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Morning BriefingErpressungszölle wegen Grönland – überreizt Trump sein Blatt?

Christian Rickens 19.01.2026 - 06:01 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Grönland-Zölle: Europa versucht den Gegenschlag / Davos: Wirtschaftsforum im Zeichen von Trump

Gerade eben
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Liebe Leserinnen und Leser,

in den rund zehn Jahren, die Donald Trump inzwischen meinen journalistischen Alltag begleitet, hatte ich einen Gedanken häufiger als alle anderen: „Jetzt ist er zu weit gegangen, mit DER Nummer kann er unmöglich durchkommen.“ Zum Glück habe ich das häufiger gedacht als geschrieben, denn bislang ist Trump mit allem durchgekommen.

Andererseits: Bisherige Entwicklungen einfach in die Zukunft fortzuschreiben, ist eine der häufigsten Ursachen für Fehlprognosen. Nur weil der Moment, in dem Trump an seine Grenzen stößt, bislang nicht eingetreten ist, bedeutet das nicht, dass der Moment nicht irgendwann kommen kann.

Markierte dieses Wochenende womöglich diesen Zeitpunkt? Trumps Ankündigung, ab 1. Februar Strafzölle gegen Dänemark und sieben seiner Verbündeten zu verhängen, inklusive Deutschland, bedeutet in mehrfacher Hinsicht eine neue Eskalationsstufe.

  • Mit der neuen Zoll-Drohung kündigt Trump das Zollabkommen mit der EU auf, das eigentlich für diese Woche zur Ratifizierung im EU-Parlament anstand. Das wird nun nicht passieren. Damit könnten bereits verhängte, aber wegen des Zollabkommens aufgeschobene EU-Strafzölle gegen die USA im Volumen von 93 Milliarden Euro automatisch am 6. Februar in Kraft treten.
  • Bereits dieses Zollabkommen beruhte auf massivem amerikanischen Druck, dem die EU nachgab. Spätestens jetzt ist klar: Deals mit Trump sind so verlässlich wie die mit einem Schutzgelderpresser. Dementsprechend wirken die Europäer dieses Mal vergleichsweise entschlossen zu harten Gegenmaßnahmen.
  • Trumps Forderung, Grönland unter US-Kontrolle zu stellen, ist in den USA zutiefst unpopulär. Laut einer Ipsos-Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur Reuters unterstützen nur 17 Prozent der US-Bevölkerung sein Vorgehen in dieser Frage. Mehrere republikanische Senatorinnen und Senatoren beziehen öffentlich Stellung gegen die Grönland-Annexion und die Strafzölle.
  • Trump ist alles andere als ein beliebter Präsident. Genau genommen: Er ist ähnlich unbeliebt, wie es Joe Biden nach einem Jahr im Weißen Haus war, und das will etwas heißen. Das liegt nicht nur an Grönland, sondern an einer Vielzahl von Themen. So werden die brutalen Methoden der Abschiebe-Polizei ICE inzwischen auch außerhalb des linken Lagers kritisiert. Der populäre US-Podcaster Joe Rogan, dessen Unterstützung Trump 2024 bei der Wiederwahl half, stellte jüngst die rhetorische Frage: „Wollen wir wirklich die Gestapo werden?“
António Costa: Der EU-Ratspräsident wird nach den neuen Zoll-Drohungen von US-Präsident Donald Trump im Grönland-Streit einen Sondergipfel einberufen. Foto: AFP

Fazit: Trump ist nicht unverwundbar. Seine Stärke speist sich aus der Angst und der Schwäche seiner Gegner. Möglich, dass er auch dieses Mal damit durchkommt. Die Europäer sind schließlich geübt darin, erst von Konsequenzen zu schwadronieren und sich dann in Duldungsstarre auf den Boden zu legen.

Aber sollte in den Geschichtsbüchern einmal stehen, dass der Januar 2026 den Zenit von Trumps Macht markierte, wäre ich zumindest nicht verwundert. Ähnlich sieht es unser Brüsseler Büroleiter Jakob Hanke Vela.

Alles Aktuelle zur Grönlandkrise und den Zoll-Drohungen finden Sie in unserem Nachrichtenblog.

Davos im Zeichen von Trump

Einen Erfolg hat der US-Präsident bereits erzielt: Das Jahrestreffen des World Economic Forum, das heute in Davos beginnt, könnte sich ebensogut in Donald-Trump-Festspiele umbennennen, so sehr dominiert Trump dort das Geschehen. Der für Mittwoch geplante Auftritt des US-Präsidenten galt schon vor der Zolldrohung als spektakulärster Programmpunkt. Tracy Francis, Senior Partnerin der Beratungsgesellschaft McKinsey, beobachtet:

Die Teilnehmer haben ihre eigene Agenda regelrecht um den Tag herum geplant, für den seine Rede erwartet wurde

Auch die Regierungschefs der EU wollen dem Vernehmen nach das Treffen in Davos nutzen, um Trump im direkten Gespräch doch noch von seinen Zollplänen abzubringen.

