Neues Buch von Richard David Precht: So kann man unsere Hightech-Zukunft menschlicher gestalten
Ein Gespenst steht rum in Deutschland. Im Kanzleramt ebenso wie auf der gerade laufenden Hannover Messe, in Firmen und Talkshows: Künstliche Intelligenz ist das neue große Ding, das alles verändern wird – Jobs, Zukunft, uns. Komisch eigentlich, dass bislang niemand fragt, ob man nicht doch erst mal all die natürliche Intelligenz auf diesem Planeten nutzen sollte, bevor man derart hemmungslos auf ihre maschinelle Kopie setzt. Oder was diese künstliche Intelligenz wirklich bringt und wem?
Dieser Fatalismus wiederum mag einen schlichten Grund haben: Die Debatte über die anstehenden Revolutionen der Digital-Ära werden dominiert von Silicon-Valley-Apologeten und IT-Experten, Technokraten, Hollywood-Regisseuren und Ökonomen. Je nach politischer Couleur klingen die Prognosen mal nach Paradies und mal nach Jüngstem Gericht samt ewiger Verdammnis.
Entweder steht uns eine Welt bevor, in der die Maschinen all unsere Drecksarbeit erledigen, während wir uns fortan auf Opa, die Kinder und das Ausmalen von Mandalas konzentrieren können. Oder die Algorithmen und Computer zerstören millionenfach unsere Jobs, bevor sie die Weltherrschaft an sich reißen.
Dazwischen passt bislang nicht viel, auch wenn die Marktlücke für Soziologen und Philosophen, ja sogar für Theologen durchaus groß wäre. Vor allem weil es bislang nur selten darum geht, wie man diese arg binäre Zukunft denn menschlich gestalten könnte. Vielmehr muss man den Eindruck gewinnen, Digitalisierung und Disruption brächen naturgewaltig wie ein Tsunami über die Menschheit herein. Aber werden diese Entwicklungen nicht doch von Menschen gestaltet?
Hier greift Richard David Precht mit seinem neuen Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ an. Den Titel hat er sich bei Karl Marx geborgt. Schon der hatte einst prophezeit, dass die „klassenlose Gesellschaft“ des Kommunismus den „totalen Menschen“ erschaffen und die gesellschaftliche Arbeit durch „freie Tätigkeit“ ersetzen werde. Die ermögliche es allen, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“.
Precht ist kein Marxist. Und er schreibt verständlicher: „Nicht die Technik wird über unser Leben entscheiden, entscheidend ist die Frage der Kultur.“ Oder noch klarer: „Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben?“ Also braucht es eine „Utopie für die digitale Gesellschaft“, die Precht auch liefert, nachdem er mit den Unmenschlichkeiten des Menschenbildes aus dem Silicon Valley abgerechnet hat, ebenso wie mit der aktuellen Politik, der er unterstellt: „Der Triumph der Taktik über die Strategie hat unser Land gelähmt.“
Erfreulicherweise bleibt er nicht bei nörgeligen Bestandsaufnahmen, sondern entwirft mutig eine tatsächlich humane Zukunft. Man muss das nicht alles gut finden. Man darf zum Beispiel die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens – bei Precht finanziert über Finanztransaktionssteuern – auch einfach irreal finden.
Aber man muss ihm doch zugestehen, dass er jenseits aller Sachzwang-Postulate einfach loslegt – übrigens auch frei von dem sonst so lähmenden Fortschritts-Pessimismus: „Wir müssen einen klugen Umgang mit der digitalen Technik pflegen, lernen, ihren Stellenwert richtig einzuschätzen, ihre begrenzte binäre Logik verstehen und auch die Grenzen ihrer Übertragbarkeit auf soziale Probleme.“
Man kann gar nicht so viel nicken, wie Precht einen mit schönen Sätzen versorgt: „Aus Wissen allein wird – egal wie reichlich man es sammelt – keine Erkenntnis.“ Oder: „Der Aufstieg des Silicon Valley ist vor allem ein Sieg der Lebensangst. Apps und Algorithmen umgingen mehr und mehr den Zufall, das Schicksal und das Abenteuer des Lebens und machten daraus ein gigantisches Geschäft.“ Die Geister, die wir riefen ... verlieren mit Precht zumindest einen Teil ihres Schreckens. Das Handelsblatt präsentiert ein zentrales Kapitel aus seinem Buch.
Thomas Tuma
Auszug aus „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht
Wo wollen wir hin? Die Gesellschaft der Zukunft ist eine Gesellschaft freier, selbstbestimmter Menschen. Eine Gesellschaft von Menschen, die sich an den vielen kleinen Dingen des Lebens erfreuen und ihnen Sinn abgewinnen; egal, ob sie als Jäger nach neuen, ungekannten Erlebnissen suchen, sich als Hirten um ihre Angehörigen, Freunde und die Hilfsbedürftigen kümmern oder als Kritiker die Gesellschaft überdenken und weiterdenken. Ganz gleich, ob man seinen Garten bestellt, ein Großprojekt managt, seine Mitmenschen ermuntert und aufheitert, sich um ihre Psyche oder ihren Körper kümmert – das Leben bietet mehr Würde, mehr Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten, als es das heute tut. Gelebt von verantwortungsvollen Menschen, die ihre echten Bedürfnisse von eingeredetem Bedarf unterscheiden können und die alles tun, um nicht auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben.
Die Medizin hat sich weiter verbessert, die Lebenserwartung steigt, der stinkende Verkehr in den Städten ist einem lautlosen Gleiten gewichen. Mehr Pflanzen, mehr Grün, mehr Ruhe, Stille und Kontemplation haben Einzug in diese Lebenswelt gehalten, während im Hintergrund nimmermüde intelligente Maschinen den Volkswohlstand erwirtschaften. Die Hektik und der Stress der Arbeitswelt sind auf ganz leise surrende Maschinen übergegangen.
