Kainchi Dham im Himalaya: Der Tempel der Tech-Gurus
Gelegen auf fast 2.000 Metern Höhe im Kumaon-Himalaya, wurde der Tempel in den 70er-Jahren zur Pilgerstätte für Hippies – dank Mark Zuckerberg kommen nun vor allem Techies.
Foto: ImagoAuf dem Weg zum inneren Frieden lässt die Smartphone-Verbindung nach. Die Reise führt über staubige Pisten im Norden Indiens, vorbei an brennenden Wäldern und Autowracks, deren Fahrer zu Fuß weiterzogen, und schließlich über die Serpentinen des Himalayas, wo eher gehupt als gebremst wird. Nach einer Kurve, wenn auch Google nicht mehr weiß, wo man zu verorten ist, taucht ein Flüsschen auf. Eine Brücke führt darüber, dahinter steht ein kleiner Tempel mit bunten Dächern: Kainchi Dham.
Ab und an betritt ein Sinnsuchender die Brücke. So auch jener Mann in zerrissenen Jeans und mit wenig Gepäck, an den sich die Dorfbewohner noch gut erinnern. Er sollte ihre Heimat berühmt machen, Jahre nachdem er diesen Weg einschlug. Viele im Dorf nennen die Anlage nach diesem Mann: „Zuckerberg-Tempel“.
Kainchi ist ein abgelegener Ort, der dank Mark Zuckerberg plötzlich viel Aufmerksamkeit erhält. Alles beginnt im vergangenen Herbst, Zehntausende Kilometer entfernt von Fluss und Tempel. Da nimmt Indiens Premier Narendra Modi in der Facebook-Zentrale in Menlo Park auf einer Couch neben Zuckerberg Platz. „Indien ist für mich persönlich und die Geschichte des Unternehmens sehr wichtig”, berichtet der Facebook-Gründer vor laufenden Kameras. „Ich habe das noch nicht öffentlich erzählt und viele wissen das nicht.” In einer schwierigen Phase, als er nicht wusste, ob er Facebook verkaufen sollte, habe Steve Jobs ihm ein Ashram in Indien empfohlen, das für die Entstehung Apples wichtig gewesen sei.
Bei einem Treffen mit Indiens Regierungschef Narendra Modi (li.) erzählte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg von seinem Erweckungserlebnis im Ahram – und löste so den Andrang in Kainchi Dham aus.
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Also machte sich Zuckerberg auf die Reise, über staubigen Bergpisten und die kleine Brücke, die er dann in zerrissenen Jeans überqueren sollte. „Dort habe ich gesehen, wie sehr viel besser die Welt wäre, wenn sich die Menschen verbinden könnten. Das hat mich wieder daran erinnert, wie wichtig das ist, was wir bei Facebook machen”, berichtet Zuckerberg auf der Couch im Silicon Valley, der Pilgerstätte der Techie-Szene in der westlichen Welt.
Was für eine Offenbarung, Indien steht Kopf. Facebook wäre nicht Facebook ohne Zuckerbergs Erweckungserlebnis? Steve Jobs verdankt Apples Erfolg dem Besuch eines Tempel in ihrem Land?
Reiseagenturen werben mit „Zuckerberg-Tempel”
Tausende reisten in die Berge, um den Ort der Erhellung zu betrachten, TV-Reporter filmten jeden Zentimeter der Tempelmauern ab. Den Boom förderten die Nachrichten, dass auch schon Google-Gründer Larry Page und Jeffrey Skoll, Mitgründer von Ebay, der spirituellen Sinnsuche gefrönt und Kainchi Dham besucht hatten. Prompt bewarben Reiseagenturen den „Zuckerberg-Tempel” als Rückzugsort für die Tech-Gemeinde, und die Jünger folgten dem Beispiel ihrer Gurus.
