Neustart im Job: Noch mal von vorne
Felix Plötz rastet selten. Der 33-Jährige scheint ständig auf der Suche nach seinem nächsten Projekt zu sein.
Foto: privatDüsseldorf. Hätte Felix Plötz vor einigen Jahren in die Zukunft geblickt und gesehen, dass er Bücher schreiben und einen Verlag gründen würde, hätte er ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Und womöglich schallend gelacht. Als Wirtschaftsingenieur mit Top-Examen in der Tasche war er im Vertrieb eines großen Elektrotechnik-Konzerns tätig. Dort trug er bereits mit Ende 20 Verantwortung für sieben Länder und rund 30 Millionen Euro Umsatz. Erfolgreich? Ja. Erfüllt? Nein. „Je höher ich die Karriereleiter kletterte, desto uninteressanter wurde der Job für mich“, sagt der 33-Jährige. „Etwas bewegen, neue Ideen umsetzen - das konnte ich dort nicht.“ Seine Sinnsuche begann - nicht mit einem großen Abgang, sondern zunächst nach Feierabend: Abends und an den Wochenenden bereitete er seinen Absprung vor. Und landete als Entrepreneur.
2013 machte er sich selbstständig und zog ein Training auf, bei dem die Teilnehmer lernen, wie sie beim Autofahren Benzin sparen. Zwei Jahre später verkaufte er seine kleine Firma an den ADAC. „Ich wollte nicht gleich wieder im nächsten Hamsterrad strampeln“, erzählt er. Auch privat folgte er seinem Herzen - und reiste seiner Freundin, die auf Weltreise war, hinterher. Mit im Gepäck ein Büchlein, das er im Selbstverlag veröffentlichte und mit dem er seiner Freundin einen Heiratsantrag machte. Doch ihre Antwort fiel anders aus als erhofft. Sein „Little Life-Changing Booklet“ hingegen wurde ein Überraschungserfolg beim Online-Buchhändler Amazon.
Die große Sinnsuche
Plötz ist kein Einzelfall. Geschichten wie seine sind typisch für die vielbeschriebene Generation Y. Die heute Anfang-20- bis Mitte-30-Jährigen befinden sich auf einer großen Sinnsuche. Laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte erwarten Millennials fast einheitlich (92 Prozent der Befragten) mehr als reines Profitdenken von einem Unternehmen, das ihr Arbeitgeber sein könnte. Neben mehr Transparenz, einer innovativen Unternehmenskultur sowie flexiblen Arbeitszeiten wird auch die Frage nach dem Sinn ihrer Aufgabe immer wichtiger. Schicke Wohnung, nettes Auto und stets voller Kühlschrank sind offenbar nicht die einzigen Glücksgaranten. Das starke Bedürfnis nach Autonomie und Selbstverwirklichung macht Caterine Schwierz von der Karriereberatung von Rundstedt vor allem an den Rahmenbedingungen der Arbeitswelt fest. „Bei vielen schwingt die Unsicherheit mit, eben nicht mehr ein Leben lang von einem Arbeitgeber versorgt zu werden. Damit fokussieren sich immer mehr Menschen auf das eigene Wohl, bauen auf ihre eigene Stabilität und suchen nach dem, was sie erfüllt und glücklich macht.“ Die zentrale Frage lautet demnach: „Ist mir meine Autonomie so wichtig, dass ich bereit wäre, dafür auch meinen Job aufzugeben?“
Simone Wiechert hat einen mutigen Entschluss gefasst: Sie kündigte ihren gut bezahlten Job und gründete einen Online-Shop für Taschen.
Foto: privatEine Frage, die sich Simone Wiechert vor einiger Zeit selbst mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet hat. Die Wirtschaftswissenschaftlerin lebte damals mit ihrem Freund in einem angesagten Hamburger Viertel. Beide hatten gute Jobs im Marketing namhafter Unternehmen. Eine Party bei Freunden sollte dann ihr Leben verändern. „Dort erzählte ein Gast so faszinierend von seiner Weltreise, dass mein Freund und ich die Idee, das selbst zu tun, einfach nicht mehr aus dem Kopf bekamen.“ Drei Monate später fassten sie den Entschluss, selbst auf Weltreise zu gehen, ein Jahr später brach das Paar dann mit einem „Round-the-World-Ticket“ auf. „Es war schon ein riesiger Sprung für uns“, sagt die heute 41-Jährige. Doch am Ende siegte das Herz. Denn die Faszination fürs Reisen war bei beiden größer als die Existenzangst. Für viele ist eine lange Reise die Initialzündung für eine Veränderung im Leben. „Manchmal ist es wichtig, Abstand von unserem Wertesystem zu gewinnen. Und zu erfahren, dass das Leben auch ganz anders funktionieren kann“, sagt Karrierecoach Thomas Ganslmayr, der oft Klienten betreut, die trotz Bilderbuch-Karriere unglücklich sind.
Nach Stationen in Asien, Indonesien, Australien, Neuseeland, Südamerika und Mexiko hatten beide nicht nur jede Menge neue Erfahrungen gesammelt, sondern auch eine neue Idee mit im Gepäck. Während Wiecherts Freund wieder einen Job suchte, bastelte sie sechs Monate lang an einem Online-Shop für Taschen. „Mir war bei den ersten Warenbestellungen etwas mulmig. Aber mir war auch klar, dass, wenn ich mit vier T-Shirts um die Welt reisen kann, mich nichts so schnell unterkriegt“, erzählt sie. Denn sie wollte ihr Herzensprojekt unbedingt mit Leben füllen. Und ihr „Baby“ lernte schnell laufen. Inzwischen beschäftigt Simone Wiechert drei Mitarbeiter. „lieblingstasche. de ist mein Leben geworden. Und auch mein Mann ist mittlerweile komplett mit ins Geschäft eingestiegen.“ Fest steht für die Unternehmerin vor allem eins: Wäre sie nicht aus ihrer behaglichen Komfortzone ausgebrochen, hätte sie sich auch persönlich nicht derart weiterentwickelt.
Zufriedenheit schlägt Sicherheit
Doch um seinem Herzensweg zu folgen, sei es nicht nur wichtig, sich mit eigenen Neigungen und Interessen auseinanderzusetzen, sondern auch mit der eigenen Familie. „Oft schwingt bei der Berufsfindung familiärer Druck mit. Es ist gut, sich mal anzuschauen, was die Familie über Generationen hinweg gearbeitet hat. Und vor allem: Warum?“, sagt Coach Ganslmayr. Diese „Genogramm-Arbeit“ liefere wichtige Aufschlüsse darüber, was von einem selbst bewusst oder unbewusst erwartet wird. „Oft erlebe ich Klienten, die sich erst mit Mitte 30 eingestehen, dass sie endlich ihr eigenes Leben führen wollen.“ So erging es auch Tobias Krell. Nach der Schule machte der 34-Jährige erst einmal eine Ausbildung zum Bürokaufmann, eiferte dann aber seinem großen Bruder nach und ging an die Uni - auch weil seine Eltern ihm dazu rieten. Aber weder im VWL- noch im Geografie-Studium fühlte sich Tobias Krell „richtig aufgehoben“.
Damit er dennoch etwas in den Händen halten konnte, biss er sich in beiden Fächern bis zum Vordiplom durch. Danach arbeitete er als Bürokaufmann in einem Fanartikel-Laden und fühlte sich sehr unwohl. „Das Highlight des Tages war mein Feierabend. So ein Leben, das kann es einfach nicht sein“, dachte er damals und krempelte nochmals sein Berufsleben um. Mit 30Jahren begann er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Schon als Zivi in einer Reha-Klinik interessierte es ihn besonders, sich mit den Physiotherapeuten auszutauschen.
„Ich war der Klassen-Opa und musste das Ganze auch noch finanzieren“, sagt Tobias Krell. Einfach war der Schritt deshalb nicht für ihn. Dennoch sei es rückblickend die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Mit dem Staatsexamen in seiner Tasche verpuffte die Unzufriedenheit.
Wie der aktuelle „Global Workforce Happiness Index“ der Beratung Universum zeigt, belegt Deutschland weltweit in puncto Zufriedenheit am Arbeitsplatz den elften Platz. Doch wollen fast 62 Prozent der Befragten Young Professionals den Arbeitgeber in den nächsten zwei Jahren wechseln. Gerade wenn der Alltag zur Tortur wird und man sich über längere Zeit zur Arbeit schleppen muss, ist es angezeigt, sich damit auseinanderzusetzen, wo genau diese Unzufriedenheit herkommt. „Wichtig ist zu unterscheiden, ob es nur am Arbeitsumfeld oder wirklich an den Arbeitsinhalten liegt“, rät Caterine Schwierz. Wer dann feststellen muss, dass er im falschen Beruf steckt und das vielleicht trotz mancher Einbußen ändern will, sollte ganz tief in sich hineinschauen und die Momente finden, die voller Freude waren. Darauf folgt die Suche nach den besonderen Fähigkeiten und Talenten und die Frage, wo diese gebraucht werden könnten.
Leidenschaft ist der Schlüssel
„Das alles geht natürlich nicht im stillen Kämmerlein. Ich muss mich öffnen, darüber kommunizieren, Kontakte aufbauen. Und das erfordert Mut“, betont die Karriereberaterin. Selbst wenn ein neuer Weg in der aktuellen Lebenssituation, etwa bei einer jungen Familie, nicht angegangen werden kann, sei es wichtig, aus der Opferrolle herauszufinden und schon mal in eine neue Stoßrichtung zu denken und darauf hinzuarbeiten: „Wer wirklich will, der findet dann auch den optimalen Zeitpunkt für einen Neuanfang.“ Dass das Drücken des persönlichen Reset-Knopfes nicht nur individuell glücklicher, sondern auch ziemlicherfolgreich machen kann, zeigt sich hervorragend am Beispiel von Felix Plötz. Sein aktuelles Buch zählt zu den meistverkauften Wirtschaftsbüchern Deutschlands. Zudem gründete er mit einem Freund erfolgreich den Verlag „Plötz & Betzholz“. Dass sich sein Leben selbst einmal wie ein Bestseller schreiben würde, hätte sich Plötz damals in seiner Rolle als Vertriebsingenieur nicht träumen lassen. Sein Rezept? „Einfach Freude am Tun haben, mutig sein und sich auf den Weg machen. Denn jeder hat etwas, woran er wirklich Spaß hat.“
Das beweist auch Tobias Krell. Der junge Mann arbeitet inzwischen in einer Praxis für Physiotherapie in der Nähe von Lingen. Er sagt heute: „Wenn ich jetzt einen langen Tag habe und auch erst spät heimkomme, kann ich trotzdem sagen, dass es ein guter Tag war.“