Lage am Abend: Russische Truppen greifen mehr im Süden und Osten an – Banges Hoffen in Mariupol
Offenbar zogen sich russische Verbände aus den nordwestlich von Kiew gelegenen Vorstädten Irpin, Bucha und Hostomel zurück.
Foto: dpaDüsseldorf. In der sechsten Woche des Ukraine-Krieges ziehen sich die russischen Invasionstruppen vom nordwestlichen Rand der Hauptstadt Kiew zurück und verstärken ihre Angriffe im Osten und Süden des Landes. Es gebe Luftangriffe auf die Städte Mariupol und Charkiw, sagte der Präsidentenberater Olexij Arestowytsch am Samstag im ukrainischen Fernsehen. Auch die Stadt Tschernihiw nordöstlich von Kiew sei angegriffen worden.
Ukrainische Truppen setzten nach britischen Geheimdienstinformationen russischen Verbänden nach, die sich aus den nordwestlich von Kiew gelegenen Vorstädten Irpin, Bucha und Hostomel zurückzogen. Auch vom Frachtflughafen Hostomel, der seit Beginn des Krieges am 24. Februar umkämpft war, zogen sich die Invasionstruppen demnach zurück. Ukrainische Truppen hätten rund um Kiew mehr als 30 Dörfer zurückerobert, sagte Arestowytsch.
Der ukrainische Generalstab teilte mit, dass russische Truppen auch aus der Sperrzone um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl und aus den angrenzenden Gebieten in Belarus zurückgezogen würden. Sie sollten augenscheinlich in das russische Gebiet Belgorod verlegt werden, um von dort aus nach Charkiw vorzustoßen. Mit Blick auf die Truppenbewegungen sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einer neuen Videoansprache, er erwarte heftige Angriffe im Osten. „Russische Soldaten werden in den Donbass geholt. Genauso in Richtung Charkiw.“
Insgesamt seien innerhalb eines Tages 67 militärische Objekte zerstört worden, darunter auch Munitionslager, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Wie alle Berichte aus den Kampfzonen waren die Angaben nicht unabhängig überprüfbar. Trotz der Raketenangriffe - zum Teil von Flugzeugen aus - behauptet die ukrainische Luftwaffe nach eigenen Angaben die Kontrolle über den Luftraum. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben war, wie bei allen Berichten aus umkämpften Gebieten, nicht möglich.
Selenski rief die Bevölkerung im russisch besetzten Süden auf, keine Ämter für das Besatzungsregime anzunehmen. „Meine Botschaft an Sie ist einfach: Die Verantwortung für die Kollaboration ist unausweichlich“, sagte der Präsident. Nach ukrainischen Angaben versucht Russland, in den besetzten Gebieten moskautreue Verwaltungen aufzubauen.
Selenski warnt nach russischem Rückzug vor Landminen und Beschuss
Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski auf ihrem Rückzug aus dem Norden des Landes „ein komplettes Desaster“ hinterlassen. Er warnte die Bewohner, einschließlich der Städte vor den Toren Kiews, vor weiterem russischen Beschuss und vor Landminen.
„Sie verminen das gesamte Gebiet, sie verminen Häuser, Ausrüstung und sogar die Leichen von Menschen, die getötet wurden“, sagte er in seiner nächtlichen Videoansprache an die Nation am späten Freitag.
Der ukrainische Präsident Selenski hat die Menschen im Norden von Kiew vor Landminen der russischen Armee gewarnt, die sich aus den Gebieten zurückzieht.
Foto: dpaEr forderte die Bewohner auf, mit der Wiederaufnahme ihres normalen Lebens zu warten, bis sie die Gewissheit haben, dass die Minen geräumt sind und die Gefahr des Beschusses vorüber ist.
Parallel zu den Kämpfen liefen im Hintergrund auch weitere Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien. Zum Stand der Gespräche, die in der Regel per Videoschalte stattfinden, wurde aus den Delegationen nichts bekannt.
Während sich die polnische Regierung für eine weitere Verschärfung der EU-Sanktionen gegen Russland aussprach, drohte Moskau mit einem Ende der Zusammenarbeit auf der Internationalen Raumstation ISS. Sollten die USA und andere westliche Staaten ihre Sanktionen gegen Russland nicht zurücknehmen, werde die Moskauer Führung in Kürze Fristen für ein Ende der Kooperation vorschlagen, teilte der Chef der Raumfahrtbehörde, Dmitri Rogosin, über Telegram mit.
Tausende Menschen aus umkämpften Städten evakuiert
Nach Angaben der Regierung in Kiew gelang Tausenden Menschen die Flucht aus umkämpften Städten. 765 Zivilisten hätten mit eigenen Fahrzeugen die Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes verlassen, teilte Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk im Nachrichtenkanal Telegram mit.
Heute soll erneut ein Versuch unternommen werden, einen Rettungskorridor aus der umkämpften Stadt zu einzurichten.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSFast 500 Zivilisten seien aus der Stadt Berdjansk geflohen. Ziel der Menschen aus beiden Städten sei Saporischschja. Zudem seien in Berdjansk zehn Busse gestartet. Am Sonntag solle die Evakuierung dort fortgesetzt werden, sagte Wereschtschuk.