Wie wurde das – oder doch ein wichtiger Teil davon – geschafft? Erinnern wir uns an die merkwürdig unruhige Zeit, in der wir 2018 noch lebten. Auf der einen Seite verhieß uns eine aufsteigende Linie, dass die Menschen in den fortgeschrittenen Ländern der Digitalität immer weniger für Geld arbeiten müssen. Dass jener Prozess, der mit der 82-Stunden-Woche begann und heute in Deutschland bei 37,5 Stunden liegt, weiter fortschreitet und mehr und mehr Menschen davon befreit, aus existenzieller Abhängigkeit, Angst und Erpressbarkeit langweilige und wenig würdige Arbeit tun zu müssen. Die Möglichkeiten, sich zu bilden und zu entfalten, waren schon damals im historischen Vergleich schier grenzenlos und übertrafen die kühnsten Träume der Aufklärung.
Auf der anderen Seite aber stand 2018 noch gleichzeitig diese ungeheure Bedrohung! Eine Linie, die steil nach unten führte: von der Mündigkeit und Autonomie, die im späten 20. Jahrhundert so weitgehend erreicht war, hin zu einer Gesellschaft, in der das Verhalten der Menschen mehr und mehr manipulativ gesteuert wird; eine Entwicklung, die das Begehren anreizte und einheizte auf Kosten reflektierter Urteilskraft; ein Driften, das kulturelle, ethische und politische Fähigkeiten verkümmern zu lassen drohte. Und das Menschen am Ende sogar dazu bringen sollte, einer Verschmelzung mit Maschinen zuzustimmen, sich Chips zu implementieren, bis alles Menschliche überflüssig sein würde, alle Humanität ersterben sollte in einer Diktatur der Maschinen – der „Singularität“.
Autor, Philosoph, Moderator.
Foto: Matthias Jung/laifMenschheitstraum und Albtraum – im Jahr 2018 standen sie noch so nah beieinander. Aber war das nicht bei der ersten und zweiten industriellen Revolution genauso?
Das Schicksal der Arbeiter war entsetzlich, die Kapitalisten aber sahen darin kein Problem. Und selbst Marx glaubte, dies gehe stets so weiter bis zur totalen Massenverelendung. Man denke auch an das zynische Menschenbild des Taylorismus in der zweiten industriellen Revolution, das für den Arbeiter nichts anderes vorsah als einfache Handbewegungen am Fließband in immer schnellerem Takt. Würde sich daran jemals etwas ändern? Die meisten Ökonomen zu Anfang des 20. Jahrhunderts sahen keine Befreiung voraus. Man denke auch an die Sogkraft des Stalinismus mit seinem nicht minder zynischen Menschenbild, der sich selbst als das Ziel der Geschichte missverstand. Warum also sollte der „digitale Taylorismus“, die Reduktion des Menschen auf seine Daten und deren effiziente Ausbeutung, das Ende der Geschichte sein und nicht eine korrigierbare Übergangsphase im Umgang mit neuer Technologie?
Es gibt viele Indizien dafür, dass nicht alles so geschieht, wie das Silicon Valley prophezeit. Denn gleich drei große Krisen zeichnen sich heute am Horizont ab. Ihre Erschütterungen dürften unsere bisherige Art zu wirtschaften nicht auf gewohnte Weise weitergehen lassen.
Das reale Wachstum bleibt aus
Die erste Krise ist die Konsumkrise. Wo heute und in Zukunft die Produktivität der Wirtschaft erhöht wird durch digitales Rationalisieren und logistisches Optimieren, verlieren weit mehr Menschen ihren Beruf, als neue Berufe entstehen können und sollen. Die Kaufkraft sinkt. Und da, wo die Konsumtion eingeheizt wird durch systematisches Abschöpfen der Kunden, entsteht unterm Strich kein Wachstum, sondern nur eine allmähliche Verlagerung von den Kleinen zu den Großen.
Weder der Produktivitätsgewinn noch der Konsumtionsgewinn der Großen kommen der Kaufkraft zugute. In diesem Sinne folgt die Digitalisierung jener Entwicklung, die bereits in den siebziger Jahren eingesetzt hat, und beschleunigt sie: der systematischen Effizienzsteigerung der Wirtschaft ohne entsprechenden Durchschlag in der Nachfrage auf den Binnenmärkten.
Was Export, Verschuldung und Finanzkapitalismus lange im Dunkel halten konnten, droht nun offensichtlich zu werden: dass unsere Art zu wirtschaften nicht weiterhin zu einem realen Wachstum in unseren Volkswirtschaften führt.
Schon jetzt nützen die enormen Bilanzgewinne der Techriesen Google, Amazon, Facebook und Apple (den sogenannten GAFAs) der US-amerikanischen Volkswirtschaft ziemlich wenig. Sollten die auf künstlicher Intelligenz beruhenden zukünftigen Geschäftsmodelle – wie etwa das selbstfahrende Auto – marktreif sein, so versetzt das der darbenden US-Automobilindustrie endgültig den Todesstoß. Das Gleiche gilt für ungezählte andere Disruptionen der Technik. Noch bevor die Situation in Ländern wie Deutschland dramatisch wird, wird sie es in den USA. Phänomene wie Donald Trump verraten schon jetzt das kommende Beben.
