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Bundeswehr„Zum Erfolg verdammt“ – Digitalisierung bleibt Dauerbaustelle

Verteidigungsminister Boris Pistorius räumt anhaltende Schwierigkeiten beim einstigen Prestigeprojekt der Bundeswehr ein, der Digitalisierung. Und er warnt, dass das Ansehen der Industrie auf dem Spiel stehe.Frank Specht 03.12.2025 - 18:29 Uhr Artikel anhören
Bundeswehrsoldat vor Schützenpanzer: bessere Vernetzung von Mensch und Maschine durch Digitalfunk Foto: dpa

Berlin. Die Digitalisierung des Heeres stellt die Bundeswehr weiter vor große Schwierigkeiten, sodass der ehrgeizige Zeitplan zunehmend wackelt. „Es gibt Fortschritte, aber es hakt auch noch deutlich an leider zu vielen Stellen“, sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Mittwoch nach einem Treffen mit Industrievertretern in Berlin. So gebe es weiter Probleme bei der Datenübertragung und bei der Integration neuer digitaler Funkgeräte in die Fahrzeuge.

Er setze weiter auf die Zusage der beteiligten Unternehmen, sagte Pistorius weiter. Bis Ende 2027 eine erste Heeresdivision mit dem neuen Digitalfunk auszustatten, sei nach den Erfahrungen der zurückliegenden zwei Jahre aber auch ambitioniert: „Alle wissen, dass wir gemeinsam verdammt sind zum Erfolg“, sagte der Minister.

Es gehe um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands, aber auch um das Ansehen der Industrie. An dem Treffen im Ministerium im Berliner Bendlerblock nahmen Vertreter der Unternehmen Rheinmetall, KNDS, Rohde & Schwarz, Blackned und Systematic teil.

Dabei war die sogenannte Digitalisierung landbasierter Operationen (D-LBO) als Prestigeprojekt für die Modernisierung der Bundeswehr gestartet. Aus dem 100 Milliarden Euro schweren Sondervermögen der Bundeswehr, das der Bundestag im Jahr 2022 beschlossen hatte, wurden allein 11,5 Milliarden Euro für dieses Projekt reserviert.

Es geht um weit mehr als Sprechfunk

Es geht dabei nicht nur um Funk, sondern um die digitale Vernetzung von Soldaten, Fahrzeugen und Waffensystemen. Die neue Technik soll eine störungsfreie und abhörsichere Kommunikation und einen Datenaustausch ermöglichen, ein gemeinsames Lagebild sicherstellen und die Interoperabilität mit den Nato-Verbündeten sichern.

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Pistorius sprach von einem Technologiesprung von 40 Jahren, dessen Umsetzung normalerweise mindestens 15 Jahre in Anspruch nehme. Doch die Industrie habe eine Umsetzung innerhalb weniger Jahre versprochen.

Die verläuft allerdings nicht so wie gewünscht. Immer wieder sorgt das Projekt für Negativschlagzeilen.

Vor drei Jahren hatte die Bundeswehr mit dem Unternehmen Rohde & Schwarz den Rahmenvertrag über die Lieferung von bis zu 34.000 Digitalfunkgeräten geschlossen. Der französische Wettbewerber Thales legte Beschwerde gegen die Direktvergabe ein, unterlag aber im Dezember 2023 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Probleme bereitete dann zunächst die technische Integration der Funkgeräte in die mehr als 200 verschiedenen Fahrzeugtypen der Bundeswehr – vom Führungsfahrzeug Wolf bis zum Kampfpanzer Leopard. Mit der Systemintegration wurde eine Arbeitsgemeinschaft der Unternehmen Rheinmetall und KNDS beauftragt.

Schon im September 2023 hatte Pistorius nach ersten Medienberichten über Pannen eingeräumt, dass es zu Verzögerungen des Projekts kommen könnte. Der Minister installierte daraufhin im Koblenzer Beschaffungsamt BAAINBw eine eigene Koordinierungsstelle für das Projekt.

