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Kreuzfahrtdampfer„Traumschiff“ in Not

Die Olympioniken an Bord der MS Deutschland schwenkten euphorisch die schwarz-rot-goldene Fahne. Aber unter deutscher Flagge zu segeln, das kostet Millionen. Hilfe erhofft sich das Traumschiff von der Politik.Claudia Panster und Massimo Bognanni 16.08.2012 - 20:42 Uhr Artikel anhören

Das Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ bei seiner Ankunft im Hamburger Hafen. An Bord: 200 Olympioniken.

Foto: dpa

Düsseldorf/Hamburg. Der Geschäftsführer der Reederei Deilmann, Konstantin Bissias, hat es nicht leicht an diesen Tagen. Nicht einmal die Abfahrt von London sollte ohne Schreckensmomente enden. Als sein Schiff, die MS Deutschland, am Montag mit rund 200 Olympioniken an Bord auf ihre 455 Seemeilen weite Fahrt von London nach Hamburg stechen soll, ruft Kapitän Andreas Greulich: „Weg mit der Fahne!“ Bissias zuckt zusammen. Die Fahne? Das Thema wollte er doch endlich abgehakt wissen.

Wochenlang dominierte auf der MS Deutschland die leidliche Frage, ob das Schiff weiter unter deutscher Flagge fährt oder nicht. Und jetzt, da die Entscheidung für den teuren Standort Deutschland gefallen ist, zettelt der zweite Kapitän eine neue Revolte an? Nein. Eine Passagierin versperrte dem Kapitän beim Blick hinaus aufs Meer im Überschwang der Gefühle lediglich die Sicht mit einer großen Deutschlandfahne. Bissias atmet auf.

Rund 200 Olympioniken brachte das Schiff auf einer dreitägigen Überfahrt zurück von London nach Hamburg. Das schwimmende Grandhotel, das sein Heimatland im Namen trägt, ist das einzige Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge. Mit keinem Schiff identifizieren sich die Deutschen so sehr. Millionen Zuschauer sitzen vor den Fernsehern, wenn der Kreuzer in der TV-Serie „Traumschiff“ über die Weltmeere reist. Das Schiff steht für Sehnsüchte, heile Welt.

Reedereien in Deutschland
Bernhard Schulte Group - 4,1 Millionen dwt (Deadweight Tonnage = Tragfähigkeit eines Schiffs in Tonnen): Die Schulte Group umfasst die Reederei Bernhard Schulte als Eigner- und Reeder der eigenen Schiffe, die Bernhard Schulte Shipmanagement als Schiffsmanagementunternehmen, die OPDR als eigenständige Linienreederei und die BS Treuhand als Treuhandunternehmen.
Rickmers Reederei - 4,3 Millionen dwt: Keimzelle der Rickmers Reederei war die 1834 von Rickmer Clasen Rickmers in Bremerhaven gegründete Rickmers Werft. Später wurde das Unternehmen um eine Reederei sowie verschiedene Reismühlen erweitert. Die beiden Brüder Bertram R. C. Rickmers und Erck Rickmers, Nachkommen des Firmengründers in fünfter Generation, betreiben heute zwei rechtlich vollständig voneinander unabhängige Unternehmensgruppen.
Hapag Lloyd - 4,4 Millionen dwt: Die Hapag-Lloyd AG ist ein Transport- und Logistikunternehmen mit Firmensitz in Hamburg. Am 28. März 2012 bewilligte die Hamburgische Bürgerschaft mit den Stimmen der SPD und Die Linken 420 Millionen Euro für einen weiteren Anteilskauf an der Reederei. Damit wird die Stadt Hamburg mit 39,6 Prozent der größte Einzelaktionär der Hapag-Lloyd AG.
Hartmann Group - 4,6 Millionen dwt: Die Hartmann AG ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Leer.
Neu Seeschifffahrt - 5,4 Millionen dwt: Das Unternehmen hat seinen Sitz am Alsterufer in Hamburg.
Peter Döhle Schiffahrts KG - 6,0 Millionen dwt: Die Flotte des Hamburger Unternehmens umfasst 450 Containerschiffe.
Conti Holding - 6,2 Millionen dwt: 73 Containerschiffe, 22 Bulker, acht Produktentanker, zwei Gastanker, ein Hochsee- und zwei Flusskreuzfahrtschiffe machen Conti zu einer der größten und modernsten Reedereien weltweit.
E.R. Schifffahrt - 6,3 Millionen dwt: E.R. Schiffahrt ist maritimer Dienstleister für die Container-, Massengut- und Multipurpose-Schifffahrt. Derzeit disponiert die Reederei 137 Schiffe in Fahrt. Die E.R. Offshore managt 13 Spezialschiffe für die Öl- und Gasförderung auf See.
Dr. Peters - 7,1 Millionen dwt: Bisher investierte die Dr. Peters Gruppe ca. 6,56 Milliarden Euro in Flugzeuge, Schiffe, Immobilien und den Zweitmarkt von US-Lebensversicherungen. Das von mehr als 85.000 Beteiligungen eingezahlte Eigenkapital beträgt rund 3,18 Milliarden Euro.
C.P. Offen - 8,4 Millionen dwt: Die Reederei Claus-Peter Offen (gegründet 1971) gehört zu den weltweit größten Anbietern moderner Containerschiff-Tonnage und hat ihren Sitz in Hamburg.