Auch aus Städten wie Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Luhansker Gebiet im Osten des Landes seien Menschen am Samstag gerettet worden. „Wir arbeiten weiter“, schrieb die Vize-Regierungschefin. Russland hatte seinen Krieg gegen die Ukraine am 24. Februar begonnen.
Die Routen werden für jeden Tag neu angekündigt. Russland und die Ukraine werfen sich immer wieder gegenseitig vor, die Evakuierung von Ortschaften und Städten zu sabotieren.
Ukraine rechnet mit Konjunktureinbruch
Das ukrainische Wirtschaftsministerium rechnet wegen des russischen Angriffs mit einem Einbruch der Konjunktur. Die Wirtschaftsleistung werde um mindestens 40 Prozent geringer ausfallen, teilte das Ministerium mit. Allein im ersten Quartal sei die Wirtschaftsleistung um 16 Prozent gesunken. „Die Sektoren, in denen kein Homeoffice möglich ist, haben am meisten gelitten.“
Besonders kritisch ist die Lage der Landwirte, deren Ernten in vielen Bereichen einen entscheidenden Teil des weltweiten Exportaufkommens bilden. So ist die Ukraine ein wichtiger Produzent von Weizen, Senfsaat und Sonnenblumenkernen. Angesichts des Kriegs dürften die nun anstehende Aussaat und die späteren Ernten weit geringer ausfallen als zuvor.
Inzwischen knapp 300.000 Geflüchtete in Deutschland angekommen
In Deutschland sind nach Angaben der Bundespolizei innerhalb eines Tages rund 5300 weitere Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen. Wie das Bundesinnenministerium am Samstag auf Twitter mitteilte, hat die Polizei damit seit Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar nahezu 300.000 Kriegsflüchtlinge erfasst. Die genaue Zahl wurde mit 299-823 angegeben. Überwiegend handele es sich um Frauen, Kinder und alte Menschen.
Vermutet wird, dass die tatsächliche Zahl der Flüchtlinge deutlich höher liegt, da es an den Grenzen keine festen Kontrollen gibt und Menschen mit ukrainischem Pass sich 90 Tage lang ohne Visum in der EU aufhalten dürfen. Die meisten Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine halten sich im Nachbarland Polen auf: mehr als 2,4 Millionen Menschen.
Pentagon: Weitere 300 Millionen US-Dollar für Waffen an die Ukraine
Das US-Verteidigungsministerium will der Ukraine weitere Waffen im Wert von 300 Millionen Dollar (270 Millionen Euro) zukommen lassen. Unter anderem soll das neue Paket verschiedene Drohnen, Raketensysteme, gepanzerte Fahrzeuge, Munition, Nachtsichtgeräte, sichere Kommunikationssysteme, Maschinengewehre, medizinische Güter und die Bereitstellung von kommerziellen Satellitenbildern umfassen, wie das Pentagon am Freitagabend (Ortszeit) mitteilte.
Die USA will die ukrainische Armee mit weiteren Waffen unterstützen.
Foto: ReutersEinem Medienbericht zufolge wollen die USA außerdem zusammen mit Verbündeten Panzer aus sowjetischer Produktion an die Ukraine liefern. Diese sollten die Verteidigung in der Donbass-Region stärken, schreibt die „New York Times“ unter Berufung auf einen US-Beamten. Die Panzer sollten bald dorthin gebracht werden.
Der zitierte Beamte sagte nicht, um wie viele Panzer es sich handelt und aus welchem Land sie kommen. Das US-Verteidigungsministerium lehnte einen Kommentar ab, das US-Präsidialamt gab zunächst keine Stellungnahme ab.
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Die US-Regierung hat der Ukraine seit Kriegsbeginn bereits Militärhilfen und Waffenlieferungen im Wert von 1,65 Milliarden Dollar zugesagt. Seit Anfang vergangenen Jahres summieren sich die US-Hilfen auf 2,3 Milliarden Dollar.
Die vom Pentagon angekündigten neuen Waffenlieferungen dürften allerdings etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Bei dem Vorgang handelt es sich nicht um die Übergabe von Waffen und Systemen, die bereits im US-Besitz sind, sondern um Aufträge an die Hersteller. Der Schritt stelle „den Beginn eines Prozesses dar, um den ukrainischen Streitkräften neue Fähigkeiten zukommen zu lassen“, hieß es.
Parallel werde weiter mit den Verbündeten gearbeitet, um der Ukraine weitere Waffenlieferungen zukommen zu lassen. „Die Vereinigten Staaten werden weiterhin alle verfügbaren Mittel einsetzen, um die ukrainischen Streitkräfte angesichts des russischen Angriffs zu unterstützen“, teilte das Pentagon mit.
Der US-Kongress hatte erst im März einen Haushalt beschlossen, in dem bis Ende September 13,6 Milliarden Dollar humanitäre, wirtschaftliche und militärische Hilfe für die Ukraine vorgesehen sind.
Papst erwägt Reise nach Kiew
Bei einem Besuch auf Malta verurteilte Papst Franziskus den Krieg in der Ukraine, vermied aber direkte Kritik an Russland. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sprach von „einigen wenigen Mächtigen“, die Konflikte schürten. Vor der Landung sprach Franziskus von einer möglichen Reise nach Kiew: „Das liegt auf dem Tisch.“