Morning Briefing: Jetzt auch noch Thyssen-Krupp: Tschechischer Milliardär Kretinsky interessiert sich für den Stahl

Neuanfang: Lidl-Kaufland will zum Daten-Discount werden
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
ab dem Alter von etwa 50 Jahren kehrt in vielen Firmen Ruhe ein. Die stürmischen Wachstumsjahre sind vorbei, das Geschäftsmodell hat sich eingeschwungen, die Gründergeneration tritt ab. Wenn dann der Umsatz stagniert und die Margen bröckeln: Was soll’s, ein paar Jahrzehnte wird’s noch gutgehen.
Und dann gibt es Unternehmer wie Dieter Schwarz. Der will auch ein halbes Jahrhundert nach der Eröffnung seines ersten Lidl-Markts keine Ruhe geben. Der 84-jährige Schattenmann des deutschen Einzelhandels mutet seiner Lidl-Kaufland-Gruppe das vielleicht spannendste digitale Transformationsprojekt zu, das die deutsche Wirtschaft derzeit zu bieten hat: Aus dem Handelskonzern, vor allem bekannt für niedrige Preise und rustikale Unternehmenskultur, soll zusätzlich ein Datendienstleister nach dem Vorbild von Amazon Web Services werden. Kernzielgruppe: der deutsche Mittelstand.
Cloud statt Clementinen – ernsthaft jetzt? Ein Handelsblatt-Reporterteam beschreibt die Machtkämpfe, die der Richtungsentscheidung bei Lidl-Kaufland vorausgingen, und die gewaltigen Risiken, die dem Projekt anhaften. Aber ihre Titelgeschichte ist auch eine Ode an das echte Unternehmertum, das zu Lebzeiten niemals endet. Nicht mit 50 und auch nicht mit 84 Jahren.
Dazu hat der Vorstandschef der Schwarz-Gruppe, Gerd Chrzanowski, dem Handelsblatt sein erstes Interview gegeben. Über den neuen Cloud-Kurs, den er maßgeblich miterdachte, sagt Chrzanowski: „Die beste Strategie ist eine Strategie, die nicht als solche begonnen wurde.“
Noch so einer, der das Herumunternehmern nicht lassen kann: Daniel Kretinsky ist über seine Unternehmen an einer Reihe von Energieproduzenten und Logistikfirmen in Europa beteiligt. In Deutschland erwarb er die ostdeutschen Braunkohleverstromer Mibrag und LEAG und stieg bei dem Handelskonzern Metro ein.
Nun ist der tschechische Selfmade-Milliardär Favorit für die Teilübernahme der Stahlsparte von Thyssen-Krupp. Vertreter des Unternehmens führten dazu vertiefte Gespräche mit Kretinsky, erfuhr das Handelsblatt von mehreren mit den Vorgängen vertrauten Personen: „Noch in diesem Jahr könnten sich beide Seiten einig werden.“
Nach derzeitigem Stand soll Kretinsky einen Anteil von 50 Prozent an Thyssens Stahlsparte erhalten und die Thyssen-Krupp AG in gleicher Höhe beteiligt bleiben. Das Unternehmen und der Milliardär lehnten einen Kommentar dazu ab. Die Aktie von Thyssen-Krupp stieg um rund 6,5 Prozent auf 7,11 Euro.
Die 1945 gegründete Airline hat etwa 6600 Mitarbeiter und rund 100 Maschinen.
Foto: ReutersNoch offen ist das Bieterrennen bei der gestern beschlossenen Privatisierung der portugiesischen Staatsfluglinie TAP. Mindestens 51 Prozent der größten Fluggesellschaft des Landes sollten veräußert werden, sagte Finanzminister Fernando Medina nach einer Kabinettssitzung in Lissabon. Die Zeitung „Público“ berichtete am Donnerstag, dass alle drei großen europäischen Netzwerkairline-Konzerne Interesse geäußert hätten: Neben der Lufthansa auch Air France-KLM und IAG, die Muttergesellschaft von British Airways und Iberia.
An dieser Stelle ein Disclaimer: Der Rest dieses Newsletters wird sich ausschließlich um Flucht und Migration drehen. Wenn Sie des Themas überdrüssig sind oder den Verdacht haben, ich könnte womöglich nicht entschlossen genug für klare Kante gegenüber Flüchtlingen plädieren: Hören Sie besser jetzt auf zu lesen, Sie werden sich vielleicht aufregen müssen.
Sie sind noch dabei, das freut mich. Wir beginnen mit einer Meldung der Nachrichtenagentur AP: Nach der Kapitulation der armenischen Separatisten in Bergkarabach sind mehr als 65 Prozent der Bevölkerung aus der Kaukasus-Region nach Armenien geflohen. Bis Donnerstagabend seien 78.300 Menschen in Armenien angekommen, teilten dortige Behördenvertreter mit.
Der Zustrom halte unvermindert an. Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, verwaltete sich aber seit dem Ende eines Separatistenkrieges 1994 selbst und wurde von Armenien unterstützt. Vergangene Woche zwangen aserbaidschanische Truppen die Separatisten in einer Blitzoffensive zur Aufgabe.
Die Zahl der Migranten steigt, ihre Akzeptanz hierzulande nimmt ab. Derzeit verbinden 64 Prozent der Deutschen eher Nachteile mit der Zuwanderung – im Mai waren es nur 54 Prozent, wie eine repräsentative Umfrage von Infratest im Rahmen des „ARD Deutschlandtrend“ ergab. Die Einführung einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen halten demnach 71 Prozent der Befragten für richtig.
Lediglich 14 Prozent finden momentan, dass die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gut oder eher gut gelingt, 16 Prozent sind es bei der entsprechenden Frage nach der Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft generell. Angesichts dieser Zahlen versteht man, warum manche Politiker agieren wie sie eben agieren.
Migranten in Brandenburg: Ökonomisch betrachtet ist die Aufnahme von Flüchtlingen eine Investition mit hohen Anfangskosten und ungewissen Erträgen in der Zukunft.
Foto: dpaApropos: Gestern habe ich Friedrich Merz an dieser Stelle vorgeworfen, dass er die Sache mit den abgelehnten Asylbewerbern, die sich hierzulande angeblich auf Staatskosten die Zähne sanieren lassen, arg vereinfacht habe.
Allerdings habe auch ich zu sehr vereinfacht, als ich dem CDU-Vorsitzenden entgegenhielt, dass Asylbewerber in Deutschland nur bei akuten Erkrankungen behandelt werden. Inzwischen habe ich gelernt: Für die ersten 18 Monate nach der Ankunft in Deutschland ist das richtig. Danach erhalten Asylbewerber, – auch abgelehnte, aber geduldete – weitgehend die gleichen Leistungen wie gesetzlich Versicherte. Und es gehört ja tatsächlich zu den Missständen unseres Asylsystems, dass es von der Antragstellung bis zur Ausreise nach Ablehnung meist deutlich länger dauert als eineinhalb Jahre.
Eine Lösung, die mir vorschwebt, ist nun gerade nicht, dass wir Flüchtlingen noch länger als bisher die Zahnbehandlung vorenthalten. Sondern dass jeder Flüchtling, der dazu in der Lage ist, bei uns vom ersten Tag an arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Entweder in regulären Jobs oder im gemeinnützigen Bereich.
Ich wette: Dann würde das Gerede vom Sozialtourismus schnell abklingen – und unser akuter Arbeitskräftemangel gelindert. In eine ähnliche Richtung argumentiert heute auch Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang, an dem Sie Ihren Mitmenschen die Zähne nur zum Lächeln zeigen.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Immer mehr Nachfolger ziehen den Verkauf des Familienunternehmens in Betracht. Wir haben gefragt, wie Sie auf diese Entwicklung blicken. Hier finden Sie die Leserdebatte dazu.