In letzter Zeit aber lernen die Deutschen, wie brüchig die heile Welt ist. Erst übernahm mit Aurelius 2010 ein Private-Equity-Fonds die Traumschiff-Reederei Deilmann, dann räsonierten die Geschäftsführer ausgerechnet vor Olympia über die Kostennachteile des Standorts Deutschland und kündigten an, die MS Deutschland künftig unter maltesischer Fahne fahren zu lassen. Zudem belastet eine Mischung aus hohen deutschen Lohnnebenkosten, altem Schiff und großen Altlasten die MS Deutschland. Sie kreuzt wirtschaftlich ins Ungewisse.

Konstantin Bissias sitzt mit Aurelius-Chef Dirk Markus im Vier Jahreszeiten, dem edelsten Restaurant des Schiffes und bespricht, wie es weitergehen kann. Denn deutsche Flagge, das heißt auch deutsche Löhne, deutsche Lohnnebenkosten, deutsche Urlaubsansprüche, deutsche Gebühren bis hin zur GEZ. Um diese Kosten zu sparen, wollten Bissias und seine Kollegen ab dieser Woche die MS Deutschland unter der maltesischen Flagge kreuzen lassen. Auf Malta werden keine Lohnnebenkosten fällig.

„Bei einem Schiff der Größenordnung der MS Deutschland spart sich der Reeder unter maltesischer Flagge 1,5 bis 2 Millionen Euro im Vergleich zur deutschen“, sagt Verdi-Schifffahrtsexperte Karl-Heinz Biesold. Viel Geld für ein Unternehmen, das rund 50 Millionen Euro umsetzt und bei dem die Personalkosten ein Viertel aller Ausgaben ausmachen.

Die anderen Kreuzfahrtreedereien haben ihre Schiffe längst ausgeflaggt. Die Aida Cruises, die zur Carnival Corporation gehört, der größten Kreuzfahrtgesellschaft der Welt, fährt unter italienischer Flagge. Die Schiffe von Tui Cruises unter maltesischer, die von Phoenix unter der blau-gelb-schwarzen Flagge der Bahamas. Alle diese Länder haben günstigere Bestimmungen als Deutschland. Für Deilmann-Geschäftsführer Bissias stellte sich die Frage: Warum sollen nicht auch wir umflaggen?

Die Antwort gab die deutsche Öffentlichkeit. Der Kapitän des Schiffs protestierte, die Medien assistierten, das Volk war empört. Die MS Deutschland als MS Malta? Niemals. Bundespräsident Joachim Gauck zeigte Verständnis für den Protest, auch Innenminister Hans-Peter Friedrich, die Gewerkschaft Verdi sowieso und auch der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Hans-Joachim Otto (FDP), nutzte die Gelegenheit, sich und sein Amt ein bisschen bekannter zu machen. Bissias und Kollegen gaben klein bei. Deswegen wehte auch gestern bei der Ankunft des Schiffes in Hamburg schwarz-rot-gold am Heck.

Die Geschichte schien wie aus der Bibel der Kapitalismuskritik: Ein Private-Equity-Fonds ruiniert eine deutsche Institution, die Öffentlichkeit begehrt auf – und alles wird gut. Doch wer genauer hinschaut, der ahnt: So schnell wird nichts gut.

Man sieht das, wenn man mit Konstantin Bissias über Deck streift, vorbei am Pool und ihm zuhört, wie er über sein Schiff und die Pläne der Reederei spricht. Der 41-Jährige stammt aus einer griechischen Familie mit Reedertradition. Bissias, Typ gemütlicher Seebär, verantwortet den Vertrieb und ist damit von Berufs wegen Optimist. Aber auch ihm fällt es schwer, seine Botschaften rein positiv rüberzubringen.

Zu sehr lebt das Schiff vom Charme vergangener Tage, in den Kabinen dominiert das früher vielleicht einmal als edel angesehene Wurzelfurnier, heute wirkt es eher billig. Das Schiff, Jahrgang 1998, ist in der Branche bereits eine alte Dame, entspricht nicht den Standards heutiger Riesenschiffe, auf denen beinahe jeder Gast einen eigenen Balkon hat.

Auf der MS Deutschland lassen sich noch nicht einmal die Gucklöcher in der Kabine öffnen. Die öffentlichen Bereiche kommen dafür umso glamouröser daher: schwere Teppiche in grün oder hellblau, goldene Applikationen, Stuck an den Decken, Kronleuchter. Das Interieur spricht ein spezielles, nicht gerade zukunftsgewandtes Publikum an. Das Durchschnittsalter liegt, so sagen Branchenexperten, bei 62 Jahren.

Und das Schiff ist relativ klein: Gerade 500 Passagiere passen an Bord. Bei 390 Euro Preis pro Tag und Person macht das pro einwöchiger Fahrt 1,36 Millionen Euro Umsatz – höchstens. Kleinigkeiten für die Kreuzer der Konkurrenz, die Schiffe mit über 1000 Kabinen haben.

Zudem belasten Schulden das schwimmende Hotel. Branchenkenner schätzen, dass das Unternehmen immer noch einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an Schulden mit sich rumschleppt. Letztes Jahr wurden sechs Millionen Euro an Schulden fällig.

2011 musste das Schiff für zweieinhalb Wochen in die Werft. Neben Routinechecks verordnete Aurelius-Chef Dirk Markus dem Kreuzer eine Generalüberholung, ließ ein neues Teakdeck und neue Teppiche verlegen, Flachbildschirme einbauen. Mehrere Millionen Euro hat die Reederei bereits in den Aus- und Umbau des Schiffes investiert.

Dennoch scheint die Modernisierung schwierig: „Das Schiff bietet zwar viel Charme, aber wenig Extras. Deshalb kann die MS Deutschland die Preise nicht weiter erhöhen – die Kunden würden einfach auf die größeren, komfortableren Schiffe umsteigen“, sagt ein Kenner des Unternehmens.

Zwar haben auch andere Reedereien alte Schiffe, etwa Tui Cruises, doch sie haben die Schiffe erheblich umgebaut. Sie haben einen großen Touristikkonzern im Hintergrund, dessen Geschäft auf mehreren Sparten fußt, der mehrere Schiffe besitzt oder auch Hotels. Deilmann aber hatte nur die MS Deutschland.

Als die Schwestern Gisa und Hedda Deilmann 2003 die Reederei aus Neustadt in Holstein nach dem Tod ihres Vaters, dem Unternehmensgründer Peter Deilmann, übernahmen, hatte das Unternehmen in der Zentrale noch 100 Mitarbeiter, 1200 Menschen arbeiteten auf den Schiffen – zehn Flusskreuzfahrern und zwei Hochseeschiffen. 2010, längst in große Finanznöte geraten, verkauften sie an Aurelius. Nur noch die MS Deutschland war übrig.

Zu den Wahrheiten gehört also auch: Die heile Welt der MS Deutschland zerbrach nicht erst, als der Finanzinvestor an Bord kam. Im Gegenteil: „Mit Aurelius ist vieles besser geworden“, sagt Branchenexperte Oliver Mueller der einen Kreuzfahrtguide herausgibt. „Da sind wieder Unternehmensfachmänner am Werk.“

Aber auch sie stehen vor einer schlechten Finanzlage. Laut Unternehmensführung verbuchte die Reederei im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,5 Millionen Euro, bei einem Umsatz von 50 Millionen Euro. Wie wollen sie da raus kommen?

Bissias will die Schwächen des Schiffes zu dessen Stärke machen. Das schwimmende Grandhotel als Marke. Das Flair, das er selbst gerne mit dem Orient-Express vergleicht, als Nostalgiereise, als bewussten Kontrast zum Alltag. Die geringe Größe als Gegensatz zu den Massenprodukten anderer.

Doch alleine von seinem Image wird das Flaggschiff nicht überleben können. „Ob die Entscheidung, unter deutscher Flagge zu bleiben, richtig war, wird sich zeigen, wenn klar ist, wie die Politik reagiert“, so Experte Mueller.

Um die Nachteile der hohen Lohnnebenkosten in Deutschland auszugleichen, überweist der Staat den Reedern für Seeleute aus Deutschland oder der EU eine pauschale Summe, rund 40 Prozent der Lohnnebenkosten werden laut Ver.di ausgeglichen. Damit liegt Deutschland allerdings weit hinter europäischen Nachbarn wie den Ländern Italien und Schweden etwa, die die vollen Nebenkosten erstatten. Was für Deilmann jedoch noch viel gravierender ist: Die Förderung beschränkt sich auf Festangestellte. Nicht gefördert werden also die vielen befristeten Servicekräfte etwa im Gastronomiebereich.

Und so nahmen die Fördereinnahmen der Reederei sukzessive ab. Ein Unternehmenskenner beziffert die Zahlungen an Deilmann für 2009 auf gut 1,7 Millionen Euro, 2010 waren es nur noch 600.000 Euro, für 2011 sind die Gelder noch nicht ausgezahlt, doch das Unternehmen selbst schätzt seine Zuschüsse nur noch auf 300.000 Euro.

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Für Konstantin Bissias ist klar, wer nun handeln muss. „Jetzt hoffen wir auf die Hilfe derer, die sich bei der geplanten Ausflaggung so vehement zu Wort gemeldet haben.“ Bissias steht an der Reling auf Deck 7, der Wind weht ihm ums Haar, sein Blick geht aufs offene Meer. „Wenn die Flagge der MS Deutschland von nationaler Bedeutung sein soll, dann beugen wir uns dem, aber dann muss die Politik in der Tat auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.“

Bissias hofft, dass die Förderrichtlinien an die Bedürfnisse eines Kreuzfahrers angepasst werden. Seine Hoffnung scheint begründet. Staatssekretär Hans-Joachim Otto sagt nämlich dazu: „Ich stehe mit der Reederei in Kontakt und möchte mich über deren Probleme informieren. Wir wollen uns gemeinsam mit den betroffenen Verbänden und den zuständigen Ressorts der Bundesregierung ein Bild von der Lage machen. Hierzu stehen wir im Austausch und werden Gespräche führen.“

Verhilft die Politik der MS Deutschland also zum Happy End? Im Traumschiff-Drehbuch wäre der Ausgang der Geschichte jetzt schon klar.

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