Verteidigungsminister Pistorius (2. v. r.) mit Generalinspekteur Breuer (r.) und Industrievertretern: eingeschränkte Einsatzbereitschaft. Foto: Annette Riedl/dpa

Bei Praxistests in diesem Frühjahr fielen dann Softwareprobleme auf: Ein Test im Mai sei abgebrochen worden, die neuen Systeme seien als „nicht truppentauglich“ eingestuft worden, hatte der „Spiegel“ im September berichtet. Minister Pistorius wurde über die neuerlichen Probleme erst mit erheblicher Verzögerung informiert. Noch im September hatte er auf Nachfrage im Bundestag betont, nach seinem Stand liege das Projekt „im Zeitplan“.

Nach einem Softwareupdate gab es im November dann einen zweiten Praxistest, der die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems belegen sollte. Die Probleme seien beseitigt, die Funkgeräte hätten den sogenannten Nutzer-Akzeptanz-Test „mit Bravour bestanden“, sagte der Abteilungsleiter Innovation und Cyber im Verteidigungsministerium, Generalleutnant Michael Vetter, in der vergangenen Woche vor Journalisten in Munster.

Datenübertragung bereitet Probleme

Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Die lange Übertragungsdauer beim Führungsfunk sei durch ein Softwareupdate verkürzt worden, auch die Verschlüsselungstechnik funktioniere gut, erläuterte Pistorius am Mittwoch.

Probleme bei der Datenübertragung oder bei hoher Auslastung des Systems hätten dagegen noch nicht beseitigt werden können. Auch die Reichweite des Digitalfunks und das Zusammenspiel einzelner Softwarekomponenten lägen noch deutlich unter den Erwartungen.

Im Verteidigungsministerium wird nun deshalb eine neue Stabsstelle für das Projekt eingerichtet, die bei Generalinspekteur Carsten Breuer und Rüstungsstaatssekretär Jens Plötner angesiedelt ist. Auch im BAAINBw soll das Monitoring verbessert werden. Regelmäßige Tests, auch unter Einbeziehung der aktiven Truppe, sollen frühzeitig Aufschluss über Fehlentwicklungen geben.

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Außerdem will Pistorius bei der Systemintegration des Digitalfunks neue Wege gehen und zunächst die Fahrzeuge umrüsten lassen, bei denen der Einbau relativ leicht ist und die für die Truppe nicht die höchste Bedeutung haben. Die Industrie werde die bisher veranschlagten Kapazitäten verdoppeln und bis Ende 2027 rund 6000 Fahrzeuge für eine Heeresdivision digital umrüsten, kündigte Rheinmetall-Chef Armin Papperger an.

Bis zur Mitte des nächsten Jahres sollen es zunächst mehr als 1000 Fahrzeuge sein – zu 80 Prozent militärische Lkw, aber auch erste gepanzerte Fahrzeuge. So erkaufe man sich Zeit für die Umrüstung komplexerer Gefechtssysteme wie beispielsweise des Kampfpanzers Leopard 2, sagte er.

Wechsellader-Lkw der Bundeswehr: werden zuerst auf den neuen Standard umgerüstet. Foto: Frank Specht/Handelsblatt

Das bedeutet aber, dass das Heer als Brückenlösung im „Mischbetrieb“ mit bereits umgerüsteten und noch zur Umrüstung anstehenden Fahrzeugen operieren muss – auch innerhalb einzelner Verbände. Dies gehe vorübergehend auch zulasten der Einsatzbereitschaft, sagte Generalinspekteur Breuer.

Aber lieber nehme er jetzt Einschränkungen in Kauf als näher am Jahr 2029, sagte der Generalinspekteur. Ab diesem Jahr könnte die russische Armee nach Einschätzung von Militärexperten und Geheimdiensten kräftemäßig in der Lage sein, ein Nato-Land anzugreifen.

Christian Leicher, Vorsitzender der Geschäftsführung von Rohde & Schwarz, nannte die Digitalisierung des Heeres eine „hochkomplexe Aufgabe für alle beteiligten Unternehmen“. Man sei aber entschlossen, sich der Herausforderung zu stellen.

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Das ist nach einer Aussage des Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, im November vor Journalisten auch dringend notwendig: Im Ernstfall sei die digitale Technik „kriegsentscheidend“.

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