Handelskonzern: Tengelmann-Patriarch Erivan Haub mit 85 Jahren verstorben
Der Tengelmann-Patriarch ist im Alter von 85 Jahren verstorben.
Foto: Frank Beer für HandelsblattMülheim/Ruhr. In der breiten Öffentlichkeit war sein Name bis zuletzt fast unbekannt: Erivan Haub. Dabei schrieb der nun im Alter von 85 Jahren verstorbene Unternehmer in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren Einzelhandelsgeschichte.
Zu dem von ihm unter dem Dach der Unternehmensgruppe Tengelmann errichteten Familienimperium gehören Deutschlands größter Textildiscounter Kik und die Baumarktkette Obi – und lange Zeit war das Unternehmen auch im Lebensmittelhandel ein ernstzunehmender Wettbewerber. „Forbes“ schätzt das Vermögen der Unternehmerfamilie auf rund 6,4 Milliarden Dollar.
Geprägt wurde der am 29. September 1932 in Wiesbaden geborene Diplomvolkswirt nicht zuletzt durch seine in den 1950er Jahren erworbenen Erfahrungen in den USA. „Die Freude am Gestalten und am Führen, die habe ich in Amerika gelernt und sofort auf Deutschland übertragen“, erinnerte er sich später.
Im Jahr 1867 gründen der Kaufmann Wilhelm Schmitz und seine Ehefrau Louise, geborene Scholl, in Mülheim an der Ruhr die Schokoladenfabrik Wissoll und bald darauf einen Kolonialwarenhandel - seit fünf Generationen liegt das international agierende Imperium inzwischen in den Händen der Familie.
(Das Foto stammt aus den 20er Jahren und zeigt Angestellte)
Foto: akg-imagesDer Urenkel Erivan Haub, der 1932 zur Welt kommt, macht eine Lehre als Großhandelskaufmann in den USA, studiert in Hamburg und Mainz Volkswirtschaftslehre, volontiert bei Banken - unter anderem bei der Commerzbank - und in der Immobilienbranche, ehe sich 1963 ein Platz bei Tengelmann in Wiesbaden für ihn findet. Im Jahr 1969 tritt Erivan Haub die Nachfolge seines Onkels, der plötzlich verstorben ist, an und beginnt mit der gezielten Expansion durch die Übernahme mehrerer Handelsketten.
Foto: Pressefoto Tengelmann GruppeHelga Otto (rechts) wächst mit ihren Eltern Irma und Rudolf Otto sowie drei Geschwistern im südbadischen Emmendingen und Hinterzarten (Schwarzwald) auf. Nach dem Abitur schreibt sie sich in Hamburg für Wirtschaftswissenschaften ein – damals ein Fach, in dem Frauen noch eine Rarität sind.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: Tengelmann1958 heiratet der Amerika-Fan Erivan Haub die Diplomkauffrau Helga. Als in den fünfziger Jahren der Kalte Krieg zu eskalieren droht, schafft sich die Familie ein zweites Zuhause in Tacoma bei Seattle an der Westküste; hier kommen zwischen 1960 und 1964 alle drei Söhne, Karl-Erivan, Georg und Christian, zur Welt.
(Foto: Provataufnahme aus dem Jahr 1984)
Foto: TengelmannIn den folgenden Jahrzehnten baut Erivan Haub den überschaubaren Betrieb zu einem der weltweit größten Handelsunternehmen aus.
Foto: dpaIm Jahr 2000 wagt der Unternehmer die Expansion nach China und eröffnet den ersten Obi-Baumarkt. Zwei Jahre später träumt er von 100 Filialen im Reich der Mitte, doch 2005 muss Obi seine 18 Märkte wieder verkaufen, weil sie keine schwarzen Zahlen schreiben.
Foto: Antonio Pisacreta/ROPIDer Auslistung von Froschschenkeln und Schildkrötensuppe Anfang der 80er Jahre verdankt das Unternehmen seine Pionierrolle im Umweltschutz und gleichzeitig sein einprägsames Umweltzeichen.
Foto: HandelsblattIm Jahr 1992 wird Erivan Haub (links), der in Amerika studiert hat, die Ehrendoktorwürde der St. Joseph's University von Philadelphia (USA) verliehen.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: TengelmannErivan Haub erhält in seinem Leben noch viele weitere Auszeichnungen. Dazu zählt auch 2004 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und 2007 der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Jahr 2005 verleiht ihm seine Heimatstadt Wiesbaden die Bürgermedaille in Gold und am 1. Juli 2008 ernennt ihn die Stadt Idstein im Taunus zum Ehrenbürger, wo er sich (Foto) in das Goldene Buch eingetragen hat.
