Auktionsnachbericht: Christie’s grandioser Schlusspunkt
New York. Kaum kam Los Nummer 17 an die Reihe, da verdunkelte sich der Auktionssaal und rotes Licht umschmeichelte das Publikum. „Wie in einem Nightclub“, konnte sich Adrien Meyer, Christie’s Auktionator, nicht verkneifen. Aber die auf ein Riesenformat von über zwei Metern im Quadrat aufgeblasenen „Flowers” aus dem Jahr 1964 von Andy Warhol brauchten diese immersive Verkaufshilfe gar nicht.
Drei Bieter verfolgten die in fluoreszierenden Rottönen handgemalte marktfrische Rarität, spielend sprang sie über die höchste Erwartung auf 35,5 Millionen Dollar brutto. Später verriet Christie’s Vorsitzender der Abteilung 20/21, Alex Rotter, dass er das Bild seit 15 Jahren verfolgt habe, der jetzt erzielte Preis sei „in jedem Markt“ beispiellos.
Christie’s setzte am 16. Mai den grandiosen Schlusspunkt der New Yorker Auktionswoche, die mit gedämpften Erwartungen begonnen hatte. Die Abendauktion „20th Century“ spielte 413 Millionen Dollar für 58 verkaufte Lose ein, das höchste Ergebnis in dieser Woche. Allerdings, so streicht auch der „New York Marquee Auction Week Report“ von ArtTactic heraus, blieb die Mehrheit der Zuschläge doch unter den Taxen. Aber nur drei Werke wurden nicht akzeptiert, es fielen drei Rekorde.
Auch vor dem Hintergrund einer Cyberattacke hatten sich Christie’s Experten vor der Auktion bemüht, den Absatz durch Garantiegeber zu sichern. Bei 24 von 61 Losen der Abendauktion war es ihnen gelungen, sie trugen zur hervorragenden Verkaufsquote von 95 Prozent bei. Auch die Konkurrenz hatte sich dieses Sicherungsinstruments bedient: An vier Abenden summierten sich die Drittgarantien bei Christie’s, Phillips und Sotheby’s auf 115 von 271 verkauften Losen.
Marc Porter, Christie’s Vorsitzender der Abteilung Americas, sieht das so: „Das verlangt der Markt. Solche Garantien werden heute als ein Zeichen der Zuversicht gewertet und signalisieren, dass man gegen jemanden bietet.“ Mittlerweile sind sie nicht nur bei Toplosen üblich.
Wie so oft in der letzten Woche zu beobachten war, flammte Enthusiasmus nur hin und wieder im Saal auf. Heftig von sechs Bietern umworben wurde aber Roy Lichtensteins Papiercollage mit dem hochaktuellen Titel „I Love Liberty (Study)“. Von der unteren Taxe von 600.000 Dollar sprang sie auf 2,35 Millionen Dollar. Dieser Plakatentwurf für das patriotische TV-Special „Statue of Liberty“, das 1982 ausgestrahlt wurde, stammt aus dem Nachlass des legendären, politisch sehr engagierten kalifornischen Fernsehproduzenten Norman Lear. Er war im Dezember im Alter von 101 Jahren verstorben.
Ed Ruschas Gemälde mit dem Wort „Truth“ darauf ist Lear vom Künstler gewidmet. Es gefiel einem Bieter zum Doppelten der unteren Taxe für 14,8 Millionen Dollar brutto. Es war das erste Mal, dass ein Werk Ruschas aus den 1970er-Jahren über zehn Millionen Dollar erzielte. Bisher wurden nur Gemälde aus den 1960er-Jahren höher bewertet. Paradepferd der Lear-Sammlung war David Hockneys „A Lawn Being Sprinkled“ von 1967, das jedoch bei wenig Interesse zu 28,6 Millionen Dollar brutto, knapp über der unteren Taxe, an den Garantiegeber fiel.
Nicht nur die Pop-Art hatte in Christie’s Angebot, das sich vom Impressionismus über Surrealismus bis in die 1980er-Jahre erstreckte, einige sehr erfolgreiche Auftritte. Unter den angebotenen acht Bildern von Impressionisten setzte sich ein frühes farbenfrohes Gartenstück von Vincent van Gogh, „Coin de jardin avec papillons“ aus dem Jahr 1887, an die Spitze.
Es hatte hier bereits vor sieben Jahren zu unveröffentlichten rund 40 Millionen Dollar einen ersten erfolglosen Auftritt. Jetzt überzeugte die auf mindestens 28 Millionen Dollar reduzierte Erwartung immerhin zwei Interessenten. Der Hammer fiel für das impressionistische Rasenstück bei 33,2 Millionen Dollar brutto.
Auch Monets frühe Flusslandschaft „Moulin de Limetz“, ein Motiv, das er nur zweimal malte, wurde verkauft. Gerade noch im November hatte die andere Version bei Sotheby’s einen überraschenden siebenminütigen Wettbewerb ausgelöst. Bei 25,6 Millionen Dollar siegte damals die Hasso Plattner Foundation für das Barberini Museum in Potsdam.
Dieser passionierte Privatsammler fiel nun aus. Aber immerhin brachte das Bild 21,7 Millionen Dollar brutto, knapp über der unteren Taxe. Eingeliefert hatte das Nelson Atkins Museum in Kansas City, dem das Bild 1986 zu zwei Dritteln vermacht worden war. Nun wollten die Erben der Stifterin ihren Anteil versilbern. Immerhin wird der Erlös einen Ankaufsfonds für das Museum finanzieren.
Außer zwei berühmten Fotografien bot Christie’s am Donnerstagabend auch eine außergewöhnliche „Uli“-Figur des 19. Jahrhunderts aus dem Bismarck-Archipel in Papua-Neuguinea, der ehemaligen Südseekolonie Deutsch-Neuguinea, an. Die Holzskulptur, die einst dem Künstler Otto Dix gehörte, ist marktbekannt. Sie wechselte zuletzt im April 2012 über Lempertz zu 1,16 Millionen Euro in eine Schweizer Sammlung. In New York begeisterten sich mindestens vier Bieter für die ausdrucksstarke Rarität. Am Ende kostete sie 2,47 Millionen Dollar.
Trend: Unterbewertete Kunst
Insgesamt wurde in der Woche in den New Yorker Leitbildauktionen Kunst für 1,38 Milliarden Dollar verkauft. Zwar hat sich der Markt am Topende verlangsamt. Das hatte bereits der „Art Basel and UBS Global Art Market Report“ herausgestellt.
Aber die nicht so orchestrierten Tagesauktionen, die Trends offenbaren, bezeugen einen robusten Markt vor allem im Segment unter einer Million Dollar. So kommen die 1980er-Jahre wieder ins Blickfeld. Preissprünge machten hier auch farbige und bisher unterbewertete Künstler. Für Bob Thompsons „Music Lesson“ konnte Christie’s den Rekord von 1,26 Millionen Dollar setzen, das Dreifache der unteren Taxe.