1. Startseite
  2. Technologie
  3. Forschung + Innovation
  4. Thales: Rüstungskonzern setzt auf den Boom der Quantentechnologie

Abhörsichere KommunikationWie der Rüstungskonzern Thales auf den Boom der Quantentechnologie setzt

Thales entwickelt abhörsichere Quantenkommunikation. Der französische Konzern wittert ein großes Geschäft bei Firmen, die ihre Daten vor der Rechenpower neuer Supercomputer schützen wollen.Gregor Waschinski 28.05.2023 - 17:02 Uhr Artikel anhören

Hier arbeitet der Rüstungskonzern an neuen Anwendungen für die Quantenkommunikation.

Foto: Handelsblatt

Palaiseau. Die Franzosen nennen Palaiseau gern ihr „Silicon Valley“. Der Staat will den Vorort im Südwesten von Paris mit großen Investitionen zu einer Innovationslandschaft mit Weltrenommee ausbauen. In direkter Nachbarschaft angesehener Ingenieurschmieden wie der Elitehochschule Polytechnique oder der Universität Télécom Paris findet sich auch eine Niederlassung des Konzerns Thales.

„Hier schlägt das Ingenieursherz von Frankreich“, sagt Technologiechef Bernhard Quendt, der durch das Forschungszentrum führt. Thales wird oft als Rüstungsunternehmen bezeichnet, der in der Militärtechnik aktiv ist und Komponenten für Luft- und Raumfahrt produziert. Quendt spricht lieber von einem „internationalen Technologiekonzern für Märkte mit hohem Sicherheitsbedürfnis“.

Gerade der Bedarf an abhörsicherer Kommunikation steige, sagt der deutsche Manager, und das nicht nur bei den klassischen staatlichen Kunden, sondern auch im privaten Sektor. In diesem Bereich erhofft sich Thales in den kommenden Jahren einen großen Schub durch eine Technologie, die derzeit noch in der Entwicklungsphase ist: die Quantenkommunikation.

Diese Technologie werde „ein großer Hebel für das künftige Wachstum von Thales“ sein, sagt Quendt dem Handelsblatt. Dahinter verbirgt sich eine neue Form der Verschlüsselung in der Datenübertragung auf Grundlage der Quantenphysik. Vereinfacht gesagt beruht sie auf ausgesendeten Lichtteilchen, bei denen einzelne Informationen nicht mehr abgezweigt werden können. Jeder Hackerangriff würde den physikalischen Zustand der Verbindung stören – und damit sofort aufgedeckt.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting könnte der Markt für Quantenverschlüsselung und Quantenkommunikation bis 2030 auf bis zu zehn Milliarden Dollar weltweit anwachsen. Im Jahr 2021 lag das Volumen demnach noch bei 100 Millionen Dollar.

10
Milliarden Dollar
könnte der weltweite Markt für Quantenverschlüsselung und Quantenkommunikation bis 2030 laut einer BCG-Studie erreichen.

Quantenkommunikation sei „ein aufkeimender Markt mit großem Potenzial“, heißt es in der Analyse. Noch sei der Bereich stark durch staatliche Investitionen geprägt, um die Technologie bei Militär und Sicherheitsbehörden zu nutzen. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts werde aber die Nachfrage von privaten Firmen zunehmen, insbesondere aus dem Technologie- und Finanzsektor.

Quantenkommunikation: Technische Hürden für die Kommerzialisierung

Im Technologiezentrum in Palaiseau forschen Mitarbeiter an neuen Antennen und Sensoren, erd- und satellitenbasierter Kommunikationstechnik sowie dem dazugehörigen Quantencomputing, also den Algorithmen und Anwendungen.

Hinter einer der Türen der verzweigten Flure verbirgt sich ein kleiner Raum, in dem Rechnertürme kaum Platz für die Mitarbeiter lassen. Ein Computer ist mit dem Institut d’Optique verbunden, einer Ingenieurhochschule auf der anderen Straßenseite. Über das Glasfaserkabel sausen quantenverschlüsselte Nachrichten hin und her. Es eine Versuchsanordnung, um die Technologie weiterzuentwickeln, die Thales bald in den Alltag von Unternehmen überführen will.

