Marktstrategie: Christie’s sagt die Londoner Sommerauktionen ab
London. Das Auktionshaus Christie’s hat einen Monat vor den geplanten Auktionen die meisten seiner Londoner Juni-Termine für die Versteigerung von Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts abgesagt. Wie erst letzte Woche in einem Artikel in der „Financial Times“ bekannt wurde, will sich das Haus in Zukunft auf nur zwei hochkarätige Auktionen in London konzentrieren.
Christie’s hatte in den vergangenen Wochen mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, vor allem mit den Auswirkungen eines Cyberangriffs vor der New Yorker Auktionswoche. Er legte teilweise die Webseiten des Hauses lahm. Insofern erscheint die Absage der Auktionen weniger strategisch als ad hoc. In Zukunft sollen die sogenannten Marquee-Auktionen, die ein Leitbild sind für die ganze Branche, in London im März und im Oktober zur Frieze-Woche stattfinden.
Die traditionell wichtige Londoner Sommersaison wird das Haus nun fast ganz aussetzen. Es gibt wohl eine Auktion mit Kunst nach 1945, aber aufgrund der Online-Schwierigkeiten noch nicht einmal Informationen zu dieser Auktion. Stattdessen bietet Christie’s eine Wohltätigkeitsauktion der Sammlung der englischen Modedesignerin Vivienne Westwood an, die heftig beworben wird, aber ein ganz anderes Publikum anspricht.
Laut Keith Gill, Abteilungsleiter bei Christie’s, will das Haus Kunden im Sommer mit ungewöhnlichen, innovativen Auktionen anlocken, wie er dem Handelsblatt gegenüber erklärt. Außerdem sei die Umstrukturierung strategisch.
„Die Juni-Saison ist nicht abgesagt. Aber wir überlegen global, wann und wo wir welche Auktionen durchführen. In Hongkong werden wir bald unsere eigenen Auktionsräume eröffnen. Daher überdenken wir auch New York, Paris und London. Die Oktober-Auktionen in London, die wir erweitert haben, waren sehr erfolgreich, ebenso die diesjährige März-Auktion.“
Stattdessen wird Paris aufgewertet, auch wenn das so nicht gesagt wird. Gill betont die Bedeutung Europas allgemein, von London und Paris. Aber in Paris finden in der Woche vor der Messe „Art Basel“ gleich drei Auktionen mit Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts statt. Am 5. Juni wird die Sammlung mit Nachkriegskunst von Rosine Bernheim-Crémieux und Claude Crémieux versteigert, am 6. Juni Werke aus der Sammlung der Renault-Gruppe, und am 7. Juni findet eine allgemeine Auktion „20/21“ statt.
London bietet Vivienne Westwood an – zu einer Zeit, in der alle anderen Häuser weiterhin Kunst anbieten. Dass eine Modeauktion die Kunstwoche ersetzen soll, scheint an den Haaren herbeigezogen. Und auch dass das lange geplant war, aber erst nach den New Yorker Auktionen mitgeteilt wird, überzeugt nicht, vor allem da es immer noch eine globale Pressemitteilung gibt.
Ihren Webseiten zufolge planen Sotheby’s, Phillips und Bonhams ihre London-Auktionen am 25. und 27. Juni wie angekündigt. Allerdings stehen die Lose bei keinem der Häuser fest. Vielleicht ist Christie’s das einzige Haus, das Konsequenzen aus den lauen Auktionen in New York zieht. Die Versteigerungen mit Kunst und Objekten Alter Meister Anfang Juli sind von diesen Änderungen allerdings nicht betroffen.