US-Präsident Donald Trump während seines ersten Davos-Besuchs: Trump spricht am Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum. Foto: Gian Ehrenzeller/KEYSTONE/dpa

Dommermuth kritisiert „Souveränitäts-Washing“

Immer wenn es um transatlantische Konflikte geht, rückt schnell ein verwandtes Thema ins Zentrum der Debatte: die digitale Abhängigkeit Europas von den USA. Cloud, KI, Chips, Daten – es gibt kaum einen Bereich der modernen Wirtschaft, in dem amerikanische Konzerne nicht die Infrastruktur kontrollieren. Was passiert, wenn ein US-Präsident diese Macht offen als politisches Druckmittel einsetzt?

Für Ralph Dommermuth ist das keine theoretische Frage mehr. „Es ist nahezu unmöglich, den US-Vorsprung aufzuholen“, sagt der Gründer von United Internet im Handelsblatt-Interview. „Unsere Abhängigkeit nimmt Tag für Tag zu und unsere Gestaltungsmacht ab.“

Dommermuth hält die aktuelle Souveränitätsdebatte für trügerisch. Zwar würden Politik und Konzerne milliardenschwere Programme ankündigen, doch die Abhängigkeit von US-Recht, US-Plattformen und technischen US-Ökosystemen bestehe fort. Dommermuth:

Das ist feinstes Souveränitäts-Washing.
Ralph Dommermuth: Der Unternehmer baut ein Mobilfunknetz und bietet E-Mail-Konten für Millionen von Deutschen. Foto: Dpa(2), Imago [M]

Bericht: Bis zu 18.000 Tote bei Iran-Protesten

Bei den Protesten im Iran könnten weit mehr Menschen getötet worden sein als bislang angenommen. Nach Informationen der Zeitung „The Sunday Times“ aus London soll die Zahl der Todesopfer bei 16.500 bis 18.000 Menschen liegen. Mitarbeiter in Notaufnahmen und Kliniken hätten diese Zahlen zusammengetragen, heißt es in dem Bericht. Weitere 330.000 bis 360.000 Menschen seien bei den Zusammenstößen verletzt worden.

Irans oberster Führer Ali Chamenei hatte am Samstag erstmals eingeräumt, dass es Tausende Tote während der Proteste gegeben habe. Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Die Zusammenstöße hatten Ende Dezember wegen der dramatischen Wirtschaftskrise und der hohen Inflation begonnen. Sie weiteten sich jedoch schnell zu politischen Demonstrationen gegen das autoritäre Regime der Islamischen Republik aus.

Das Foto soll die Proteste im Iran zeigen: Die Lage ist aus dem Ausland nur schwer zu überblicken. Foto: Uncredited/UGC/AP/dpa

Geesthacht statt Grönland?

Nach dem jüngsten Schneefall und Dauerfrost kommt es auf der Elbe bei Geesthacht zu einem seltenen Phänomen: Dort türmen sich am Ufer meterhohe Eisberge. Womöglich werden wir die Einwohner Geesthachts demnächst um das ultimative Opfer bitten müssen: dass sie sich als Grönländerinnen und Grönländer ausgeben, ihr Ortsschild in „Nuuk“ ändern und ihre Stadt freiwillig an Trump übergeben. Solange in Geesthacht noch genug Eis herumliegt, könnte dieses kleine Täuschungsmanöver die transatlantische Partnerschaft retten – oder was von ihr noch übrig ist.

Ich wünsche Ihnen einen kühlen Kopf zum Wochenauftakt.

Herzliche Grüße,

Ihr

Christian Rickens

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PS: Zum Optimismus scheint es zum Auftakt dieser Woche wenig Anlass zu geben. Und dennoch existiert zu ihm keine Alternative. Denn ein allzu düsterer Blick auf die Zukunft kann die Innovationsfähigkeit ganzer Gesellschaften lähmen. In der aktuellen Folge des Handelsblatt-Podcasts „Meckel & Matthes“ diskutieren Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes und die Publizistin Miriam Meckel, wie Deutschland wieder zur Innovationsgesellschaft werden kann, welche psychologischen Kniffe dabei helfen – und was sich von Ländern wie Norwegen lernen lässt.

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