Morning Briefing: Erfolgreich trotz Multikrise: Die besten Strategien der Firmenlenker
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
41 Prozent der Top-Führungskräfte in Deutschland beobachten an sich Burnout-Symptome. Das ergab eine aktuelle Befragung des Gesundheitsinstituts der Unternehmensberatung McKinsey. Heißt konkret: Mehr als jeder dritte Manager und jede dritte Managerin auf den oberen Ebenen – Menschen mit Titeln wie CEO, CFO, Director oder Vice President – leidet regelmäßig unter extremer Müdigkeit, verliert zunehmend die Lust an der Arbeit oder igelt sich ein, im Job wie privat. Bei Angestellten, die keine Führungskräfte sind, liegt dieser Anteil mit 24 Prozent deutlich niedriger.
Viel Verantwortung macht häufiger krank. Ein Zusammenhang, der auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass das Land und seine Unternehmen in einer Vielzahl von Krisen stecken, die sich teilweise überlagern oder einander bedingen – und deren Ende kaum abzusehen ist. Ukrainekrieg, Energiewende, Inflation, Rezession, Klimakrise, Pandemienachwehen, Digitalisierung der Geschäftsmodelle, Fachkräftemangel: alles gleichzeitig, alles gleich dringend.
Vorbei die Zeiten, in denen sich der Managementalltag unterteilen ließ in Krise und Normalität, in kurze Sprints, auf die dann wieder eine längere Phase unternehmerischer Alltag folgte. In unserer freitäglichen Titelgeschichte erzählen wir, was diese Verdichtung für Firmenlenker bedeutet und welcher Typ Chef jetzt gefragt ist.
Tipp: Wenn Sie nicht wissen, was „kontextuelle Intelligenz“ bedeutet, gehören Sie womöglich nicht dazu.
Zusätzlich geben bei uns sieben erfahrene Top-Führungskräfte exklusive Einblicke in die Methoden, mit denen sie dem täglichen Wahnsinn Herr werden. Oliver Blume zum Beispiel, der in Volkswagen und Porsche gleich zwei Dax-Konzerne lenkt, führt auf Reisen stets eine aktuelle Monats- und Jahresterminübersicht mit, und zwar ausgedruckt im DIN-A3-Format und mit Farbcodes für verschiedene Terminarten: Porsche ist gelb, Volkswagen orange.
Beide Konzerne gleichzeitig zu führen, das ist für Blume übrigens wie Champions League spielen, und das durchgängig: „Da wird schnell gepasst und aus jeder Lage aufs Tor geschossen.“
Wer bei Christian Graz landet, Chef der Psychosomatik an der auf kranke Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik, der konnte das hohe Spieltempo irgendwann nicht mehr mitgehen. In der Kommunikation mit seinen Manager-Patienten hat sich der Psychosomatiker eine ganz eigene Wortwahl angewöhnt: „Wer zum Beispiel mit typischen Stress-Symptomen wie Herzrasen, Schwindel und Schlafstörung zu uns kommt, dem kann ich nach Ausschluss einer organischen Ursache nicht einfach sagen: Sie sind körperlich gesund, haben aber eine Depression. Das will der Top-Leistungsträger nicht hören. Wir sprechen dann lieber von berufsbedingtem Ausbrennen.“
Weil unsere Top-Leserinnen und -Leser das vielleicht nicht hören wollen, machen wir jetzt nicht einfach einen Themenwechsel, sondern sprechen lieber von einem „Newsletter-bedingten Hinübergleiten“ zum nächsten Thema.
Die Technologiebranche feuert so viele Angestellte wie noch nie. In den ersten Wochen 2023 kündigten allein die US-Tech-Firmen rund 60.000 Mitarbeitern, im Vorjahr waren es bereits etwa 160.000. Und nun streicht in SAP auch ein deutsches Softwareunternehmen 3000 Stellen.
