1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Banken + Versicherungen
  4. Banken
  5. Billie greift Factoring-Markt an: Offene Rechnungen im Ikea-Stil

Fintech-Gründer Grobe und KnechtOffene Rechnungen im Ikea-Stil

Nachdem Christian Grobe und Matthias Knecht ihren Kreditmarktplatz Zencap verkauft haben, bereiten sie ihr neues Fintech-Start-up vor: Billie. Es geht um Factoring. Das Geld kommt von einem alten Bekannten: Oliver Samwer.Frank Matthias Drost 16.02.2017 - 12:10 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Neues Start-Up „Billie“.

Foto: Pressefoto

Berlin. Noch sind nicht viele Mitarbeiter in der 14. Etage des Rocket-Towers in Berlin-Kreuzberg zu sehen. Unweit des Checkpoint Charlie haben die beiden ehemaligen McKinsey-Berater Christian Grobe und Matthias Knecht Quartier bezogen. Sie sind dabei, ein neues Unternehmensprojekt zu entwickeln, mit dem kurzfristige Liquiditätsengpässe kleiner Unternehmen unbürokratisch beseitigt werden sollen – ein Milliardenmarkt.

Mit ihren 35 Jahren haben sie eine fast noch jugendliche Ausstrahlung. Dabei sind sie gestandene Unternehmer. „Wenn man einmal erfahren hat, wie viel Spaß es macht, Unternehmen zu gründen, die reale Probleme lösen und das Leben vieler Menschen erleichtern, dann will man das eigentlich die ganze Zeit machen“, versucht Grobe, seine Gefühle zu beschreiben. Das sei fast „wie eine Sucht“.

Jahrelang schauten sich der Diplom-Volkswirt und promovierte Politikwissenschaftler Grobe und der promovierte Wirtschaftsingenieur Knecht im Auftrag von McKinsey Bilanzen an und klopften Unternehmensmodelle auf Schwachstellen ab. Sie wollten aber nicht immer nur Ratschläge erteilen, sondern es auch mal selbst als Unternehmer zu versuchen.

Kleine Unternehmen haben häufig Probleme, Bankkredite zu erhalten, hatten Grobe und Knecht festgestellt. Mit der Gründung von Zencap im Jahr 2014, einer digitalen Kreditplattform, wollten sie dieses Problem lösen. Beträge bis 150.000 Euro wurden dort ohne zwischengeschaltete Bank unter Privatpersonen und Unternehmen verliehen, ihre Kreditwürdigkeit per Algorithmus geprüft. Bald wurde eine der größten Plattformen, die britische Funding Circle, auf Zencap aufmerksam und übernahm das Berliner Unternehmen, an dem auch Rocket Internet von Oliver Samwer beteiligt war, im Herbst 2015.

Firma schweren Herzens verkauft

Schweren Herzens, räumen die Gründer ein. Denn alternativ wäre eine weitere Finanzierungsrunde in Höhe von 20 Millionen Euro möglich gewesen und damit der Erhalt der Selbstständigkeit. „Wir haben uns aber mit Funding Circle bewusst für die strategische Option entschieden. Mit der Übernahme von Zencap ist Funding Circle jetzt die global größte Plattform für Unternehmenskredite“, erklärt Knecht. Zuletzt zählte Zencap rund 100 Mitarbeiter.

Knecht und Grobe wurden zunächst Teil des Funding-Circle-Führungsteams und mit der Leitung des Europageschäfts betraut. Aber „strategische Differenzen“ waren der Grund für Knechts Ausstieg im Sommer des vergangenen Jahres. Grobe übernahm anschließend noch die Nachfolgersuche, bevor auch er Ende 2016 ausschied. Nach wie vor sei man aber „stolzer Anteilseigner“ von Funding Circle, betonen beide.

„In einer größeren Firma ist man eher Politiker als Visionär“, beschreibt Grobe den Rollentausch, mit dem sie nicht warm wurden. Sie wollen lieber wieder ihre Ideen verwirklichen. Und zwar im Team. „Keiner von uns beiden ist perfekt, aber wir ergänzen uns sehr gut“, sagt Knecht. „Ich neige zu Schnellschüssen“, so Grobe, was Knecht mit der Bezeichnung „kreativer Freigeist“ freundlich umschreibt. Und bei Knecht stoße man auf „keine Dokumentationslücken“, lobt Grobe. Selbst private Besuche würde er auf der Excel-Liste durchplanen, witzelt Grobe.