Die technischen Utopien des Silicon Valley gedeihen nicht im luftleeren Raum. Produzieren sie volkswirtschaftliche Probleme oder gar Katastrophen, werden sie nicht linear oder gar exponentiell weitergehen. Genau das ist das Motiv der Hightech-Konzerne und ihrer Großinvestoren, nach einem Grundeinkommen zu rufen. Aber wird es ihnen ihr Problem lösen?
Das stärkste Argument gegen die schöne neue Welt, die uns die GAFAs und ihre Investoren ausmalen, ist, dass sie ökonomisch, so wie verheißen, vermutlich nicht funktionieren wird. Zum einen sind viele Geschäftsmodelle reine Ankündigungsfirmen. Der Fahrgastvermittler Uber macht jedes Jahr etwa eine Milliarde US-Dollar Verlust, ohne dass es seine großen Kapitalgeber merklich beunruhigt.
Der Wert Ubers liegt nicht in seiner Bilanz oder in der veranschlagten Fantasiesumme von 60 Milliarden US-Dollar, sondern in den Hoffnungen der Spekulanten. Und damit steht Uber in der Digitalwirtschaft nicht alleine da. Der Wert zahlreicher Digitalkonzerne speist sich aus den Träumen von „Vision Funds“ und anderen Venture Capital Funds, die ihren Verheißungen Glauben schenken. Ob bei Airbnb, Wimdu oder im maßlos aufgeblasenen Bereich des E-Learnings – rentable Geschäftsmodelle sind kaum irgendwo in Sicht. Wenn ökonomische Blasen dadurch entstehen, dass leicht verfügbare Kredite übermäßige Investitionen ermöglichen, die anschließend nicht aufgehen – so könnte der Weltfinanzkrise von 2007 bis 2009 schon bald eine gewaltige Digitalkrise folgen.
Umso wichtiger ist es, dass Länder wie Deutschland sich nicht allzu sehr von der digitalen Konsumgüterwirtschaft abhängig machen, insbesondere, wenn es um gewinnorientierte Dienstleistungen für jedermann geht. Die besten Motorsägen, Schrauben, Industrietextilien oder Rollkoffer herzustellen wird auch in der Zukunft das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sein. Der vom Silicon Valley vorgezeichnete Weg in die totale Technosphäre hingegen wird vermutlich schon aus wirtschaftlichen Gründen kein gradliniger sein.
Zwar kann man versuchen, gut und gerne zwei Drittel der Bevölkerung mit virtueller Unterhaltung ruhigzustellen, um den sozialen Frieden zu sichern. Doch selbst wenn das gelänge, schafft das noch lange nicht genug Konsumkraft, um viele Hundert Milliarden schwere Investitionen in die künstliche Intelligenz rentabel zu machen. Die digitale Ökonomie, zumindest dort, wo sie auf Konsum angewiesen ist, hat eine gewaltige Krux. Zu wenige Menschen verdienen in Zukunft noch genug Geld, um das System in bisheriger Weise am Leben zu erhalten.
Gerade das dürfte der Grund dafür sein, dass so viele Profiteure des alten Systems die drohende Massenarbeitslosigkeit in den fortgeschrittenen Industrieländern kleinreden. Denn sollte dämmern, dass der bisherige Weg so nicht weitergeht, weckt dies unweigerlich den Sinn dafür, über grundsätzliche Alternativen nachzudenken. Und genau daran zeigen die großen Wirtschaftsverbände auch in Deutschland gegenwärtig wenig Interesse.
Damit ist bereits die zweite Krise angesprochen. Viele Menschen werden ökonomisch in Zukunft zwar noch als Konsumenten gebraucht – aber eben nur noch als Konsumenten. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari gibt sich in seinem Buch „Homo Deus“ viel Mühe zu zeigen, dass sich das freiheitliche Menschenbild der Aufklärung erst dann durchsetzte, als man sich sowohl militärischen als auch ökonomischen Profit davon versprach. Als die Söldnerheere der Wehrpflicht wichen und die Menschen in den Fabriken gebraucht wurden, verlieh man ihnen Rechte und erklärte sie zu Individuen, weil man sie als solche brauchte.
Man wird dieser These nicht treu folgen müssen. In den Fabriken des frühen 19. Jahrhunderts wurden nämlich gerade keine Individuen gebraucht, und die Erklärung der Menschenrechte diente gewiss nicht ausschließlich der Motivation des Bürgers in Uniform. Doch hat Harari nicht zumindest in seiner Folgerung recht, dass Moral und kapitalistische Ökonomie im Liberalismus ein Bündnis auf Zeit eingingen, das in der Zukunft so nicht mehr notwendig ist?
„Wenn die Massen ihre wirtschaftliche Bedeutung verlieren, mögen Menschenrechte und Freiheiten weiterhin moralisch gerechtfertigt sein, aber werden moralische Argumente ausreichen? Werden Eliten und Regierungen jedem Menschen weiter einen Wert zuschreiben, selbst wenn er sich ökonomisch nicht bezahlt macht? … Menschen stehen in der Gefahr, ihren ökonomischen Wert zu verlieren, weil sich Intelligenz von Bewusstsein abkoppelt.“
Wer sich das Menschenbild des Silicon Valley ansieht, das Menschen für ein Konglomerat von Daten hält, für einen defizitären Computer auf der Suche nach Schnittstellen zur digitalen Technik, die ihn vom Menschsein erlösen, der wird Hararis Befürchtung schnell teilen. Denn wer unbegrenzten Handel mit dem in Daten gesammelten Leben von Menschen treibt und Politik durch Sozialtechnik ersetzen möchte, dabei noch lächelnd behauptet, die Welt besser zu machen, dem ist im Hinblick auf Humanität und Menschenrechte nicht viel Gutes zuzutrauen. Gut möglich also, dass Harari recht hat. Eine alte Gesellschaft, entstanden in der ersten industriellen Revolution – die Liaison von liberal-kapitalistischer Ökonomie und den freiheitlichen Grundwerten der Aufklärung –, geht zu Ende, weil ihre Grundlage, die bürgerliche Arbeits- und Leistungsgesellschaft, verschwindet. Doch was kommt danach?
