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Mustafa Kemal AtatürkPersonenkult außer Kontrolle

„Unser Vater, unser Führer“: Keiner wird von den Türken so verehrt wie Atatürk. Und niemand kommt am Kult um ihn vorbei, er ist in der Türkei allgegenwärtig. Doch warum nur? Denn seine Person ist durchaus umstritten.Katrin Elger, Maike Freund 21.06.2013 - 15:02 Uhr Artikel anhören

„Atatürk ist unser Vater, unser Führer. Er ist der wichtigste Politiker der Weltgeschichte.“

Foto: dpa

Düsseldorf/Istanbul. Man könnte auf die Idee kommen, dass dieses strahlende Babyblau in Mustafa Kemal Atatürks Augen auf den meisten Fotos ordentlich nachbearbeitet wurde. So wässrig-hell und leuchtend sähe diese Farbe selbst beim blondesten Schweden noch künstlich aus. Aus Höflichkeit sollte man aber zumindest einem zart besaiteten Türken diese Erkenntnis ersparen. Denn das könnte seine Gefühle wirklich verletzten. Genauso wie Betrachtungen darüber, ob der türkische Republikgründer den Tod möglicherweise durch exzessiven Alkoholkonsum gefunden hat oder dass sein politisches Erbe nicht nur makellos war.

Nigazi Celik, 61, Koch in einem Istanbuler Döner-Restaurant, jedenfalls möchte man damit nicht belasten. Er strahlt und lacht schon allein bei der Frage, wie er denn den Gründer der türkischen Republik findet. „Was soll ich sagen?!“, antwortet der Mann mit seiner weißen Kochschürze. „Atatürk ist unser Vater, unser Führer. Er ist der wichtigste Politiker der Weltgeschichte.“ Ähnliche Töne zwei Straßen weiter bei Muhtad Günem, 28. Jeder, der in seine Apotheke kommt, sieht neben den Medikamentenregalen sofort das Atatürk-Portrait an der Wand. „Atatürk gehört zu den bedeutendsten Menschen, von denen ich je gehört habe“, sagt er. „Wir haben ihm in der Türkei wahnsinnig viel zu verdanken“. Einer wie Recep Tayyip Erdogan könne dagegen einpacken.

Nigazi Celik, Koch in einem Istanbuler Döner.Restaurant: „Atatürk ist unser Vater, unser Führer.“ Foto: Katrin Elger

Foto: Handelsblatt

Doch woher kommt dieser Kult um einen Mann, der an posthumer Heldenverehrung grenzt? „Dafür gibt es keine einfache Erklärung“, sagt Christoph Herzog, Professor für Turkologie an der Uni Bamberg. Ein entscheidender Faktor, der sich bis heute auswirke, sei sicherlich der Ausgang des Ersten Weltkriegs. Die Auflagen der Siegermächte für die heutige Türkei waren noch härter als die Vereinbarungen des Versailler Vertrags. Mustafa Kemal organisiert zunächst im Namen des Islams den bewaffneten Widerstand gegen die alliierten Besatzer. Der Widerstandsbewegung gelingt es, die alliierten Friedensbedingungen völlig zu revidieren. Herzog: „Es ist ein spektakulärer Erfolg, der das Fundament für den künftigen Nimbus ihres Führers legt.“ Doch die anatolischen Christen blieben außen vor. „Sie gelten als Kollaborateure der Siegermächte“, sagt der Turkologe.

Mustafa Kemal gründet die Republik Türkei, wird ihr erster Präsident. Er baut seine persönliche Macht aus, modernisiert Sprache, Kleidung und Alphabet. Das religiöse Schulsystem wird durch ein säkulares abgelöst. Aus dem Kalifatsstaat machte Atatürk einen Nationalstaat. „Es war ein revolutionärer Neuanfang aus den Nachkriegstrümmern, wenn auch ein autoritärer, denn die Revolution war immer eine von oben“, sagt Herzog. Trotzdem: Für diesen Neuanfang verehren die meisten Türken Atatürk bis heute.

Ertan Öz: „Wenn jemand so übertrieben idealisiert wird, ist das ein Problem.“ Foto: Katrin Elger

Foto: Handelsblatt

Doch dann gibt es die andere Seite: Zwar gab Atatürk den Türken den Nationalstaat. „Doch zum Preis eines ethnischen Nationalismus“, sagt der Turkologe Herzog. Denn Kurden, Juden und Christen wurden aus der neuen türkischen Identität ausgeschlossen. Es kam zu staatlich organisierten Pogromen. „Die kurdischen Gebiete wurden mit Gewalt unterworfen und regelrecht kolonisiert. Sie blieben jahrzehntelang unter Kriegsrecht“, erklärt Herzog.

Doch scheint der Stolz über die Staatsgründung und den Sieg über die Alliierten in der Erinnerung der Türken zu überwiegen - und manchmal scheint der Hype außer Kontrolle zu geraten: „Der Personenkult um Mustafa Kemal stilisierte ihn zum „Vater der Türken” (so die Bedeutung des ihm noch zu seinen Lebzeiten verliehenen Namens „Atatürk”) und nahm Formen an, die jegliche Kritik an ihm tabuisierte“, sagt Herzog. Erst seit 2002, unter der Regierung Recep Tayyip Erdoğans, begann sich dies zu ändern: „Aber Erdoğan, der sich lieber auf die osmanischen Sultane als auf Atatürk beruft, ist dessen autoritärem Führungsstil viel näher, als er wahrhaben möchte. Und so habe es durchaus etwas Paradoxes an sich, wenn sich manche Demonstranten gegen Erdoğan auf Atatürk berufen.

Wer wirklich erleben will, wie viel Kult um Atatürk und seine Person betrieben wird, sollte in die türkische Hauptstadt Ankara reisen und sich das Mausoleum „Anitkabir“ anschauen. Auf einem Hügel erstreckt sich die Säulenhalle, Millionen Türken pilgern jedes Jahr zum Sarg ihres Idols. Viele schauen sich auch das Museum an, in dem die wichtigsten Schlachten Atatürks mit nachgebaut wurden.

Ertan Öz, 35, ist jedenfalls einer, der den Atatürk-Kult kritisch sieht. „Wenn jemand so übertrieben idealisiert wird, ist das ein Problem“, sagt er. Öz verkauft Souvenirs für Touristen nahe der Fähranlagestelle im Istanbuler Stadtteil Eminönü. „Es wird so viel Schindluder mit dem Namen Atatürk getrieben“, sagt er, „Mittlerweile kann man ja nur noch lachen, wer sich alles auf Atatürk beruft, um sein Verhalten zu rechtfertigen“. Selbst bei den Demonstranten im Gezi-Park würden das viele machen. „Als ob es da um Atatürks Erbe ginge“, sagt er.

Auch der Kölner Mehmed, Deutscher mit türkischen Wurzeln, sieht den Kult um Atatürk kritisch: „Wir sollten Atatürk für seine Leistung ehren, doch in Maßen.“ Denn nicht er allein habe den Nationalstaat gegründet und die Reformen gebracht. „Das ist das Werk vieler.“

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