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Gastkommentar aus DavosEuropas Banken bremsen innovative Lösungen für die Verteidigung

Damit Innovationen in Massenproduktion münden, brauchen Firmen ausreichend Kapital. Die Banken müssen sich der Branche dafür mehr öffnen, fordert Dame Fiona Murray. 19.01.2026 - 03:59 Uhr Artikel anhören
Dame Fiona Murray ist Vorsitzende des Nato Innovation Fund. Foto: nif, reuters

Während sich Staats- und Regierungschefs in Davos treffen, steht Europa vor einer entscheidenden Frage: Können wir politischen Willen in industrielle Kapazität umsetzen? Die historische Verpflichtung der Nato, die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen, signalisiert eine beispiellose Chance für mehr Innovation und in der Folge eine bessere Verteidigungsfähigkeit. Doch das allein reicht nicht. Der Innovation muss auch die Massenproduktion folgen.

Die Faktenlage ist eindeutig. Das europäische Risikokapital im Bereich Verteidigung, Sicherheit und Resilienz (DSR) erreichte 2025 rund acht  Milliarden Euro – ein Anstieg um etwa 50 Prozent im Jahresvergleich. Der Kapitalzufluss in diesem Sektor beschleunigt sich.

In der Ukraine wird zudem deutlich, dass es ambitionierte Start-ups und Scale-ups sind, die neue Verteidigungsfähigkeiten entwickeln. Diese Innovationen werden jedoch keine Ergebnisse liefern, wenn sie nicht zur Serienproduktion skaliert werden und die Endnutzer erreichen.

Europas Innovations-Ökosysteme bringen bahnbrechende Technologien hervor. Womit sie sich jedoch schwertun, ist, die industrielle Basis zu entwickeln, um diese Technologien in großem Maßstab herzustellen. Die Europäische Kommission hat festgestellt, dass 44 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen im Verteidigungssektor Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzmitteln haben – deutlich mehr als vergleichbare Unternehmen in anderen Bereichen. Diese Finanzierungslücke ist eine Schwachstelle in der nationalen Sicherheitsarchitektur.

Europas Finanzsektor hat mit der wachsenden Verteidigungsbranche nicht Schritt gehalten

Während Early-Stage-Investitionen immer mehr zunehmen, bestehen später kritische Lücken in der Kapitalstruktur. Innovative Unternehmen können nicht ohne ein Finanzsystem skalieren, das das nötige Kapital bereitstellt. Hier geht es um den Zugang zu Krediten, Bürgschaften, Exportfinanzierung oder selbst einfachen Bankdienstleistungen.

Der europäische Finanzsektor hat jedoch mit dem rasant expandierenden DSR-Markt nicht Schritt gehalten. Ein Teil des Problems liegt in den besonderen Herausforderungen des Verteidigungssektors: Er hat einen komplexen staatlichen Kunden, ist erheblichen geopolitischen Risiken ausgesetzt, sorgt für nationale Sicherheit als ein oft unterschätztes Gut und wird historisch als etwas angesehen, das im Widerspruch zu ESG-Parametern steht.

Um das zu ändern, muss Europa vier Hindernisse überwinden.

Erstens: Banken müssen ihre internen Richtlinien systematisch überarbeiten. Etwa zehn Prozent der 75 größten Banken Europas halten an weitreichenden Beschränkungen für Dual-Use-Technologien oder sogar die gesamte Verteidigungsindustrie fest.

Ausgerechnet Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich – Länder, die am nachdrücklichsten für erhöhte Verteidigungsausgaben eintreten – haben Finanzinstitute mit den restriktivsten Richtlinien. Banken müssen zwischen umstrittenen Waffen und legitimen Verteidigungstechnologien unterscheiden, die demokratische Werte schützen.

Zweitens: Fachwissen muss gezielt aufgebaut werden. Die Unkenntnis vieler Banken darüber, wie komplex staatliche Verträge sind, schafft einen Teufelskreis, in dem sie die Kreditvergabe an Verteidigungsunternehmen gänzlich vermeiden. Die Deutsche Bank bietet mit ihrem spezialisierten Team für mittelständische Verteidigungsunternehmen ein Modell für den Aufbau interner Kompetenzen.

Europa braucht Innovation und Industrialisierung

Drittens: Regulatorische Prozesse müssen gestrafft werden. Aktuelle Due-Diligence-Regelungen schaffen mühsame, redundante Verfahren. Ein standardisiertes System ähnlich dem US-amerikanischen FedRamp könnte sicherstellen, dass nötige Sicherheitsmechanismen eingehalten und schnelle Verfahren ermöglicht werden.

Viertens: Risiken müssen angemessen verteilt werden. Die Europäische Investitionsbank hat das Volumen der Rahmenkredite für Verteidigungszwecke auf drei Milliarden Euro verdreifacht. Das zeigt, wie öffentlich-private Partnerschaften die Kreditvergabe risikoärmer gestalten können. Auch die Dynamik hinter der geplanten DSR-Bank ebnet den Weg für neue Kreditgarantien und Exportfinanzierungen.

Europa kann nicht zwischen Innovation und industrieller Kapazität wählen – es muss beides gleichzeitig verfolgen. Innovation führt zu Lösungen; Industrialisierung liefert sie an diejenigen, die sie benötigen. Jedes Element befeuert das andere. Diese symbiotische Beziehung bildet das Fundament sowohl für Sicherheit als auch für wirtschaftliche Stärke.

Das Fünf-Prozent-Ziel der Nato kann signifikantes Wachstum katalysieren – jedoch nur, wenn hochinnovative Unternehmen Zugang zu denselben Bank- und Finanzierungsmöglichkeiten erhalten, die anderen Sektoren zur Verfügung stehen. Die Lösungen existieren. Was jetzt erforderlich ist, ist koordiniertes Handeln von Finanzinstituten, Regierungen und Regulierungsbehörden.

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Europas industrielle Basis wird darüber entscheiden, ob politisches Engagement in echte Fähigkeiten übersetzt wird. Es ist Zeit für Konsequenz. Unsere Sicherheit und unsere wirtschaftliche Zukunft hängen davon ab, dass wir es richtig machen.

Die Autorin: Dame Fiona Murray ist Vorsitzende des Nato Innovation Fund.

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