Schon heute gebe es vereinzelt kommerzielle Angebote, sagt Jean-François Bobier, einer der Studienautoren, dem Handelsblatt. So habe British Telecom im Westen Londons ein Netz mit Quantenverschlüsselung aufgebaut. Auch in Südkorea könnten einige Unternehmen bereits eine derartige Kommunikationsinfrastruktur nutzen. „Aber wir sind noch ziemlich weit von einer Umsetzung im großen Stil entfernt.“

Bobier sieht neben den bisher sehr hohen Kosten für Unternehmen vor allem eine technische Hürde für die Kommerzialisierung. Noch fehlten sogenannte Quantenrepeater, um die Reichweite der Kommunikation im Glasfasernetz auf mehr als 200 Kilometer auszudehnen. Der Aufbau eines Satellitennetzes für eine weltraumbasierte Alternative werde ebenfalls noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Thales-Technikchef Quendt ist dagegen überzeugt, dass Quantenkommunikation in den kommenden fünf Jahren in der Wirtschaft angewendet wird. „Viele der Themen, die noch in der Forschung sind, kommen dann schneller, als man denkt“, sagt er.

Der Manager, der zuvor für Siemens arbeitete, vergleicht die Entwicklung mit einem Eisberg: „Die Spitze, also die Nutzung der Forschung durch Staat und Militär, die sehen wir schon länger. Nun beginnen wir aber damit, den großen, bisher unter Wasser liegenden Bereich der Anwendungen für Industrie und Privatkunden freizulegen.“

Der frühere Siemens-Manager ist seit 2020 Technologiechef des französischen Thales-Konzerns.

Foto: Thales Group

Quantencomputer könnten mit ihrer Rechenpower bald in Windeseile die besten Verschlüsselungen knacken, die heute verfügbar sind. „Darauf werden sich Unternehmen vorbereiten müssen“, sagt Quendt. „Für große Konzerne, aber auch für mittelständische Unternehmen wird in den kommenden Jahren kein Weg daran vorbeiführen, sich mit sicherer Quantenkommunikation zu schützen.“

Thales profitiert vom globalen Rüstungsboom

Mit dieser Nachfrage verbindet Thales die Hoffnung auf ein großes Geschäft. Schon im vergangenen Jahr betrug der Nettogewinn rund 1,1 Milliarden Euro. Vor allem die Rüstungssparte boomt in Zeiten wachsender geopolitischer Unsicherheiten. Das Volumen der neuen Aufträge erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr um knapp vier Milliarden Euro auf 23,6 Milliarden Euro.

„Natürlich sind staatliche Auftraggeber wie das Militär für uns ganz entscheidend, insbesondere aus Frankreich“, sagt Quendt.

Thales investiere pro Jahr eine Milliarde Euro in Forschung und Entwicklung, davon ein großer Teil in digitale Technologien. „Dazu kommen noch einmal drei bis vier Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung, die wir im Auftrag von Kunden durchführen“, sagt der Manager. Bei der Quantenkommunikation sieht er Thales als „Vorreiter“ in Europa.

Noch ist China international führend

Seit April beteiligt sich Thales an der europäischen Initiative für eine sichere Quanteninfrastruktur, der rund 20 Akteure aus Industrie und Wissenschaft angehören. Das Ziel klingt ambitioniert: Binnen drei Jahren soll ein abhörsicheres Kommunikationsnetz in der EU aufgebaut werden.

„So wie vor 100 Jahren die Telekommunikations-Infrastruktur geschaffen wurde, geht es nun darum, eine Infrastruktur für die Quantenkommunikation zu schaffen“, sagt Quendt. Bei der Quantenforschung müsse sich Europa „nicht vor den USA oder China verstecken“.

Verwandte Themen
Frankreich
China
Europa
Siemens
Huawei

Die Chinesen seien mit dem Technologieriesen Huawei aber international noch führend, sagt BCG-Experte Bobier. Die Stärke Europas seien die vielen Start-ups im Bereich der Quantenkommunikation. „Aber auch etablierte Akteure aus dem Telekommunikationssektor werden eine Rolle spielen“, sagt er. Thales sieht er gut aufgestellt, in dem Markt Fuß zu fassen. „Die Quantenkommunikation ist ja so etwas wie eine natürliche Fortsetzung dessen, was Thales bereits macht.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt