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BilanzskandalWirecard-Aufseher und Braun-Vertrauter Klestil in der Kritik

Mehr als zehn Jahre saß Stefan Klestil im Wirecard-Aufsichtsrat, das Mandat endete am 31. August. Nun scheidet der Österreicher auch aus dem Gremium der Wirecard Bank aus. Doch der Skandal wird ihn noch lange verfolgen.Felix Holtermann, Volker Votsmeier und Hans-Peter Siebenhaar 15.09.2020 - 19:38 Uhr Artikel anhören

Stefan Klestil ist Fintech-Experte und Partner bei Speedinvest.

Foto: Speedinvest

Brüssel, Frankfurt, Köln. Die Aufräumarbeiten beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard gehen voran. Während Insolvenzverwalter Michael Jaffé beim Verkauf einzelner Firmenteile Fortschritte macht, gibt es auch bei der Neubesetzung von Schlüsselpositionen Neuigkeiten.

Wie die Wirecard Bank, die unter dem Kuratel der Finanzaufsicht Bafin steht, weiterhin Geschäft betreibt und von Jaffé verkauft werden soll, am Dienstagabend mitteilte, hat sie die verbliebene alte Garde an Managern in ihrem dreiköpfigen Aufsichtsrat ausgetauscht.

„Die Hauptversammlung der Wirecard Bank AG hat den dreiköpfigen Aufsichtsrat der Gesellschaft neu besetzt. Dafür konnten die erfahrenen Bankmanager Frank Hellwig (60) als Vorsitzender des Gremiums, Dr. Peter Schad (55) als Stellvertreter und Rolf Mähliß (67) gewonnen werden“, teilte das Geldhaus mit.

Hellwig war von 2010 bis 2019 Vorstand der FMS Wertmanagement in München, der bundeseigenen Abwicklungsanstalt für die verstaatlichte Pleite-Bank Hypo Real Estate. Schad war Chefjurist der FMS, Mähliß über 18 Jahre lang Vorstand der Direktbank DKB.

Der Aufsichtsrat der insolventen Wirecard-Holding ist bereits ersatzlos zurückgetreten. Mit der Neubestellung der Kontrolleure der Bank, die nicht insolvent ist, treten die letzten verbliebenen, noch unter dem langjährigen Konzernchef Markus Braun besetzten Aufsichtsräte ab: Neben Wulf Mathias sind das Stefan Klestil und Alfons Henseler. Vor allem Klestils Rolle ist zuletzt kontrovers diskutiert worden.

Klestil ist in Österreich kein unbekannter Name. Markus Braun und Klestil verbindet viel, nicht nur eine gute Bekanntschaft. Beide waren bis vor Kurzem für den Zahlungsdienstleister Wirecard tätig, Braun als Vorstandsvorsitzender, Klestil als stellvertretender Aufsichtsratschef.

Beide sind Österreicher, und beide wohnen im feinen Wiener Nobelviertel Hietzing. Oder wohnten, muss man im Fall Braun sagen. Der Ex-CEO sitzt seit Wochen in der Justizvollzugsanstalt Gablingen in Untersuchungshaft. Er ist einer der Hauptbeschuldigten in dem wohl größten Fall von Bilanzbetrug in Deutschland.

Ende einer unrühmlichen Ära

Und Klestil? Der Fintech-Fachmann ist bis dato nicht beschuldigt. Fakt ist allerdings, dass er mehr als zehn Jahre dem Aufsichtsgremium des Ex-Dax-30-Konzerns angehörte. Erst vor wenigen Tagen – am 31. August – endete das Mandat von Klestil. Es ist das Ende einer unrühmlichen Ära.

Unter Klestils Augen nahm der unwirkliche Aufstieg des Zahlungsdienstleisters seinen Lauf. Bis zum Bekanntwerden der mutmaßlichen Bilanzfälschungen und dem abrupten Absturz in die Insolvenz. Vom einstigen Börsenstar mit einem Marktwert von 24 Milliarden Euro ist kaum mehr etwas übrig.

Die Suche nach den Schuldigen hat gerade erst begonnen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt zurzeit gegen rund zehn Personen – fünf von ihnen sitzen in U-Haft –, darunter Braun und der für das Asiengeschäft verantwortliche und flüchtige Ex-Vorstand Jan Marsalek, der ebenfalls aus Wien stammt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Beamten ihre Ermittlungen auf andere Personen ausweiten.

Stefan Klestil, der Sohn des früheren österreichischen Präsidenten, war schon im Jahr 2009 zum Aufsichtsrat bestellt worden.