Auch an diesem Tag schlendern drei junge Männer durch die Anlage. Der eine trägt Vollbart, der Zweite eine dunkle Sonnenbrille, der Dritte ein gelbes Shirt mit Barcode auf dem Bauch. Vor Statuen knien sie nieder, legen die Hände zusammen, verharren einige Minuten. Der Sonnenbrillenträger lässt sie zwar auch im Angesicht des Gottes Vishnu auf der Nase, doch die Sache ist allen dreien ernst. „Es geht um Karma“, sagt Vishal Rawat, Träger des gelben Barecode-Shirts und Start-Up-Unternehmer. Karma, das ist die Idee, dass alle Taten und Gedanken belohnend oder bestrafend auf einen zurückwirken.
Die Gründer Vishal Rawat, Anmol Sachdera und Sumit Kumar Jha (v.l.n.r.) hoffen auf gutes Karma.
Foto: Frederic SpohrRawat baut gerade ein Reiseportal auf, auch seine Freunde machen sich mit einem Projekt selbstständig. Seit Monaten haben die drei IT-Unternehmer aus Neu Delhi ihre Reise in den Ashram geplant. Nach diesem Trip haben sie ein wichtiges Treffen mit Investoren, für das sie gutes Karma benötigen. Also haben sie sich mit ihren Taschen in einen Kleinwagen gesetzt und sind von der Hauptstadt aus acht Stunden lang gefahren, Richtung Osten und dann in die Berge.
Nach ihrem spirituellen Erlebnis gehen sie erst einmal eine Zigarette rauchen. Und erzählen: Eine Mischung aus Neugierde und Religiosität hat sie angetrieben. Der Reiseportal-Betreiber Rawat glaubt zum Beispiel, dass er schon einmal wegen des Karmas gescheitert ist. Bei seinem ersten Gründungsversuch habe ihn sein Geschäftspartner übers Ohr gehauen. „Wenn ich positiver und klarer gedacht hätte, dann wäre mir das vielleicht nicht passiert”, sagt er. „Für so was ist so ein Tempelbesuch natürlich gut.“ Die Analog liegt auf der Hand: Wenn die Pilgerfahrt Zuckerberg geholfen habe, warum dann nicht auch ihnen? Dabei dringen die Drei nicht einmal vor bis ins Innerste des Tempels, wo man übernachten kann. Dafür ist eine Empfehlung eines früheren Besuchers nötig, und die Anhänger des Tempelgründers Neem Karoli Baba sind eine eingeschworene Gemeinschaft.
So mancher aus dem Silicon Valley bekannte Name zeugt von der Verquickung von Valleykultur, Big Business und Spiritualität. Eine zentrale Person des Netzwerks ist zum Beispiel Larry Brilliant, ehemaliger Direktor von Google.org, dem philanthropische Arm von Google. Brilliant hatte einst Zuckerberg vermittelt, in Kainchi Dham übernachten zu dürfen.
Brilliant lebte in den 1970er-Jahren etwa drei Jahre in der Anlage und lernte in dieser Zeit auch Jobs kennen. Angelockt hatte die beiden das Buch „Be here now“ des Amerikaners Ram Dass. Es war eine Art Hippie-Bibel und lockte damals Dutzende Europäer und Amerikaner an, die rund um das Ashram hausten, meditierten, im Wald nach Essbarem suchten und, ganz profan, gegen Durchfallerkrankungen ankämpften.
Jobs reiste nach ein paar Wochen wieder ab. Zurück in den USA, lief er zunächst nur barfuß herum. An Spiritualität und Meditation blieb er sein Leben lang interessiert – und ermunterte auch seine Angestellten dazu. Über Bill Gates sagte er später einmal, auch der Microsoft-Gründer hätte in seiner Jugend mal ein Ashram besuchen sollen, dann wäre er jetzt nicht so engstirnig.
