Lebensversicherungen: Durch die Entscheidung über den Garantiezins drohen Verbrauchern weitreichende Folgen
Das Marktumfeld macht es den Assekuranzen immer schwerer, die einstigen Zinsversprechen zu erfüllen.
Foto: dpaFrankfurt. Noch lässt sich Olaf Scholz Zeit. Seit Dezember liegt dem Bundesfinanzminister ein Vorschlag der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), einem Zusammenschluss von 5000 Versicherungsmathematikern, vor, der eine Senkung des Garantiezinses für Lebensversicherungen ab Januar 2021 auf die neue Niedrigmarke von 0,5 Prozent vorsieht.
Doch die Zeit drängt aus Sicht der Branche allmählich. Ursprünglich hatte die DAV eine Entscheidung bis Mai erhofft. Den Unternehmen würde bei einer Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt der nötige Vorlauf zur Umsetzung bis zum Ende des Jahres fehlen, warnte DAV-Vorsitzender Guido Bader. Die Bundesregierung lässt sich jedoch bei dem Votum nicht drängen – was auch daran liegen dürfte, dass die Konsequenzen für die Verbraucher groß sein können.
„Ich glaube nicht, dass der Zins schon zum Anfang nächsten Jahres gesenkt wird“, sagte Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse bei der Kölner Ratingagentur Assekurata am Mittwoch auf einer Videokonferenz. Bisher sei es ungewiss, wann eine Entscheidung fallen werde. Sollte sich das Zinsumfeld jedoch weiter verschlechtern, sei es auch denkbar, dass das Ministerium sogar einen größeren Schritt vollziehe und den neuen Garantiezins sogar tiefer als auf 0,5 Prozent senke. Bisher liegt er seit 2017 bei 0,9 Prozent.
Die Verzinsung einer klassischen Lebensversicherung besteht vor allem aus dem Garantiezins – offiziell Höchstrechnungszins genannt – und der freiwilligen Überschussbeteiligung. Über die Überschussbeteiligung entscheiden die Versicherer je nach Wirtschaftslage und Erfolg ihrer Geldanlagestrategie jedes Jahr neu.
Potenzielle Einbußen für Verbraucher
Sie ist wegen der Zinsflaute an den Kapitalmärkten in den vergangenen Jahren ebenfalls deutlich zurückgegangen. Hinzukommt der Schlussüberschuss und die Beteiligung an den Bewertungsreserven. Der Garantiezins wird dagegen vom Bundesfinanzministerium auf Grundlage der DAV-Berechnungen und Empfehlungen der Finanzaufsicht Bafin festgelegt und hat normalerweise mehrere Jahre Gültigkeit.
Der Garantiezins bestimmt, welche maximale Rendite die Lebensversicherer ihren Kunden über die gesamte Laufzeit eines neuen Vertrags fest zusagen müssen. Eine mögliche Absenkung ist deshalb eine Entscheidung mit Sprengkraft.
Für viele Verbraucher geht es bei der Frage, ob die gesetzliche Festschreibung des Garantiezinses erneut nach unten angepasst wird, nämlich nicht nur um den bitteren Umstand, dass die klassische Lebensversicherung künftig eventuell noch weniger abwirft als bisher.
Die Entscheidung könnte in einem wichtigen Segment der privaten Altersvorsorge auch dazu führen, dass ein bisher ehernes Gesetz nur noch schwer umsetzbar sein wird: das Versprechen, dass die Kunden bei der weitverbreiteten Riester-Rente auf jeden Fall ihre vollständigen Beitragseinnahmen erhalten.
Schwieriger Balanceakt
Denn für die Riester-Rente gilt die gesetzliche Vorschrift, dass der Anbieter den Erhalt der eingezahlten Beiträge einschließlich staatlicher Zulagen garantieren muss. Die Kunden müssen also mindestens das wieder herausbekommen, was sie und der Staat eingezahlt haben. Das dürfte jedoch bei einer Absenkung auf 0,5 Prozent zu einem schwierigen Balanceakt werden.