Ihr neues Baby haben sie „Billie“ getauft, das sich nur in der Schreibweise vom Regal eines schwedischen Möbelherstellers unterscheidet. Natürlich ist es eine Anlehnung an „bill“, englisch für Rechnung, aber gleichzeitig soll das Produkt wie das Regal für „einfach, modern, praktikabel“ stehen.

Schon bei Zencap dachten Grobe und Knecht darüber nach, die Vermittlung eines Unternehmenskredits mit einem Factoring-Angebot zu ergänzen, also offene Rechnungen von Unternehmen vorzufinanzieren. Das ist beileibe kein neues Instrument für Unternehmen, um sich kurzfristig Liquidität zu verschaffen. Aber Grobe und Knecht versprechen eine radikale Vereinfachung des Systems.

Die Vorfinanzierung von Rechnungen durch Factoring-Anbieter erreichte hierzulande zuletzt ein Volumen von mehr als 200 Milliarden Euro. Bisher nahmen aber vornehmlich große Unternehmen ab einem Umsatz von zehn Millionen Euro diese liquiditätssichernde Dienstleistung in Anspruch. Denn für kleine Unternehmen war der Antragsprozess, der sich regelmäßig über mehrere Wochen erstreckt, zu aufwendig. „Wir reduzieren die Antragszeit dagegen auf sieben Minuten durch einen komplett digitalen Prozess“, so Grobe. Bei der Finanzaufsicht Bafin wurde eine Factoring-Lizenz gestellt.

Bei Billie können die Manager von Erfahrungen profitieren, die sie mit Zencap bei der Risikoanalyse gemacht haben. Für die digitale Bonitätsanalyse und Risikobewertung zapfen sie „große Auskunfteien, kommerzielle Datenanbieter und öffentliche Register an und füttern damit unser eigenes Ratingprogramm“, sagt Knecht. Im Visier haben die beiden Manager dabei kleine Kapitalgesellschaften bis zu einem Umsatz von fünf Millionen Euro, aber auch Einzelkaufleute.

Nicht das einzige Factoring-Fintech

Der Zielgruppe garantieren sie große Flexibilität. Die Kunden können bei Bedarf nur einzelne Rechnungen finanzieren lassen, je nach Liquiditätsbedarf. Zudem handele es sich stets um ein „stilles Factoring“, Billie bleibe bei den Transaktionen stets im Hintergrund.

Verwandte Themen
Deutschland
BaFin
Rocket Internet

„Billie“ ist nicht das erste Fintech, das sich um Factoring kümmert. „Bezahlt“ von Kreditech-Gründer Sebastian Diemer, ist auch schon auf dem Markt. Das kümmert Grobe und Knecht wenig. Deutschland zähle drei Millionen mittelständische Unternehmen, von denen bislang nur wenige Zehntausend im Factoring aktiv seien. Für den Ankauf der Forderungen hätten sie sich schon mit einem großen Unternehmen aus der Branche verständigt, sagen die Gründer.

Die Finanzierung des Unternehmens ist gesichert. In einer ersten Finanzierungsrunde kamen 3,5 Millionen Euro zusammen, mehr als bislang bei jeder anderen Frühfinanzierungsrunde für Fintechs in Deutschland, sagt Grobe. Das Geld kommt unter anderem wieder von Oliver Samwers Fonds „Global Founders Capital“.

Offiziell wird Billie wahrscheinlich im Mai starten. So bleibt auch noch ein bisschen Zeit für Freizeitvergnügen. Knecht hofft, gesund vom Snowboarden aus der Schweiz zurückzukehren, und Grobe, weiterzukommen mit seinem Klassiker-Studium. Derzeit steht Flauberts „Madame Bovary“ auf dem Programm. Außerdem gibt es etwas, was das Geschäftsleben stets relativiert: Beide Gründer sind junge Väter.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt