Märkte-Insight: Die Märkte unterschätzen womöglich die Kosten der Deglobalisierung

Die engen Lieferverflechtungen mit der Volksrepublik sind ein erhebliches Risiko.
Foto: Getty Images, PrivatSeit Monaten bestimmen Zins- und Rezessionssorgen das Geschehen am Kapitalmarkt. Die Inflation ist vielerorts zwar durch die restriktive Geldpolitik der Notenbanken zurückgegangen. Doch von dem Zielwert von zwei Prozent, bei dem die Währungshüter in den USA und Europa Preisstabilität sehen, ist sie noch weit entfernt.
Dementsprechend groß ist die Angst vor weiteren Zinsschritten. Vor der Veröffentlichung der wegweisenden Sitzungsprotokolle der US-Notenbank stießen Börsianer in Deutschland daher am Mittwoch Aktien ab, der Leitindex Dax beendete den Handel 0,6 Prozent im Minus bei 15.938 Punkten.
Langfristig orientierte Anleger stellen sich bereits die Frage, was die Unternehmensgewinne über die Endphase des Inflationsdramas hinaus bestimmt. Schließlich sind sie auf längere Sicht ausschlaggebend für die Börsen. Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze lenkt den Blick auf ein Thema, das bisher wenig diskutiert wird, aber trotzdem sehr wichtig ist: die Kosten der Deglobalisierung.
Hier spielt China eine wichtige Rolle. Infolge der Abhängigkeit von russischem Öl und Gas ist in Europa das Bewusstsein gewachsen, dass enge Lieferverflechtungen mit der Volksrepublik für den Kontinent, aber auch die USA ebenfalls ein erhebliches Risiko darstellen.
Denn die Führung in Peking lässt keinen Zweifel daran, dass sie Taiwan und damit dem weltweit entscheidenden Zentrum für die Halbleiterfertigung auf Dauer keine Selbstständigkeit zugesteht. Und sollte Chinas Konjunktur weiter schwächeln und sich die Krise auf dem heimischen Immobilienmarkt zuspitzen, steigt die Gefahr, dass Peking als außenpolitischer Aggressor auftritt – mit dem Ziel, die innenpolitische Krise zu kaschieren.
Die Folge: Die Welt organisiert sich neu. Tooze weist darauf hin, dass Amerikaner, Chinesen und Europäer bereits deutlich zurückhaltender mit gegenseitigen Investitionen geworden sind. Das Bruttovolumen grenzüberschreitender Finanztransaktionen zwischen den drei Wirtschaftsblöcken sei von 7,9 Billionen Dollar im Jahr 2021 auf 2,8 Billionen 2022 gesunken und gehe nach ersten Schätzungen weiter zurück, schreibt er mit Bezug auf einen Artikel des Ökonomen Matthew Klein.
>> Lesen Sie hier: Wie Europa Chinas Rohstoff-Drohung kontern könnte
Die Zahlen allein sagen aber noch nicht alles. Wer den Subventionswettlauf etwa zwischen Europa und den USA beobachtet, bei dem Milliarden ausgegeben werden, um Produktion im eigenen Land zu halten, der hat die Deglobalisierung vor Augen. Zu argumentieren, dass man bei der Industriepolitik „realistisch“ sein müsse, ist die neue Form, mehr Protektionismus zu fordern.
Deglobalisierung bremst dem Wachstum
Klar ist: Wenn freie Märkte über Jahrzehnte der Wachstumsmotor waren, ist Deglobalisierung schlecht für die Wirtschaft und damit auch für die Unternehmensgewinne. Tooze verweist in seiner Argumentation auf einen Beitrag, den der US-Ökonom Douglas Irwin für den Internationalen Währungsfonds (IWF) geschrieben hat. Dessen zentrale These lautet, dass die Wirtschaftsgeschichte häufig „falsch interpretiert“ werde. Irwin wendet sich gegen die Vorstellung, Protektionismus habe etwa in der früheren Geschichte der USA oder beim Aufstieg von Südkorea einen entscheidenden Beitrag fürs Wachstum geleistet.
Mit Blick auf die Geschichte der Volkswirtschaft lässt sich sagen: Irwin gibt David Ricardo recht und argumentiert gegen Friedrich List. Ricardo hatte im frühen 19. Jahrhundert dargelegt, dass internationale Arbeitsteilung in der Regel auch dem schwächeren Land nützt, weil es sich auch auf seine relativen Stärken konzentrieren kann. List argumentierte dagegen später, ein gewisser Schutz gegen Importe sei notwendig, um neuen Industrien Konkurrenzfähigkeit zu ermöglichen.
Folgt man Tooze und Irwin, ist der Rückzug aus der Globalisierung rein wirtschaftlich ein Risiko, das die Märkte unterschätzen.