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Konsumkrise und – nennen wir sie – Harari-Krise sind keine kleinen Irritationen auf dem Weg des „Weiter so“. Sie sind Anzeichen eines Umbruchs entweder in unserem freiheitlichen Menschenbild oder in unserer Art zu wirtschaften. Erst wenn man erkennt, dass wir vor einer solchen Entscheidung stehen, versteht man die Lage. Der Hyperkapitalismus des Silicon Valley kann nicht länger so funktionieren wie bisher und dabei gleichzeitig die Werte der Aufklärung hochhalten, es sei denn als Maskerade. Die aufsteigende Befreiungslinie (der Weg des Menschen vom Lohnsklaven zum selbstbestimmt tätigen Menschen) und die absteigende Entmündigungslinie (das allmähliche Ersetzen menschlicher Urteilskraft durch Programmcode) können nicht unbegrenzt in gegenläufiger Richtung weitergehen, ohne dass das System auseinanderfliegt.
Verstärkt werden diese Turbulenzen noch durch die dritte, die ökologische Krise, die in ihrer Gesamtdimension die beiden anderen weit übertrifft. Unser gesamtes Wirtschaftsmodell ist noch im Jahr 2018 auf unendliches Wachstum ausgerichtet und nach wie vor auf schonungslose Ausbeutung von Ressourcen und höchste Belastung des Klimas. Dass wir das nicht fortsetzen dürfen, wissen im Grunde alle, aber im Alltag glauben wir es irgendwie nicht, jedenfalls ziehen wir keine ernsten Konsequenzen daraus. Der Kapitalismus, so heißt es, muss wachsen.
Sollte das stimmen, so wird er wohl noch in diesem Jahrhundert die Erde weitgehend unbewohnbar machen. Das Viertel der Menschen, das in den reichen Industrieländern lebt, verbraucht gegenwärtig drei Viertel der Ressourcen der Welt, und die meisten davon sind endlich. In diesem Sinne verstärkt die Digitalisierung eine unheilvolle Entwicklung. Digitale Technik benötigt meist sehr viel Energie. Allein die Technologie für die Kryptowährung Bitcoin verbraucht im Jahr fast so viel Strom wie der gesamte Staat Dänemark! Google, Facebook und Co. können alles – nur nicht den Klimawandel stoppen, den Welthunger bezwingen oder die Bodenschätze und das Trinkwasser vermehren. Sie können nicht mal aus der Wachstumsspirale ausbrechen.
Bei den „Entscheidern“ wächst das Unbehagen
Selbst wenn Google inzwischen effizienter mit seinem Energieverbrauch umgeht – gemessen an immer mehr und immer energiehungrigerer digitaler Technik fällt dies kaum ins Gewicht. So treibt die Digitalisierung die Ressourcenausbeutung und den Klimawandel stets weiter voran.
Besonders prekär an den drei Krisen ist, dass man nichts im Gleichschritt gegen sie tun kann. Wenn es richtig ist, dass, gemessen an der anwachsenden Produktivität, der Konsum zu gering ist, dann wäre die Lösung mehr Konsum. So etwa plädiert der Ökonom Heiner Flassbeck dafür, einfach die Löhne stärker zu erhöhen, und alles sei wieder im Lot. Doch die Rezepte von gestern lösen nicht die Probleme der Zukunft ...
Wie gezeigt, trägt gerade der Hyperkonsumismus, der heute schon die reichen Länder prägt, zu einer mangelnden staatsbürgerlichen Mentalität bei, erzeugt „ungeduldige und faule“ Konsumenten und heizt die ökologische Katastrophe immer weiter an! Mit anderen Worten: Um die Konsumkrise zu beheben, müsste man die Öko-Krise verschärfen! Ist es angesichts solch einer monumentalen Herausforderung zynisch, das im Silicon Valley so beliebte Motto der Stanford University zu zitieren: „Every problem is an opportunity. The bigger the problem, the bigger the opportunity“?
Wie bei jeder Zeitenwende sind große Unruhen zu befürchten, und bereits bestehende Unruhe wird weiter verstärkt. Wenn der Kitt bröckelt, fliegen die Späne in alle Richtungen. Die Ausschläge werden sich in die Winde verteilen: als Millionen von Menschen, denen der Klimawandel immer rasanter die Lebensgrundlagen entzieht, als riesige Migrationsbewegungen, als blindwütiger völkischer Nationalismus, als Separatismus, als Protektionismus, als Empörungs- und Hasskultur im Internet, als Parteienverdrossenheit, in Ablenkungskriegen, als Zuflucht zu Verschwörungstheorien und als Milizenbildung mit Pogromen (in den USA, aber vielleicht nicht nur dort).
Die Situation deutet auf große Umwälzungen hin. Warum sollte sie auch nicht? Die erste und zweite industrielle Revolution veränderten die Gesellschaften ebenfalls radikal, von der Entstehung des Proletariats über die Arbeiterbewegung bis zum Frauenwahlrecht. Doch ob die Gesellschaft der Zukunft besser oder schlechter wird, ist nicht ausgemacht. Auch ein Rückfall in die Barbarei ist jederzeit denkbar, ausgelöst durch große Volksverführer. Andere schielen nach China, dessen digitaler Kontrollkapitalismus immer weiter voranschreitet und ökonomisch äußerst erfolgreich ist. Brauchen wir das in Europa ebenso, weil wir sonst den Wettbewerb verlieren?