Auf den ersten Blick überrascht der Personalabbau, immerhin erzielen die meisten Tech-Unternehmen gute Gewinne. So hat auch SAP im vergangenen Jahr 4,7 Milliarden Euro verdient.
Die Technologiebranche ist in den Corona-Jahren enorm gewachsen. Die Facebook-Mutter Meta und Amazon verdoppelten ihre Belegschaft während der Pandemie, Microsoft und Google vergrößerten ihre Angestelltenzahl um die Hälfte. Auch SAP stellte im Laufe der Pandemie mehr als 11.000 neue Mitarbeitende ein. Der Analyst Dan Ives von der US-Investmentfirma Wedbush sagt, viele Unternehmen hätten „Geld ausgegeben wie Rockstars in den Achtzigerjahren“.
Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels sind die Entlassungen dennoch verwunderlich. Wen man heute entlässt, hätte man womöglich nächstes Jahr gerne schon wieder an Bord. Und Abfindungen sind nicht nur teuer. Auch die Motivation der verbleibenden Belegschaft sinkt. Jeffrey Pfeffer von der Universität Stanford bringt als wahren Grund „soziale Ansteckung“ ins Spiel: „Die Unternehmen imitieren sich gegenseitig.“
Viele Manager wüssten, dass die Entlassungen dem Unternehmen schadeten. Doch die Aufsichtsräte sähen den Personalabbau bei anderen Konzernen und forderten im eigenen Unternehmen ähnliche Maßnahmen. Denn die Aufseher stehen vielfach selbst unter Druck, weil die Aktienkurse der meisten Tech-Unternehmen stark gesunken sind.
Mal ehrlich: Wenn ich als Vorstandschef wider besseres Wissen tausende schwer ersetzbare Fachkräfte feuern müsste, weil mein Aufsichtsrat das fordert, obwohl er es ebenfalls besser weiß – dann wäre ich dem „berufsbedingten Ausbrennen“ auch nicht mehr ganz fern.
Das Beste an der Aktienrente ist ihr Name. Aktie, das klingt nach hohen Renditechancen. Und Rente, das klingt nach maximaler Verlässlichkeit. In Summe also erst Energy Drink, dann Baldrian.
Aber kann der neue, kapitalgedeckte Arm der gesetzlichen Rentenversicherung, der jetzt an den Start geht, diese Hoffnungen erfüllen? Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, ist skeptisch: „Die neue Aktienrente kommt zu spät, und ihr Anteil an den Rentenausgaben ist gering.“ Das bedeutet nicht, dass es falsch ist, eine solche Säule aufzubauen – in vielen Staaten ist der Anteil an kapitalgedeckten Renten weit höher als in Deutschland.
Das wahre Problem macht Rürup anhand eines einfachen Rechenbeispiels deutlich: In den kommenden 15 Jahren soll ein Aktienrenten-Kapitalstock von 150 Milliarden Euro aufgebaut werden. Aus den jährlichen Erträgen lassen sich bei optimistischen Renditeerwartungen die Rentenzahlungen von sechs Tagen bestreiten – mit sinkender Tendenz. Zu wenig, um die absehbare Beitragsexplosion zu dämpfen.
Nach mehr als drei Stunden beendeten die Koalitionsspitzen am Abend ihre Beratungen über eine mögliche Beschleunigung von Planungsverfahren im Verkehr ohne Ergebnis. Kern des Streits: Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) will, dass künftig der Bau von Bahnstrecken, aber auch von Autobahnen, für die ein vordringlicher Bedarf festgestellt ist, im „überragenden öffentlichen Interesse“ liegt. Das soll Genehmigungsverfahren beschleunigen und Gerichtsverfahren erleichtern. Die Grünen hingegen wollen nicht so ganz einsehen, warum Autobahnen solch eine Vorzugsbehandlung brauchen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes, gern beschleunigtes Hinübergleiten ins Wochenende.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt