Kommentar: Für Selenskyj kommen die Verhandlungen zu einem schlechten Zeitpunkt

Wolodymyr Selenskyj war die Verzweiflung anzusehen. „Wir erleben einen der schwersten Momente in der Geschichte unseres Landes“, sagte der ukrainische Präsident mit Blick auf den 28-Punkte-Plan, der letzte Woche aus den Verhandlungen zwischen den USA und Russland über die Ukraine bekannt geworden war.
Auch für Selenskyj persönlich dürften diese Tage zu den schwersten der vergangenen vier Jahre gehören.
Derzeit stürzt vieles gleichzeitig über ihn herein. Da ist der Korruptionsskandal, der seinen innersten Führungszirkel erreicht hat. Am Freitag trat der Leiter des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, nach Durchsuchungen von Anti-Korruptionsermittlern in seiner Wohnung zurück. Damit verliert Selenskyj seinen engsten und wichtigsten Berater.
Auch militärisch steht die Ukraine unter enormem Druck. Trotz der laufenden Verhandlungen mit den USA bombardiert Russland weiterhin massiv, unter anderem die kritische Infrastruktur des Landes. Der Winter hat gerade begonnen, und die ukrainische Armee ist nach fast vier Jahren Krieg zermürbt.
Die Schmerzgrenze von Wladimir Putin
Hingegen scheint die Schmerzgrenze bei Kremlchef Wladimir Putin noch längst nicht erreicht. Zwar leidet die Wirtschaft unter den Sanktionen: Anfang 2025 schrumpfte sie, und für das laufende Jahr wird nur ein Wachstum von etwa einem Prozent erwartet. Vor Kurzem sah sich die Regierung gezwungen, mehrere Steuern zu erhöhen, um die Staatskasse zu füllen. Doch nicht zuletzt dank der anhaltenden Unterstützung Chinas – etwa durch kriegsrelevante Güter und Ölkäufe – läuft die Kriegsmaschinerie unvermindert weiter.
Hinzu kommt, dass Selenskyj es auf US-Seite mit Verhandlern zu tun hat, die Russland offenbar näherstehen als der Ukraine. Der erste Plan, den die Russen gemeinsam mit den Amerikanern ausgehandelt hatten, trug deutlich die Handschrift Moskaus. Trumps wichtigster Unterhändler, Steve Witkoff, gilt als kremlnah, was zuletzt ein geleaktes Telefonat von ihm mit dem ranghöchsten außenpolitischen Berater von Wladimir Putin, Juri Uschakow, gezeigt hat.
Selenskyjs Hoffnungen dürften nun darauf ruhen, dass die EU ihre Unterstützung endlich verstärkt. Derzeit wird in Europa mit Hochdruck daran gearbeitet, die eingefrorenen russischen Vermögenswerte nutzbar zu machen – das könnte der Ukraine immerhin rund 140 Milliarden Euro an Mitteln zuführen.
Seine zweite Hoffnung richtet sich auf die USA. Vielen Republikanern missfällt, wie Trumps Sondergesandter Witkoff mit der Ukraine umgeht. Selenskyjs – und damit auch Europas – größte Hoffnung liegt auf dem Einfluss von US-Außenminister Marco Rubio. Er gilt als Russland-Hardliner, der die Positionen der Ukraine ernst nimmt.