Wer den Ort aufsucht, in dem nun Techies aus aller Welt auf Erleuchtung hoffen, ist schnell gefangen von der bemerkenswerten, wenn nicht merkwürdigen Atmosphäre. Die Bewohner sind wie besessen vom Tempelgründer Neem Karoli Baba, jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Man habe ihn an unterschiedlichen Orten gleichzeitig gesehen, dort sei er einfach aufgetaucht, dann wieder verschwunden. Sie sehen ihn in ihren Träumen, er soll Kranke geheilt haben.
Mix aus Business und Spiritualität
In den Bergen rund um das Ashram leben einige alte Männer zurückgezogen in Höhlen, auch sie sind zu einer Attraktion geworden. Sie segnen Besucher, ja, sie könnten Wünsche erfüllen, glaubt jedenfalls Bhagwan Majil Majila, der oberhalb des Ashrams ein Hotel betreibt. Er kenne einen Inder aus Dubai, einen Geschäftsmann, der jetzt eine Statue zu einem der Alten hochbringen lasse, weil der ihn vor dem Bankrott bewahrt und durch seinen Segen reich gemacht habe.
Das Leben im Ashram selbst ist einfach. Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet, einige sind nicht einmal mit einem privaten WC ausgestattet. Die Gäste müssen strenge Regeln befolgen, etwa zu Sonnenauf- und Untergang die hinduistischen Götterstatuten einzeln abschreiten, innehalten und beten. Die Prozedur begleiten Trommler und Tempeldiener, die Kerzen vor den Statuen schwenken – die traditionelle Lichtzeremonie Arati, bei der die Energie der Götter auf die Gläubigen übertragen werden soll. Auch Zuckerberg, der 2008 zwei Nächte hier blieb, dürfte die Prozedur mitgemacht haben.
Der alte Mann, der zurückgezogen in einer Berghöhle oberhalb des Tempels wohnt, ist selbst zur Attraktion für Sinnsuchende geworden.
Foto: Frederic SpohrWas noch zur Inspiration verhelfen kann? Manche Besucher lesen, andere meditieren. Wie es in der Hausordnung heißt, wird es außerdem begrüßt, wenn sich die Gäste in der Anlage nützlich machen und zum Beispiel im Garten arbeiten. Auch abwaschen muss jeder selbst, und zwar traditionell mit Asche. Für die Bettwäsche ist ebenfalls jeder selbst zuständig.
In einem kleinen Kabuff in der Anlage, in dem man für 20 Cent kleine Bücher des Ashramgründers kaufen kann, sitzt Tempelmanager Dinesh. Er beobachtet, wie seit Zuckerbergs Bekenntnis mehr und mehr Menschen nach Kainchi kommen, und es freut ihn. Ja, er rechne auch damit, dass das Ashram in Zukunft noch mehr Top-Manager hervorbringen werde, denn: „Man lernt, geduldig und ausdauernd zu sein. Und das ist wichtig im Geschäftsleben.“
Nun, zunächst machen erst mal die kleinen Restaurants und Hotels, die hier eröffnet haben, bessere Geschäfte. Fotos von Zuckerberg oder Jobs im Ashram gibt es zwar nicht, aber die zahlreichen Anekdoten und Legenden, die fast jeder hier zum Besten geben kann, halten den Kult um den Tempel als Pilgerstätte für IT-Pioniere lebendig. „Steve Jobs hat damals in meinem Haus gewohnt“, sagt etwa Girish Chandra Tiwar, der hier einen Saftstand hat, ein Restaurant betreibt und Zimmer vermietet. Er zeigt auf sein Haus, direkt gegenüber des Tempels.
Haben die Dorfbewohner keine Angst, das ihr heiliger Ort durch den Zustrom Schaden nimmt? Schließlich geht es dieser Tage schon mal hektisch und laut zu. Nein, auch hier zeigt sich eine für westliche Gemüter vielleicht ungewohnte Offenheit für die Verquickung von Spiritualität und Business. „Mich stört nicht, dass jetzt so viele junge Leute kommen“, erklärt Rajar Kandapal, einer der Tempelpriester. „Im Gegenteil. Dieser Ort ist jetzt noch heiliger geworden.“