EZB: Olli Rehn ist Favorit für die Vizepräsidentschaft
Brüssel/Frankfurt. Wer wird der nächste Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB)? Darüber beraten am Montag die Finanzminister der Euro-Zone. Das Kandidatenfeld ist mit sechs Bewerbern ungewöhnlich groß, einen Favoriten gibt es trotzdem.
Die Amtszeit des Spaniers Luis de Guindos läuft im Mai ab. Dem Vernehmen nach könnte die Entscheidung über seinen Nachfolger zügig fallen. Beteiligte halten es aber ebenso für möglich, dass die Finanzminister sich angesichts der vielen Bewerbungen bis Februar Zeit lassen.
Die besten Aussichten hat Insidern zufolge der Finne Olli Rehn. Der 63 Jahre alte Ökonom ist seit 2018 Notenbankchef seines Heimatlandes. In diesem Amt entscheidet er bereits seit siebeneinhalb Jahren im EZB-Rat über die Geldpolitik mit. Vorher war er Wirtschaftsminister Finnlands. Bis 2014 war er zehn Jahre lange EU-Kommissar, zeitweise als einer der Vizepräsidenten.
Ebenfalls nominiert sind der Portugiese Mário Centeno, der Lette Martins Kazaks, der Este Madis Müller, der Litauer Rimantas Sadzius und der Kroate Boris Vujcic. „Alle Kandidaten bringen relevante Erfahrung und kommunikative Stärke mit“, sagt Christian Schulz, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors. Aber auch für ihn ist Rehn „wohl der Favorit“.
DZ-Bank-Analyst Christian Reicherter hat „keine Zweifel an seiner grundsätzlichen Eignung“. Beobachter heben hervor, dass Rehn über Krisenerfahrung verfügt. Während der Schuldenkrise in der Euro-Zone war der Finne in Brüssel für Wirtschaft und Währung zuständig.
Spanien und Deutschland konkurrieren um EZB-Spitze
Fachkompetenz ist allerdings nicht das einzige Kriterium, mitunter sogar nachrangig. Deutlich wird das an der EZB-Präsidentin: Christine Lagarde ist Juristin, nicht Ökonomin. Trotzdem setzte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sie 2019 als oberste Notenbankerin durch, im Tandem mit Ursula von der Leyen an der Kommissionsspitze.
Eine übergeordnete Rolle spielen nationale Interessen. Die vier größten Euro-Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien besetzen üblicherweise vier der sechs Stellen im EZB-Direktorium, dem Vorstand der Notenbank. Dass die spanische Regierung dieses Mal keinen Nachfolgekandidaten nominiert hat, ist Kalkül.
Die Spanier haben es auf einen noch mächtigeren Posten abgesehen: die EZB-Präsidentschaft. Lagardes Amtszeit endet im November 2027. Als offenes Geheimnis gilt, dass Pablo Hernández de Cos bereitsteht. Er war Spaniens Notenbankchef und führt aktuell die „Notenbank der Notenbanken“, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.
Nadia Calviño wird ebenfalls als mögliche Nachfolgerin Lagardes gehandelt. Die Spanierin ist momentan Chefin der EU-Förderbank EIB. Doch auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel und Bundesbankchef Joachim Nagel machen sich Hoffnungen. Denn die Bundesregierung hegt Ansprüche auf die EZB-Präsidentschaft.
Schnabel und Calviño kommt zugute, dass insbesondere das Europäische Parlament großen Wert auf Frauen in europäischen Führungspositionen legt. Insofern sei es „unglücklich“, dass alle sechs Bewerber für seine Nachfolge Männer seien, räumte EZB-Vize de Guindos in einem Interview mit „Politico“ ein.
Für Zweifel im Lager des Favoriten Rehn sorgt der Umstand, dass die Abgeordneten im Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments den Letten Kazaks oder den Portugiesen Centeno vorziehen. Doch die Meinung der Parlamentarier nehmen die Finanzminister allenfalls höflich zur Kenntnis. Die Entscheidung treffen letztlich die Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel im März.
Kazaks hat den Nachteil, dass die Nachbarländer Estland und Litauen eigene Bewerber ins Rennen schicken: Notenbankpräsident Müller und Finanzminister Sadzius, der als einziger Bewerber nie Geldpolitiker war. „Wahrscheinlich wäre es für die Balten besser gewesen, sich auf einen Kandidaten zu einigen“, heißt es. Denn sie nehmen einander Stimmen weg.
Drei Sitze im EZB-Direktorium vakant
Insgesamt untermauern die Osteuropäer mit gleich vier Bewerbungen ihren Anspruch, mehr Mitsprache an der EZB-Spitze zu bekommen. Kroatiens Regierung hat Notenbankchef Vujcic nominiert, der 2023 für die Euro-Einführung zuständig war.
Centeno, bis September Präsident der portugiesischen Notenbank, hat sich intern gegen seine Kollegin Clara Raposo durchgesetzt. Eine Hürde könnte für ihn der Länderproporz sein, sagt Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Denn Portugal hatte die EZB-Vizepräsidentschaft bereits von 2010 bis 2018 in Person von Vítor Constâncio inne.
„Proporzkriterien könnten für Überraschungen sorgen“, sagt Schulz. Das gilt umso mehr für das kommende Jahr, wenn gleich drei Sitze im EZB-Direktorium vakant werden.