Doch dass der sich stets weiter entfesselnde Kapitalismus, der im 21. Jahrhundert mit Billionensummen in Geschäftsmodelle investiert, die unsere Freiheit bedrohen und unsere Umwelt rasant zerstören, nicht das Gute ist, ist heute ziemlich breiter Konsens. Nicht nur im Keller der Unzufriedenen und Arbeitslosen, nicht allein in den Dachstuben der armen Poeten und linken Intellektuellen, selbst in der Beletage der Konzernlenker und „Entscheider“ wächst das Unbehagen. Für den US-Großinvestor George Soros sind Google und Facebook Monopolisten, „die Sucht fördern, unabhängiges Denken bedrohen und Diktatoren eine staatlich finanzierte Überwachung ermöglichen“. Die offene Gesellschaft sei in der Krise, die Demokratie bedroht, ja: das Überleben der Zivilisation stehe auf dem Spiel.
Seit den Tagen des US-amerikanischen Philosophen John Rawls lautet das Credo der Liberalen, dass Ungleichheit im Staat nur dadurch gerechtfertigt ist, dass die Schwächsten davon noch den größtmöglichen Vorteil haben. Niemand wird das über die GAFAs oder die Profiteure der globalen Finanzindustrie sagen können, niemand über die immer irreren Gehälter von Fußballspielern. Wenn laut Oxfam-Bericht die 62 reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die 3,6 Milliarden ärmsten, dann ist der globale Kapitalismus nicht mehr die beste aller möglichen Welten, sondern befindet sich auf rasant abschüssiger Fahrt.
Kein Selbstkorrekturmechanismus hält ihn dabei auf und auch keine nationale Regierung. Doch der hohl drehende Kapitalismus, so wie wir ihn heute kennen, wird nicht durch eine Revolution mit Fahnen und Barrikaden abgelöst. Wenn er zerbricht, dann eher durch die technische Revolution, die ihm sein Fundament entziehen könnte, und durch gute Ideen, die seinen Widersprüchen entspringen. Doch was wird auf ihn folgen?
Die linke Literatur zur Digitalwirtschaft ist voll mit Texten, die Karl Marx’ Prophezeiung, dass der Kapitalismus zusammenbricht, in Kürze eintreffen sehen; allerdings nicht jene frühe Vision von der Revolution der Proletarier, sondern die späte aus dem dritten Band des „Kapitals“: dass die Profitrate der kapitalistischen Wirtschaft ständig weiter fällt, je effizienter sie produziert, und dass das irgendwann eine Systemkrise auslöst.
Das Finanzkapital mag noch so sehr ins Silicon Valley investieren, einen nachhaltigen Durchschlag auf die Konsumwirtschaft hat das nicht. Und je höher technisiert die Digitalwirtschaft wird, umso günstiger würden zugleich ihre Produkte, bis sie am Ende keine Rendite mehr abwerfen. Würde man die Schutzzäune einreißen, die die großen Monopolisten der Digitalwirtschaft um ihre Geschäftsmodelle errichtet haben, so wäre das schon heute der Fall.
Warum sollten soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Sprachassistenten und auch das Internet der Dinge nicht Gemeineigentum sein? Je mehr alles Wissen demokratisiert wird, umso weniger bedürfe es noch der Kapitalisten, die gewinnorientierte Geschäftsmodelle damit betreiben. Wissen und Kommunikation sollten, so hatte Marx bereits 1858 gefordert, nicht nur „Mittel“ des Kapitals sein. Sie müssen allen gehören. Und wenn sie das tun, dann „sprengen“ sie den Kapitalismus damit „in die Luft“.
Doch ganz so logisch und sicher, wie manche es sich wünschen, ist das nicht. Denn selbst wenn die Silicon-Valley-Blase, die sich derzeit im Eiltempo bildet, platzt, ist es zunächst nur eine geplatzte Blase unter vielen in der an Blasen nicht armen Geschichte des Kapitalismus. Und gegen den Fall der Profitrate sind die Kapitalisten schon immer sehr kreativ vorgegangen, durch globalisierte Märkte, Kriege und die unerschrockene Vermehrung von realem Geld und fiktivem Kapital.
Die zweite Frage ist, wer im Fall eines Crashs das Heft des Handelns in die Hand nehmen müsste, um kapitalistische Geschäftsmodelle in eine Gemeinwohlökonomie umzuwandeln. Das „Proletariat“ sicher nicht. Also die US-amerikanische Regierung oder vielleicht die Europäische Union? Nicht allzu wahrscheinlich. Ein Aufstand der Bürger, insbesondere der gebildeten Mittelschichten? Ja, ganz, ganz vielleicht. Aber was für ein System sollen sie optimalerweise errichten? Einen Sozialismus? Wie die Geschichte lehrt, mündet jeder Sozialismus in Reinform entweder in eine Staatsdiktatur oder in eine Anarchie, in der sich am Ende wieder die Stärksten und Rücksichtslosesten zu neuen Oligarchen aufschwingen.
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Der realistische Weg ist nicht die Abschaffung des Kapitalismus. Weder existiert dafür ein „revolutionäres Subjekt“, noch ist der Sozialismus als Blaupause eine Alternative für das gesamte Wirtschaften. In den Jahren 1883/1884 hatte Otto von Bismarck mit seiner Sozialgesetzgebung die Nachtseite der ersten industriellen Revolution aufgehellt und den Manchester-Kapitalismus etwas entübelt. Und in den Dreißigerjahren hatten die Denker der „Freiburger Schule“ sozialistische Elemente in den Kapitalismus eingebaut, um ihn attraktiver und beständiger zu machen im Systemwettbewerb mit dem Kommunismus – die Geburtsstunde der Sozialen Marktwirtschaft.