Die Lebensversicherer lassen sich nämlich üblicherweise ihre Vertriebs- und Verwaltungskosten, vor allem Provisionen für Makler oder Vertreter, von den eingezahlten Kundengeldern bezahlen. Rechnen die Versicherer jedoch nur noch mit einer Mindestverzinsung von 0,5 Prozent, lässt sich aus diesen Erträgen nur schwerlich noch eine Beitragsgarantie nach Abzug der Kosten sicherstellen.
„Mit einem Rechnungszins von 0,9 Prozent lässt sich gerade noch eine 100-Prozent-Beitragsgarantie darstellen“, sagt Christian Thimann, Chef des Versicherers Athora Deutschland. „Mit 0,5 Prozent oder weniger können Versicherer bei den anfallenden Kosten diese Beitragsgarantie nicht mehr aufrechterhalten.“
Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten, erwartet vor diesem Hintergrund, dass sich die Lebensversicherer bei einem weiter sinkenden Garantiezins noch stärker aus dem Geschäft mit der staatlich geförderten Riester-Rente zurückziehen werden.
Für die Kunden bedeute eine weitere Garantiezinssenkung im Ergebnis „noch weniger Leistung für das gleiche Geld“, kritisiert er. Reiner Will, Chef der Ratingagentur Assekurata, erwartet, dass es zu einer politischen Diskussion kommen werde, ob vollständige Garantien derzeit noch darstellbar seien.
Die Festsetzung des Garantiezinses durch den Staat soll sicherstellen, dass Unternehmen sich bei den Garantiezusagen nicht übernehmen und ihre Versprechen auch in ferner Zukunft erfüllen können. Versicherer dürfen ihren Kunden zwar eine geringere, aber keine höhere Verzinsung fest zusagen.
Faktisch unterbietet aber kaum ein Unternehmen trotz der Niedrigzinsen die staatliche Vorgabe, obwohl die finanzielle Situation der Lebensversicherer weiter angespannt ist. Denn das niedrige Zinsumfeld macht es den Assekuranzen immer schwerer, die einstigen Zinsversprechungen zu erfüllen.
Laut Daten von Assekurata müssen die Versicherer bei rund 80 Prozent der Lebenspolicen-Bestände nachreservieren, was konkret bedeutet, dass sie Geld nachschießen müssen, um die garantierten Zinsen zu zahlen.
Verkauf von Versicherungsbeständen nimmt zu
Es sind deshalb vor allem die vergleichsweise finanzkräftigen Versicherer, die von dieser Entwicklung profitieren, während es anderen Anbietern schwerfällt, in der neuen Zinswelt noch profitabel zu agieren. Der Generali-Deutschland-Konzern hatte vor diesem Hintergrund bereits 2018 nach rund einem Jahr interner Diskussionen entschieden, sich von seinen alten Lebenspolicen zu trennen und sie in einen sogenannten externen Run-off zu geben – das heißt in fremde Hände zur Verwaltung zu legen.
Die rund vier Millionen klassischen Lebenspolicen wurden an die Abwicklungsplattform Viridium verkauft, die sie in die Tochter Proxalto einbrachte, an der Generali rund zehn Prozent hält. Insgesamt befinden sich nach Berechnungen der Ratingagentur derzeit sieben deutsche Lebensversicherer mit einem Prämienvolumen von insgesamt 3,9 Milliarden Euro in einem externen Run-off.
Wachstum auf dem deutschen Markt der Lebensversicherer gelingt dagegen vor allem noch einer Adresse: der Allianz. Nach Daten von Assekurata wuchs ihr Marktanteil im Jahr 2016 von 21 Prozent innerhalb von drei Jahren auf rund 29,8 Prozent an.
Experten wie der Wissenschaftler Hermann Weinmann halten die dominierende Rolle der Allianz aus Wettbewerbsgründen inzwischen schon für beunruhigend. Das Vertrauen in die Allianz Leben könne möglicherweise mit einem „fehlenden Vertrauen in andere Anbieter begründet werden“, glaubt er.
Riester-Rente immer unattraktiver
Für die Versicherer wird Riester dabei jedoch immer unattraktiver. Deutschlands viertgrößter Lebensversicherer Debeka kündigte im Mai an, den Vertrieb seiner Riester-Rente wegen der niedrigen Zinsen zu stoppen. Für die ohnehin bereits schwächelnde Riester-Rente könnte dies einen weiteren Rückschlag bedeuten.
Bereits heute stagniert der Absatz von Riester-Versicherungen. Zwar gibt es 16,5 Millionen Riester-Verträge. Jeder fünfte Riester-Sparer zahlt in seinen Vertrag inzwischen aber nichts mehr ein – und lässt sich so auch viel Förderung durch die Lappen gehen.
Viele Kunden nehmen die Riester-Rente als zu kompliziert und wenig attraktiv wahr. Die einst beliebte Form der Rentenversicherung leidet stark unter den anhaltend niedrigen Zinsen und dem hohen Aufwand, weil die Zulagenförderung an Einkommen und Lebensumständen des Sparers hängt.
Das Problem hat längst auch die Politik erkannt. Schon im Frühjahr 2016 räumte der damalige CSU-Chef Horst Seehofer ein, dass die Riester-Rente gescheitert sei. Die Rentenkommission der Bundesregierung machte unlängst Vorschläge für eine Neuordnung und sprach sich bereits dafür aus, die Beitragsgarantie zu lockern.
Der Rentenkommission zufolge sollten die Garantien künftig so gestaltet sein, dass Renditechancen, Sicherheit und Risiko in einem ausgewogenen Verhältnis stünden. So könnte beispielsweise nur ein bestimmter Prozentsatz der Beiträge garantiert sein.
Die Debeka will den Vertrieb der Riester-Verträge so lange aussetzen, bis Klarheit herrsche, wie der deutsche Staat die private Altersvorsorge künftig fördern will. Eine entsprechende Reform hat sich die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag für die laufende Legislaturperiode auf die Agenda gesetzt.
Keine feste Rendite, mehr Chancen
„Das Riester-System ist renovierungsbedürftig“, gibt auch GDV-Präsident Wolfgang Weiler zu. Ein Abriss sei aber auch keine Lösung. Die Branche würde die Bruttobeitragsgarantie am liebsten auf 80 Prozent absenken, um die Ertragschancen für die Sparer insgesamt zu erhöhen. Denn wegen der strikten Vorgaben können die Versicherer bisher hauptsächlich nur in festverzinsliche Staatspapiere investieren, die kaum Rendite mehr bringen.
Die meisten Versicherer setzen vor diesem Hintergrund beim Verkauf der privaten Lebensversicherung deshalb längst vor allem auf neue Policen, die keine feste Rendite mehr garantieren – aber mehr Chancen bieten sollen. Versicherungen mit alternativen Garantiekonzepten machen laut dem Branchenverband GDV beim Neugeschäft bereits 60 Prozent aus – bei der Allianz sind es sogar 90 Prozent.
Denn um eine klassische Garantie abzusichern, müssen die Versicherer das Geld extrem konservativ anlegen. Das geht jedoch im Niedrigzinsumfeld zulasten der Rendite. Bei den neuen Rentenpolicen können die Kunden dagegen das Garantieniveau frei wählen – und haben im Gegenzug die Aussicht auf höhere Erträge.
Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, kann aber auch heute noch bei rund 30 Anbietern eine klassische Lebensversicherung abschließen, die bis Ende des Jahres auf jeden Fall bei Neuverträgen noch 0,9 Prozent Zinsen garantiert – ganz egal, was Olaf Scholz entscheidet.
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