Zahlungsverkehr: Banken werben um kleine Einzelhändler für Zahlungsgeräte
Während der Coronakrise bitten viele Händler ihre Kunden darum, per EC- oder Kreditkarte zu zahlen.
Foto: dpaFrankfurt. Eine Zeit lang schien es so, als ob deutsche Banken das Geschäft mit dem Zahlungsverkehr lieber spezialisierten internationalen Wettbewerbern überlassen. Nun aber buhlen die heimischen Geldhäuser wieder um die Gunst vor allem kleiner Einzelhändler.
Das zeigt sich beim Vertrieb mobiler Kartenterminals, die EC- und Kreditkartenzahlungen ermöglichen. So verkaufen die Sparkassen seit vergangenem Sommer ein neues kleines Kartenterminal als „Einsteigermodell“, die Deutsche Bank ist im März nach einer Pilotphase mit einem Pendant namens „SmartPOS“ gestartet.
Der Zeitpunkt ist günstig. Schließlich meiden viele Verbraucher in Deutschland seit der Coronakrise Barzahlungen – in der Annahme, dass die Viren eher an Scheinen und Münzen haften. Die Kunden greifen an der Ladenkasse stattdessen meist zur Girocard, besser bekannt unter ihrem alten Namen „EC-Karte“, oder zur Kreditkarte. Viele Händler bitten auch explizit um Kartenzahlungen.
Experten gehen davon aus, dass sich der Trend trotz der traditionellen Bargeldliebe der Deutschen auch nach der Corona-Pandemie fortsetzt. Ein Teil der Einzelhändler, vor allem kleine Händler, sowie manche Bäckereien, Cafés und Restaurants bieten bisher jedoch keine Kartenzahlungen an. Laut dem Handelsforschungsinstitut EHI gilt das für rund zehn Prozent der Händler.
Zudem wollen die Banken so versuchen, Kunden noch enger an sich zu binden. Stephan Martin, Leiter Produktmanagement Payments bei der Deutschen Bank, sagt: „Wir wollen in einem ersten Schritt auf kleine und mittlere Unternehmen zugehen.“ Es gehe für die Bank darum, „den letzten Meter“, also die Schnittstelle zum Kunden, zu besetzen. Dabei habe man auch Firmen im Blick, die keine Deutsche-Bank-Kunden seien.
Martin zufolge ist die Nachfrage durch die Corona-Pandemie gestiegen, weil viele Händler jetzt Kartenzahlungen anbieten wollen. Auch Ottmar Bloching, Chef des zentralen Zahlungsverkehrsdienstleisters der Sparkassen, S-Payment, stellt fest, dass das Wachstum in den vergangenen Wochen zugenommen habe. „Wir sehen es als Vorteil, dass die Sparkassen viele kleine Händler schon als Kunden haben und daher kennen.“
S-Payment habe rund 69.000 Händler ausgemacht, auf die man zugehen wolle, so Bloching. Das sind Händler, die noch kein Kartenlesegerät haben, sowie Sparkassen-Firmenkunden, die Verträge für Kartenterminals mit Wettbewerbern abgeschlossen haben.
Klar ist: Die Konkurrenz ist bereits groß. Bloching konstatiert: „Der Markt ist umkämpft, da muss man sich nichts vormachen.“ EHI-Zahlungsexperte Horst Rüter weist darauf hin, dass manche Händler und Handwerker sich auch schon entschieden haben: „Die Zahl der Bäckereien, die Kartenzahlungen anbieten, ist unser Einschätzung nach zuletzt stark gestiegen.“
Denn nicht nur die größte deutsche Bank und die Sparkassen als Marktführer im Geschäft mit Firmenkunden buhlen um kleine Händler als Kunden im Geschäft mit Kartenterminals. Auch das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ Bank vertreibt über seine Zahlungstochter VR Payment mobile Kartenlesegeräte – und registriert in den vergangenen zwei Monaten eine deutlich gestiegene Nachfrage.
Viele Übernahmen unter Zahlungsdienstleistern
Weitere Rivalen sind unter anderem iZettle, eine Tochter des US-Onlinebezahldienstes Paypal, sowie das Finanz-Start-up Sumup. Gemein ist ihnen allen: Sie nennen keine Zahlen dazu, wie viele Händler in Deutschland die jeweiligen mobilen Kartenterminals nutzen.
Der Zahlungsverkehr generell und besonders die Zahlungsabwicklung sind bestimmt von einem scharfen Wettbewerb. Der Markt wird zunehmend von einigen sehr großen Unternehmen bestimmt, bei Onlinezahlungen von Newcomern wie Adyen und Heidelpay. Das spüren auch die deutschen Banken. Ihren gemeinsamen Zahlungsdienstleister Concardis verkauften sie Anfang 2017 an die Finanzinvestoren Bain und Advent. An Concardis beteiligt waren die Deutsche Bank und die Commerzbank, die DZ Bank sowie die Sparkassen. Inzwischen hat der dänische Zahlungsdienstleister Nets Concardis übernommen.
Die Sparkassen wiederum haben ihr eigenes Zahlungsverkehrsgeschäft in ein deutsches Gemeinschaftsunternehmen mit dem französischen Konzern Ingenico eingebracht, seit Anfang 2019 gibt es das Joint Venture Payone. Anfang dieses Jahres allerdings wurde bekannt, dass Worldline, ebenfalls aus Frankreich, Ingenico übernehmen wird.
Bedeutsame Größenvorteile
Zwar boomt das Geschäft, weil Verbraucher weltweit immer weniger mit Bargeld zahlen, wodurch die Volumina von Karten- und Onlinezahlungen rasant steigen. Doch zugleich werden Größenvorteile in der Branche immer wichtiger werden. Die Zahlungsdienstleister erhalten nur einen kleinen Anteil der über sie abgewickelten Umsätze. Besonders in Europa sind die Gebühren gedeckelt. Um ausreichend Gewinne zu erwirtschaften und um in immer neue Technologien und Services für Händler zu investieren, ist ein großer Marktanteil wichtiger denn je.
Der Konkurrenzkampf macht sich auch dadurch bemerkbar, dass jedes Jahr Tausende Händler ihren Zahlungsdienstleister wechseln. Gökhan Öztürk, Partner der Beratungsfirma Oliver Wyman, geht davon aus, dass das zuletzt für etwa 30.000 bis 40.000 Händler galt.
Ähnlich viele könnten seiner Einschätzung nach als Folge der Corona-Pandemie binnen eines Jahres erstmals überhaupt Kartenzahlungen anbieten – und brauchen dafür entsprechende Lesegeräte. Laut dem Handelslobbyverband HDE gibt es in Deutschland derzeit 300.000 Einzelhandelsunternehmen an 450.000 Standorten.
Doch für die Geldhäuser geht es um mehr: „Für die Banken ist es besonders interessant, wenn sie einem Händler nicht nur das Kartenterminal anbieten, sondern ihn auch als neuen Kunden mit Konto gewinnen“, sagt Öztürk. Die Rückbesinnung auf den Zahlungsverkehr könnte sich für deutsche Banken also an anderer Stelle bezahlt machen.