Ihre Konzepte zivilisierten die zweite industrielle Revolution und schufen die Grundlage der höchst erfolgreichen deutschen Ökonomie nach 1948. Im Angesicht der vierten industriellen Revolution stehen wir wieder vor der Aufgabe, unter veränderten Wirtschaftsbedingungen eine neue Ordnung und Balance herzustellen, also einen neuen Gesellschaftsvertrag abzuschließen. Wir werden wieder mehr Sozialismus in den Kapitalismus implementieren müssen, um die aufsteigende Linie von Bismarck über die Freiburger Schule fortzusetzen – oder aber wir riskieren gewaltige ökonomische und gesellschaftliche Crashs.
Der altlinke Abwehrreflex
Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) einzuführen ist dazu ein erster Schritt – auch wenn linke Kritiker wie der Publizist Mathias Greffrath darin leider noch immer nur einen Versuch sehen können, wirtschaftlich überflüssigen Menschen die „Würde der Almosenempfänger“ zu sichern. Ein solcher altlinker Abwehrreflex springt zu kurz. Tatsächlich nämlich befreit ein angemessen hohes Grundeinkommen viele Millionen Menschen von dem Diktat, nach den Spielregeln einer Gesellschaft zu funktionieren, die ihr Wirtschaften als „Leistungsgesellschaft“ tarnt und Menschen psychologisch dazu zwingt, sich in diese Ordnung einzugliedern.
Das BGE ist mehr Freiheit durch Sozialismus. Mit ihm dürfte sich bei vielen Menschen der Fokus tatsächlich darauf richten, wie und für wen man arbeitet. Wie die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, so muss auch die „Nicht-Arbeiterbewegung“ des 21. Jahrhunderts Humanität zurückgewinnen, die im bedingungslosen Effizienzstreben der Wirtschaft bereits Terrain verloren hat und noch viel mehr zu verlieren droht.
Natürlich ist das Grundeinkommen nicht die Lösung, sondern nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Marktwirtschaft der Zukunft. Ein anderes Bildungssystem ist ebenso notwendig wie die Zivilisierung der Digitalwirtschaft, die langfristig den Menschen dienen muss und nicht der Mensch ihr.
Wenn die Illusion des Perpetuum-mobile-Kapitalismus platzt, wird klar, dass Effizienzsteigerung in der Produktion Wirtschaft und Gesellschaft nicht viel nützt, wenn sich nicht vieles andere auch ändert. Ein Bewusstseinswandel im Umgang mit der digitalen Technik und ihren Geschäftsmodellen ist dabei viel leichter vorstellbar, als viele Pessimisten glauben, die sich in die große Erzählung des Silicon Valley haben einspinnen lassen, dass die Zukunft vorherbestimmt sei.
Doch wer sagt, dass uns die Prädestinationslehre vom Weg in die Diktatur der Technik nicht schon bald so albern erscheint, wie sie ist? Man schaue nur einmal, welcher Bewusstseinswandel in Ländern wie Deutschland bereits möglich war. Wie gewaltig haben sich das Bewusstsein und die Weltsicht der Deutschen von den Fünfzigerjahren bis heute geändert! Die Welt der Hosenträger und Heinz-Erhardt-Witze, der Fräuleins vom Amt und der langen Arbeitszeiten erscheint heutigen Jugendlichen als eine Erzählung aus der Zeit von Asterix. Warum sollte das Bewusstsein in den nächsten Jahrzehnten nicht ähnlich fortschreiten? Wer hatte schon in den Sechzigern ein Gefühl dafür, dass wir unsere Umwelt bewahren müssen? Und wem fehlt es heute – außer den größten Verantwortlichen vielleicht? Wie der Umweltschutz der Bio- und Ökobewegung bedurfte, so bedarf der Umgang mit der Technik einer Bewegung für humane Technologie und humanen Technologieeinsatz.
Gewiss reicht das nicht aus. Gesellschaftliche Umbrüche bedürfen der Katastrophen – aber auf die dürfte auch diesmal Verlass sein. Allen voran die sehr wahrscheinlich anstehende Massenarbeitslosigkeit. Sie wird die Politik von der Lethargie zur Einsicht und dann zum Handeln zwingen. Wenn die Not groß und die Empörung der Medien gewaltig ist, wird klar, dass Geschäftsmodelle, die vielen alternativlos erscheinen, es nicht sind. Dass es viele Möglichkeiten gibt, mit dem Internet, mit Daten und künstlicher Intelligenz umzugehen, und nicht eine einzige. Dass der Staat gefordert ist, selbst viel aktiver auf den Plan zu treten, zu regulieren, Anreize richtig zu setzen und den Sozialstaat komplett umzubauen. Und dass er die Menschen nicht orientierungslos lassen darf beim Übergang von der klassischen Arbeits- und Leistungs- zu einer neuen Gesellschaft.
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Die Aufgabe der Politik für das Jahr 2018 und darüber hinaus ist damit klar umrissen. Sie muss ihre Selbstverzwergung überwinden, aus ihrem „pragmatischen Schlummer“ erwachen und die Dinge wieder unter Kontrolle kriegen, die sie hat schleifen lassen. Der sogenannte freie Markt wird es nicht regeln, und in der Internetwirtschaft ist er angesichts billionenschwerer Monopolisten ohnehin nicht frei. Politiker müssen zeigen, was ihnen das freiheitliche Menschenbild der Aufklärung wert ist, und das Recht aller Bürger auf informationelle Selbstbestimmung entsprechend sicher schützen. Denn fast unbemerkt von unseren Ordnungs- und Verfassungshütern ereignet sich im Silicon Valley, der Brutstätte der Techno-Utopie, ein Prozess, der zuvor bereits den Kommunismus moralisch ruiniert hat. Aus dem solutionistischen Versprechen, die Welt besser zu machen, droht ein unkontrollierbarer Machtapparat zu werden, der alles kontrolliert.
Dagegen müssen wir uns wehren und schützen. Unsere Politiker und Verfassungsrichter müssen ein Menschenbild verteidigen, das Verhalten nicht auf Algorithmen und Leben nicht auf Datenverarbeitung reduziert. Dieser Freiheitskampf wird nicht in Sonntagsreden entschieden, sondern in Regulierungen und in Investitionen in eine Wirtschaft, die nicht auf vergleichbar ideologische Weise mit Menschen umgeht. Die Zeiten des Schlafwandelns und des Mitmachzwangs sind vorbei, das Internet ist für keinen Politiker mehr „Neuland“. Menschen wie Mark Zuckerberg, der sein Privatleben in Palo Alto hinter einer Firewall aus dazugekauften Grundstücken und Häusern verbirgt, wissen, was sie tun; Menschen, die ihm Glauben schenken, wenn er vom Wert schier unbegrenzter Datentransparenz schwärmt, nicht.
Doch wie zivilisiert man den Digitalkapitalismus ganz konkret? Geht es nach dem US-Ökonomen Scott Galloway, so bliebe heute nichts anderes übrig, als Google, Facebook, Amazon und Apple schlichtweg zu zerschlagen, um wieder echten Wettbewerb herzustellen. Durchaus möglich, dass die US-Regierung in absehbarer Zeit zu diesem Mittel greift. Es wäre nicht das erste Mal.
Doch ändert es wirklich allzu viel am Problem, wenn es statt eines Facebooks vier und statt eines Googles drei gibt? Die Geschäftsmodelle bleiben damit ebenso wenig angetastet wie die Geschäftspraktiken und Ideologien. Auch wenn die Macht im Silicon Valley anders verteilt wird, gibt es die Gefahr, dass solutionistische Lösungen und Programmcodes unser Leben stillstellen, unsere Entwicklungsmöglichkeiten behindern und unsere Demokratie abschaffen.
Wem gehört was?
Die grundlegendere Frage der digitalen Zukunft lautet: Wem gehört was? Und warum? Meine Daten sollten jedenfalls mir gehören. Und die digitale Infrastruktur im Netz ist viel zu wichtig für die Freiheit und Entfaltung jedes Einzelnen, als sie unberechenbaren privaten Unternehmen zu überlassen. Hier ist der Staat gefordert, um eine Grundversorgung zu ermöglichen, die er ähnlich wie unsere Straßen und unsere Energieversorgung nicht den Geschäftsinteressen Dritter ausliefern darf. Was auch immer demnächst an digitalen Agenden verabschiedet wird: Die Freiheit der Bürger im Netz zu gewährleisten muss ihr Mittelpunkt sein. Interessant sind dabei auch die wirtschaftlichen Folgen. Ein freies Internet enthält eine Menge Potenzial für jeden, produktiv zu sein.
Karl Marx hatte in seiner berühmten Unterscheidung von Produktivkräften und Produktionsmitteln gesprochen. Produktivkräfte sind alle die, die etwas herstellen, also die Arbeiter und die Maschinen. Die Produktionsmittel sind die Institutionen, Gesetze und Besitzverhältnisse, die darüber bestimmen, wem was gehört. In der ersten und zweiten industriellen Revolution waren beide streng getrennt. Die Maschinen und Fabriken gehörten nicht den Arbeitern, sondern entweder privaten Profiteuren oder, wie im Staatskapitalismus, dem Staat. In der digitalen Welt hingegen ist ein ganz anderes Szenario möglich.
Warum sollte beides weiterhin so klar getrennt sein? Mein Laptop oder mein Smartphone gehören mir, und warum sollte das nicht auch für meine Arbeitsleistung gelten? In einer Welt des allseits verfügbaren Wissens und sehr billiger Maschinen mit enormen Fähigkeiten ist die alte Trennung bei Weitem nicht mehr so naheliegend wie noch in der alten Welt der Dampfmaschinen und Fließbänder.
Wenn man zudem bedenkt, dass in Zukunft immer weniger Menschen fest angestellt arbeiten werden, fragt man sich unweigerlich, warum die Crowdworker der Zukunft ihre Arbeitskraft eigentlich für ein digitales Großunternehmen einsetzen sollen statt für sich selbst oder eine Gemeinschaft. Kooperationen und dezentrale Netzwerke sind heute auf ganz neue Weise möglich, anders als in den ersten beiden Jahrhunderten seit der Erfindung der Dampfmaschine. Wenn der Staat will, dass die vielen Millionen Menschen, die in Zukunft keiner angestellten Erwerbsarbeit mehr nachgehen, Projekte machen, die ihnen und der Gesellschaft dienen, so muss er alles dafür tun, Open-Source- und Open-Content-Projekte zu ermöglichen, insbesondere jene, die gemeinwohlorientiert sind.
Für viele, die in den nächsten Jahrzehnten als Versicherungsvertreter oder Busfahrer ihren Job verlieren, ist das nicht allzu tröstlich. Wohl aber schafft es vielen jungen Leuten eine Perspektive, statt unbefriedigender Arbeit in der herkömmlichen Digitalwirtschaft sich für sich selbst, ihre Community und die Gesellschaft einzusetzen.
Das Zauberwort dafür lautet „Allmendeproduktion“. Die Allmende war das mittelalterliche Gemeinschaftsland, auf dem die Bauern in den Dörfern und Städten arbeiteten, bevor Großgrundbesitzer es ihnen wegnahmen. So ist Wikipedia eine Allmendeweide, auf der zum Nutzen aller gearbeitet wird. Zwar zeigt ein kleiner Blick hinter die Kulissen eine äußerst ungleiche Verteilung der dortigen Deutungsmacht, doch das Prinzip erscheint gleichwohl ehrenwert.
Linke Utopisten haben sich inzwischen sehr weitreichend in die Idee verliebt, Allmendewirtschaft, gepaart mit einem öffentlichen Internet der Dinge, löse alle ökonomischen Probleme. Doch dass das tatsächlich die Matrix künftiger Ökonomie in den reichen Ländern der Erde sein soll, ist bislang ein schöner Traum, geträumt aus rotem Mohn. Gegenwärtig jedenfalls zerstören Geschäftsmodelle des Silicon Valley wie Uber und Airbnb genau jene für die Zukunft so wichtige Welt der unentgeltlichen sozialen Dienste und kommerzialisieren sie bis in den kleinsten Winkel.
So wie der Perpetuum-mobile-Kapitalismus nicht funktioniert, so gewiss auch nicht der Perpetuum-mobile-Sozialismus, von dem schon Oscar Wilde träumte. Irgendwo in der Welt werden weiterhin Seltene Erden für Smartphones ausgegraben werden und tobt der erbitterte Kampf um Rohstoffe. Captain Jean-Luc Picard vom fiktiven Raumschiff „Enterprise“ schwärmte einst von einer Welt ohne Geld, in der alles aus dem 3D-Drucker kommt. Diese Welt wird wohl tatsächlich erst im 24. Jahrhundert anbrechen. Und weder Kryptowährungen noch Allmendeproduktion sind der kürzeste Weg dorthin.
All das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass ein Grundeinkommen, gepaart mit mehr und mehr Gemeinwohlökonomie, nicht ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist – eine Richtung, die schon aus ökologischer Perspektive vorgezeichnet ist. Unsere Gesellschaft muss ihre Wirtschaft und ihre Mentalität so wandeln, dass wir nicht mehr so viel brauchen und mehr teilen, weil unsere Enkel sonst nicht mehr auf diesem Planeten alt werden können.
Wir brauchen mehr Bildung in Menschlichkeit. Wir müssen einen klugen Umgang mit der digitalen Technik pflegen, lernen, ihren Stellenwert richtig einzuschätzen, ihre begrenzte binäre Logik verstehen und auch die Grenzen ihrer Übertragbarkeit auf soziale Probleme. Die Parteien müssen „das Andere“ der Technik in den Mittelpunkt ihrer Wahlprogramme stellen, um die Werte der Aufklärung zu verteidigen. Der Wandel der klassischen Arbeits- und Leistungsgesellschaft in eine Welt aus Automation und selbstbestimmter Tätigkeit verlangt dem Staat also vieles ab. Zusammengefasst:
den grundlegenden Umbau des Sozialsystems und die Schaffung eines bedingungslosen Grundeinkommens von mindestens 1 500 Euro, finanziert etwa durch eine Finanztransaktionssteuer,
die Sicherung der Würde der Bürger, insbesondere ihres Rechts auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung durch klare Regulierung und eindeutige Gesetze im Sinne von E-Privacy,
das Bereitstellen einer digitalen Grundversorgung durch staatliche Förderung von Suchmaschinen, E-Mail-Verkehr, Sprachassistenten und sozialen Netzwerken ohne kommerzielle Interessen,
eine weitreichende Kontrolle von Geschäftsmodellen der künstlichen Intelligenz und ihre Reglementierung unter Einbezug der Bürger – insbesondere dann, wenn Gesellschaftsbereiche durch Programmcodes ersetzt werden sollen, die ethisch sensibel sind,
die Förderung innovativer Ideen für die zukünftige Gestaltung des Zusammenlebens, sozialer Start-ups, von Kooperationen, Sharing-Economy-Modellen und Ideen zur Nachhaltigkeit und zur Gemeinwohlökonomie,
eine ernsthafte Verpflichtung zur Nachhaltigkeit und zur Schonung der natürlichen Ressourcen auch und gerade angesichts digitaler Innovationen.
Das meiste davon wird in den nächsten zehn Jahren entschieden werden müssen, um die Utopie eines guten und vielleicht sogar besseren Lebens zu ermöglichen. Noch sind die im Bundestag vertretenen Parteien Schlafwandler, beschäftigt vor allem mit sich und hilflos im Blick auf die Zukunft. Möge dieses Buch ihnen helfen, sich ein wenig besser zu orientieren.
Wir leben heute in einer Zeit, die die Geologen das Anthropozän nennen: das Zeitalter des Menschen. Die Bezeichnung ist irreführend. Unsere Zeit mag jene der Menschen sein, aber sie dient ihnen nicht, sondern sie dient dem Geld, der instrumentellen Vernunft und dem Verwertungsdenken. Noch leben wir nicht im Anthropozän, sondern im Monetozän – dem Zeitalter des Geldes.
Doch niemand ist gezwungen, sich damit abzufinden. Das Erbe der Aufklärung ist, sich die Zukunft als vom Menschen gestaltet zu denken und sie nicht in die Hand Gottes oder die Hand einer eigengesetzlichen Evolution von Technologie zu legen. Aufgeklärte Gesellschaften sind selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt, ferngesteuert durch Gott, das Kapital oder die Technik.
Holen wir uns unsere Autonomie zurück – nicht nur in unserem Interesse, sondern vor allem im Interesse aller künftigen Generationen!