stattdessen an ein Konsortium um den Finanzinvestor Capvest verkauft.
Verhaltener Optimismus unter Investmentbankern
Vergangene Woche Mittwoch debütierte der schwedische Bezahldienst Klarna auf dem New Yorker Börsenparkett. Das Unternehmen nahm bei seinem IPO fast 1,4 Milliarden Dollar ein, bei einer Bewertung von gut 15 Milliarden Dollar. Auch die Schweizer Kleinanzeigenplattform SMG peilt zeitnah einen Milliarden-Börsengang an. Der Handel an der Züricher Börse SIX soll am Donnerstag starten.
Mehrere Investmentbanker blicken zuversichtlich auf das zweite Halbjahr. Markus Meier, Leiter Equity Capital Markets für Deutschland bei der Bank of America, sagt: „Die Bedingungen für einen aktiven IPO-Markt im Herbst sind vielversprechend.“ Einige große Börsenkandidaten mit starken und nachhaltigen Geschäftsmodellen befänden sich bereits in der abschließenden Vorbereitungsphase.
„Die Aktivität bei IPOs hat im September spürbar zugenommen. Ich erwarte mehrere große Börsengänge in Europa dieses Jahr mit einem Volumen im Milliardenbereich“, sagt Meier.
Verbesserte wirtschaftliche Aussichten für Deutschland
Im Vergleich zum Frühjahr sei die makroökonomische Lage deutlich transparenter, ordnet Meier ein. „Einerseits herrscht weniger Unsicherheit bei der Zollfrage, andererseits haben sich die Bedenken der Investoren hinsichtlich einer drohenden Rezession und hoher Inflation in den USA etwas gelegt.“
Auch die wirtschaftlichen Aussichten für Deutschland hätten sich aufgrund der Infrastruktur- und Verteidigungspakete verbessert, sagt Meier.
Doch der Banker sieht auch Risiken. Zwar liege der Volatilitätsindex mit 15 Prozent auf den Tiefstständen in diesem Jahr. In der aktuellen geopolitischen Lage könne die Unsicherheit aber wieder zunehmen und die Kurse beeinflussen.
Auch andere Investmentbanker, Marktbeobachter und Investoren sind skeptisch. „Seit über zehn Jahren sucht Europa einen Eisbrecher – aber den gibt es nicht“, fürchtet ein hochrangiger Investmentbanker, der seit vielen Jahren Börsengänge begleitet.
Als „Eisbrecher“ werden Unternehmen bezeichnet, die als Erste nach längerer Zurückhaltung den Schritt an die Börse wagen und damit ein positives Signal für andere potenzielle Börsenkandidaten senden. Im Gespräch sind unter anderem der Stromnetzbetreiber Tennet und die Deutsche-Börse-Tochter ISS Stoxx. Beide Kandidaten könnten jedoch in privater Hand bleiben.
Als sehr wahrscheinlich gelten mehrere Abspaltungen (Spin-offs) bereits börsennotierter Unternehmen, etwa der Thyssen-Krupp-Sparte Marine Systems (TKMS). Die Continental-Autosparte Aumovio plant ihren IPO für Donnerstag.
Ottobock verfolgte bereits 2022 Börsenpläne, hatte diese aber mit Verweis auf das widrige geopolitische Umfeld aufgegeben. Damals wurde auch die Unternehmensführung ausgetauscht. Seitdem ist der frühere operative Vorstand Oliver Jakobi Chef des Unternehmens. Der international erfahrene Vertriebsmanager arbeitet seit mehr als 30 Jahren für Ottobock.
„Der geplante Börsengang wird es Ottobock ermöglichen, noch stärker in neue Technologien zu investieren und seine globale Präsenz auszubauen“, sagte Jakobi.
Bereits Ende August hatte Jakobi die Bereitschaft, an die Börse zu gehen, im Gespräch mit dem Handelsblatt verlauten lassen. Das Unternehmen habe eine starke Story zu erzählen, sagte er. Ottobock sei nach Umsatz in den vergangenen drei Jahren jeweils im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Zudem habe das Unternehmen die Profitabilität gesteigert.
Ottobock erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit weltweit 9300 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,43 Milliarden Euro und ein bereinigtes operatives Ergebnis (Ebitda) von 321 Millionen Euro.
Wettbewerber sind Blatchford aus Großbritannien, Proteor aus Frankreich und das aus Island stammende Unternehmen Össur, das sich im vergangenen Jahr in Embla Medical umbenannt hat.
Die Duderstädter haben in den vergangenen Jahren einige neue Versorgungszentren aufgekauft. 2019 etwa kam der führende belgische Orthopädiespezialist Vigo hinzu. 2024 erwarb Ottobock das dänische Versorgungsnetzwerk Sahva mit etwa 30 Standorten. Insgesamt betreibt Ottobock inzwischen 400 solcher Standorte, 28 davon in Deutschland.