(Foto: Privataufnahme)
Foto: TengelmannIn Amerika setzt Helga Haub 2008 gegen viel Widerstand durch, dass Recycling-Müllsäcke und -einkaufsbeutel für 99 US-Cent angeboten werden – die Amerikaner, die traditionell eher wenig Sinn für den Umweltschutz haben, sind begeistert.
Foto: Frank Beer für HandelsblattAn seinem 70. Geburtstag im Jahr 2002 übergibt Erivan Haub offiziell die Geschäftsführung in die Hände der nächsten Generation. Karl-Erivan Haub ist verantwortlich für das Europa-Geschäft, Christian Haub für die US-Kette A&P und Georg Haub kümmert sich um die Immobilien.
Foto: teutopressBereits im Jahr 2000 übergab Erivan Haub die Führung der Tengelmann-Gruppe an seine Söhne, 2012 zog er sich zu seinem 80. Geburtstag dann vollständig ins Privatleben zurück. 2018 stirbt Erivan Haub am 6. März unerwartet im Alter von 85 Jahren.
Foto: Frank Beer für HandelsblattDie Möglichkeit dazu bot sich ihm, als er 1963 in die familieneigene Handelsgruppe Tengelmann eintrat und wenige Jahre später die Leitung übernahm. Zu dieser Zeit machte die Gruppe insgesamt 1,4 Milliarden Mark Umsatz. Doch das reichte Haub nicht. Er schaltete rasch auf Expansion.
Der Kauf des Erzrivalen Kaiser's im Jahr 1971 war der Startschuss zu einer ganz großen Einkaufstour. Haub erwarb Unternehmen und Beteiligungen in den USA, den Niederlanden sowie Italien und expandierte nach Osteuropa. Und er wagte den Schritt vom reinen Lebensmittelhandel zum Handel mit Bekleidung und Baumaterialien. Insgesamt konnte er so nach Berechnungen des Handelsblatts die Erträge in gut 30 Jahren um das Fünfzigfache steigern.
Haub bewies bei seinen Aktivitäten oft eine glückliche Hand, allerdings nicht immer. Als sich der Firmenpatriarch zur Jahrtausendwende schweren Herzens vom Chefposten zurückzog und das operative Geschäft seinen drei Söhnen übergab, war das Unternehmen unübersehbar sanierungsbedürftig. Allzu lange hatte der Firmenpatriarch notwendige Anpassungen vermieden.
Vor allem der für das Europageschäft zuständige älteste Sohn Karl-Erivan Haub musste harte Einschnitte vornehmen. Schritt für Schritt zog er sich aus dem Lebensmittelhandel – der Keimzelle des Unternehmens – zurück. Den Abschluss bildete Ende 2016 der Verkauf der Supermarktkette Kaiser's-Tengelmann. Stattdessen investierte er in den boomenden Online-Handel.
Erivan Haub zeigte sich dennoch zufrieden mit seinem Lebenswerk, als er Anfang 2013 vom Handelsblatt zusammen mit seiner Frau Helga in die „Hall of Fame der Familienunternehmen“ aufgenommen wurde. „Ich war immer glücklich“, sagte er damals.
Gefragt, ob er im Rückblick irgendetwas anders machen würde, antwortete er ohne zu zögern: „Nicht einen Tag. Nicht ein Treffen. Nicht ein Fest. Nicht eine Zusammenkunft. Nicht eine Betriebsratssitzung. Nicht eine Aufsichtsratssitzung. Gar nichts Nichts. Nein.“
Doch machte der Unternehmer nicht nur mit seinem Expansionswillen Schlagzeilen, sondern auch mit seinem frühen Engagement für den Umweltschutz. Mit der Verbannung von Schildkrötensuppen aus den Supermarktregalen startete Haub 1984 die erste Umweltaktion in den eigenen Filialen. Weitere folgten. So wurden 1987 in der Unternehmensgruppe alle phosphathaltigen Waschmittel aus den Regalen verbannt, 1988 alle Sprays mit FCKW. Im Jahr 1990 wurde Haub dafür zum „Ökokomanager des Jahres“ gewählt.
Der Firmenpatriarch starb am Dienstag vergangener Woche (6. März) auf seiner Ranch im amerikanischen Wyoming, wie die Tengelmann-Gruppe mitteilte. Dort hatte er wenige Tage zuvor mit seiner Frau Helga noch die Diamantene Hochzeit gefeiert.