Foto: AFP

Ob sich Aufsichtsräte strafrechtlich angreifbar gemacht haben, ist keineswegs gesagt. Und doch müssen sich die Aufseher schwere Versäumnisse vorwerfen lassen. „Bei Wirecard gab es offensichtlich ein Aufsichtsversagen“, sagte jüngst Axel Weber, selbst Verwaltungsratschef der Großbank UBS in der Schweiz.

Stefan Klestil könnte dieser Vorwurf als langjähriger Aufsichtsrat besonders treffen. Der Sohn des früheren österreichischen Präsidenten war schon im Jahr 2009 zum Aufsichtsrat bestellt worden – auf Initiative von Markus Braun. Die beiden hatten sich kurz zuvor kennen und schätzen gelernt, als Klestil Europachef des Zahlungsdienstleisters First Data war. Klestil gehörte dem Gremium dann mehr als eine Dekade an und war zuletzt sogar Stellvertreter des kürzlich zurückgetretenen Thomas Eichelmann.

Eichelmann wehrt sich gegen Vorwürfe gern mit dem Hinweis, er habe das Mandat erst vor einem Jahr übernommen. Klestil kann so nicht argumentieren. Das Handelsblatt hat ihm zahlreiche Fragen gestellt. Welche Verantwortung der Aufsichtsrat trage? Warum er nicht früher auf Fehlentwicklungen reagiert habe? Welche Fehler er sich anlaste?

Klestil verwies auf seine rechtliche Verschwiegenheitspflicht, erklärte aber: „Ich bin meinen Aufgaben als Aufsichtsrat stets mit aller Kraft nachgekommen. Der Betrugsverdacht, der inzwischen gegen Teile des Managements der Wirecard im Raum steht, ist für mich schockierend.“ Er könne angesichts der aufgedeckten Ereignisse aber nicht erkennen, wie der Aufsichtsrat den von ihm angestoßenen Prozess der Aufklärung hätte beschleunigen können.

Gewaltiger Reputationsschaden

An Unterlagen und Auskünften von Klestil im Zusammenhang mit den Ermittlungen dürfte die Staatsanwaltschaft brennend interessiert sein. Noch haben die Ermittler sich nicht gemeldet, aber das dürfte sich bald ändern - auch wenn strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn selbst zur Zeit nicht im Raum stehen.

Nicht absehbar sind die zivilrechtlichen Folgen für Klestil. Als Aufsichtsrat hat er aktienrechtliche Pflichten, er muss den Vorstand überwachen. Werden den Aufsehern hierbei eklatante Fehler nachgewiesen, machen sie sich angreifbar. Der Insolvenzverwalter wird früher oder später Organhaftungsansprüche prüfen.

Einen Reputationsschaden hat Stefan Klestil durch das Wirecard-Debakel schon jetzt. Die negativen Folgen für seine weitere Karriere sind kaum absehbar. „Stefan Klestil ist für Aufsichtsräte verbrannt. Das ist für ihn eine Katastrophe“, sagt ein politischer Berater in Wien. „Mit dem Wirecard-Skandal ist seine Karriere vorbei, auch wenn er sich elegant durchwurschtelt. Er wird nie wieder ein Aufsichtsratsmandat bekommen“, glaubt ein Headhunter einer internationalen Firma, der mit Klestil zu tun hatte.

Dabei hatte Klestil eine Bilderbuchkarriere hingelegt. In der Finanz- und Wirtschaftswelt ist Klestil national und international exzellent verdrahtet. Der frühere Unternehmensberater besitzt Zugänge zu den CEOs der österreichischen Wirtschaftswelt und den wichtigen Unternehmerfamilien. Seine Hauptaufgabe ist General Partner bei dem österreichischen Start-up-Inkubator Speedinvest. Dort verantwortet er die Fintech-Investitionen in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika. Er fahndet nach „Einhörnern“ im Finanzdienstleistungssektor.

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Das Expetise von Klestil kommt Speedinvest seit vielen Jahren zugute. Er sitzt in Beiräten, beispielsweise der Bank N26 der Österreicher Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal, Wefox oder bei Billie, Luko und Fincompare. „Durch die Zusammenarbeit mit Gründern kann ich 20 Jahre internationale Erfahrung in der Finanztechnologie nutzen. Top-Fintech-Gründer suchen nach intelligentem Wachstumskapital, und das bieten wir“, sagte er selbst über seine Aufgabe.

Klestil mit seinem exzellenten Englisch tritt als smarter Investor in Anzug und mit offenem Hemd auf. Der Speedinvest-Gründer Oliver Holle und er seien ganz eng, sagt ein Insider. „Speedinvest ist ein Sammelsurium für Leute, die eine interessante Spielwiese suchen“, meint ein Branchenkenner. „Er besitzt keine Karriere mit nachhaltigem Erfolg.“ Auch wenn viele Partner nach wie vor zu ihm halten - die kritischen Stimmen werden nach dem Wirecard-Skandal lauter.

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