Tengelmann verkauft an Edeka: „Wir sehen keine Perspektive mehr“
Erivan Haub hatte Tengelmann zu einem großen Konzern ausgebaut. Nun wird das Traditionsgeschäft – die Supermarktkette Kaiser's – verkauft.
Foto: ImagoDüsseldorf. Die Supermärkte der Tengelmann-Gruppe wechseln den Besitzer. Nach Informationen des Handelsblatts gehen die Kaiser's-Supermärkte an den Konkurrenten Edeka. In einem Statement kündigte Tengelmann an, die Supermarkttochter Kaiser's Tengelmann zum 30. Juni 2015 an Edeka abzugeben. Zum Verkaufspreis äußerte sich das Unternehmen nicht. Darüber haben die beiden Vertragspartner Stillschweigen vereinbart. Die kartellrechtliche Zustimmung steht noch aus.
Bereits im Sommer hatte das Mülheimer Handelshaus angekündigt, sein defizitäres Supermarktgeschäft zu überprüfen. „Das Ergebnis der Analyse ist auf schmerzliche Weise eindeutig“, sagt Karl-Erivan Haub, Geschäftsführender und persönlich haftender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Tengelmann. „Wir sehen leider keine Perspektive mehr, unsere Supermärkte aus eigener Kraft zu einem profitablen Unternehmen zu machen.“
Im Jahr 1867 gründen der Kaufmann Wilhelm Schmitz und seine Ehefrau Louise, geborene Scholl, in Mülheim an der Ruhr die Schokoladenfabrik Wissoll und bald darauf einen Kolonialwarenhandel - seit fünf Generationen liegt das international agierende Imperium inzwischen in den Händen der Familie.
(Das Foto stammt aus den 20er Jahren und zeigt Angestellte)
Foto: akg-imagesDer Urenkel Erivan Haub, der 1932 zur Welt kommt, macht eine Lehre als Großhandelskaufmann in den USA, studiert in Hamburg und Mainz Volkswirtschaftslehre, volontiert bei Banken - unter anderem bei der Commerzbank - und in der Immobilienbranche, ehe sich 1963 ein Platz bei Tengelmann in Wiesbaden für ihn findet. Im Jahr 1969 tritt Erivan Haub die Nachfolge seines Onkels, der plötzlich verstorben ist, an und beginnt mit der gezielten Expansion durch die Übernahme mehrerer Handelsketten.
Foto: Pressefoto Tengelmann GruppeHelga Otto (rechts) wächst mit ihren Eltern Irma und Rudolf Otto sowie drei Geschwistern im südbadischen Emmendingen und Hinterzarten (Schwarzwald) auf. Nach dem Abitur schreibt sie sich in Hamburg für Wirtschaftswissenschaften ein – damals ein Fach, in dem Frauen noch eine Rarität sind.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: Tengelmann1958 heiratet der Amerika-Fan Erivan Haub die Diplomkauffrau Helga. Als in den fünfziger Jahren der Kalte Krieg zu eskalieren droht, schafft sich die Familie ein zweites Zuhause in Tacoma bei Seattle an der Westküste; hier kommen zwischen 1960 und 1964 alle drei Söhne, Karl-Erivan, Georg und Christian, zur Welt.
(Foto: Provataufnahme aus dem Jahr 1984)
Foto: TengelmannIn den folgenden Jahrzehnten baut Erivan Haub den überschaubaren Betrieb zu einem der weltweit größten Handelsunternehmen aus.
Foto: dpaIm Jahr 2000 wagt der Unternehmer die Expansion nach China und eröffnet den ersten Obi-Baumarkt. Zwei Jahre später träumt er von 100 Filialen im Reich der Mitte, doch 2005 muss Obi seine 18 Märkte wieder verkaufen, weil sie keine schwarzen Zahlen schreiben.
Foto: Antonio Pisacreta/ROPIDer Auslistung von Froschschenkeln und Schildkrötensuppe Anfang der 80er Jahre verdankt das Unternehmen seine Pionierrolle im Umweltschutz und gleichzeitig sein einprägsames Umweltzeichen.
Foto: HandelsblattIm Jahr 1992 wird Erivan Haub (links), der in Amerika studiert hat, die Ehrendoktorwürde der St. Joseph's University von Philadelphia (USA) verliehen.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: TengelmannErivan Haub erhält in seinem Leben noch viele weitere Auszeichnungen. Dazu zählt auch 2004 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und 2007 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2005 verleiht ihm seine Heimatstadt Wiesbaden die Bürgermedaille in Gold und am 1. Juli 2008 ernennt ihn die Stadt Idstein im Taunus zum Ehrenbürger, wo er sich (Foto) in das Goldene Buch eingetragen hat.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: TengelmannIn Amerika setzt Helga Haub 2008 gegen viel Widerstand durch, dass Recycling-Müllsäcke und -einkaufsbeutel für 99 US-Cent angeboten werden – die Amerikaner, die traditionell eher wenig Sinn für den Umweltschutz haben, sind begeistert.
Foto: Frank Beer für HandelsblattAn seinem 70. Geburtstag im Jahr 2002 übergibt Erivan Haub offiziell die Geschäftsführung in die Hände der nächsten Generation. Karl-Erivan Haub ist verantwortlich für das Europa-Geschäft, Christian Haub für die US-Kette A&P und Georg Haub kümmert sich um die Immobilien.
Foto: teutopressBereits im Jahr 2000 übergab Erivan Haub die Führung der Tengelmann-Gruppe an seine Söhne, 2012 zog er sich zu seinem 80. Geburtstag dann vollständig ins Privatleben zurück. 2018 stirbt Erivan Haub am 6. März unerwartet im Alter von 85 Jahren.
Foto: Frank Beer für HandelsblattKaiser's besitzt nach Angaben von Tengelmann lediglich einen Marktanteil von 0,6 Prozent. Die Supermarktkette betreibt 451 Filialen in Deutschland und beschäftigt knapp 16.000 Mitarbeiter. Tengelmann selbst gibt einen Nettoumsatz von 1,8 Milliarden Euro aus.
Nach Unternehmensangaben hat sich die Familie Haub lange „gegen einen Verkauf des Traditionsgeschäftsfeldes gesträubt“, hieß es in einem Statement. „Zu erkennen, dass der Verkauf unseres Supermarktunternehmens letztlich unausweichlich wurde, war für meine Familie und mich persönlich sehr schwer“, sagte Haub demnach. Nun hofft er, den Mitarbeitern mit diesem Schritt eine Zukunftsperspektive bieten zu können.
Neben Kaiser's sollen auch die Online-Töchter an Edeka gehen. Dazu zählen die beiden Internetportale Plus.de und GartenXXL.de. Sie soll laut Tengelmann in die Edeka-Tochter Netto integriert werden. Dort habe der Onlineshop „deutlich größere Marktchancen“ denn als alleiniger Spieler, so Haub. Edeka-Chef Markus Mosa gab an, dass dies nach dem Zusammenschluss von Plus und Netto vor sechs Jahren „ein weiterer wichtiger und strategischer Entwicklungsschritt“ sein werde.
Edeka gab in einem Statement als Ziel an, „den genossenschaftlichen Förderauftrag“ fortzusetzen und „die Standorte nach und nach an selbstständige Kaufleute zu übergeben“. Edeka-Chef Markus Mosa bezeichnete den Erwerb der Tengelmann-Filialen als „Stärkung der lokalen und regionalen Wirtschaft“. Eine stärkere Konzentration von Edeka-Märkten sieht er dadurch nicht.
Das Bundeskartellamt könnte dies anders sehen. Es muss dem Verkauf noch zustimmen. Ein „Ja“ zum Besitzerwechsel ist aber längst nicht gewiss. Erst in der vergangenen Woche hatte die Behörde die große Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel bemängelt. Edeka hat sich rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels mit Aldi, Rewe und der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) aufgeteilt. Kartellamtspräsident Andreas Mundt sagte erst in der vergangenen Woche, es drohe eine weitere Verschlechterung des Wettbewerbs.
Auch die Tochtergesellschaften Bringmeister, Birkenhof und Ligneus gehen an Edeka. Tengelmann zählt zu den größten Einzelhändlern in Deutschland und besitzt auch Anteile an Obi, Tedi und Netto. Auf Anfrage von Handelsblatt Online gab Tengelmann an, diese Anteile behalten zu wollen.
Inzwischen versucht sich Tengelmann auch auf anderen Geschäftsfeldern. Mit der Tochter Tengelmann E-Commerce Beteiligungs-GmbH investiert der Traditionskonzern aus Mülheim auch in Start-ups und ist unter anderem am seit kurzem börsennotierten Onlinehändler Zalando beteiligt.