Versteigerungen: Das Spiel um Millionen kann beginnen
München, Düsseldorf. Die Kataloge für die Frühjahrsauktionen der deutschen Häuser sind gut gefüllt mit hochkarätiger Kunst. Und eins steht fest: Der deutsche Expressionismus setzt die Spitzen bei Grisebach, Ketterer, Karl & Faber und Lempertz. Was schlummert noch alles in nationalem und internationalem Privatbesitz, fragen sich Marktkenner angesichts des Frühjahrsangebots von Ketterer Kunst, dem Haus, das die gehaltvollste Offerte vorlegt.
Seit mehr als 70 Jahren kannte die Kunstwelt Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Tanz im Varieté“ von 1911 nur von Schwarz-Weiß-Fotografien. Ein Bild, das den Rhythmus der Tänzer und Tänzerinnen mit dynamischen Gesten und in subtiler Farbgebung von Violett, Rot und Ocker spüren lässt. Am 7. Juni ruft es Robert Ketterer in München zur Taxe von zwei bis drei Millionen Euro auf.
Sein Spitzenlos aber ist Alexej von Jawlenskys „Spanische Tänzerin“ von 1909. Formal reduziert und dennoch expressiv setzte der Maler die Tänzerin in einem glühend roten Kleid vor azurblauen Hintergrund. Nur der Fächer und das Gesicht flirren in bunten Farben. Parallelen zu seinem berühmten Bildnis des Tänzers Sacharoff sind unübersehbar. Das Meisterwerk des frühen Expressionismus soll mindesten sieben Millionen Euro einspielen.
Die Kombination von Erotik und Pop-Art ergibt einen besonderen Reiz. Die zwei prallen Frauenbrüste auf dem großformatigen Triptychon „Playmate“ von James Rosenquist waren in den 1960er-Jahren noch Provokation. Heute ist das Gemälde ein Zeugnis der Pop-Art. Das Werk, das einst für die Playboy-Aktion „Playmate as Fine Art“ entstand, ist auf mindestens eine Million Euro geschätzt.
Jawlensky war ein Meister der Farbe und ist auch für weniger großen Einsatz erreichbar. Das zeigt der in gedeckten Pastelltönen sehr harmonisch komponierte abstrakte Kopf mit dem treffenden Titel „Winterstimmung“. Die mit Öl auf Papier realisierte Arbeit von 1938 wird am 6. Juni bei Karl & Faber zur unteren Schätzung von 380.000 Euro aufgerufen. Hauptlos ist das späte Gemälde „Junge Familie“ von Emil Nolde. Die moderne Interpretation von Maria und Josef mit Jesuskind aus dem Jahr 1949 ist auf 500.000 Euro taxiert.
Die begeisterte Neubetrachtung des konkreten Malers Günter Fruhtrunk schlägt sich nun auch in den Marktpreisen nieder. Für seine großformatige, vibrierende Streifenkomposition „Reihe“ aus seiner Pariser Zeit um 1962/63 ist bei Karl & Faber eine Investition von mindesten 100.000 Euro nötig.
Preise um oder über eine Million könnte Lempertz möglicherweise am 4. Juni realisieren, genügend Nachfrage vorausgesetzt. Der „Liegende Akt“ von Heinrich Campendonk von 1918 stammt aus sicherer Provenienz aus dem Nachlass und ist auf 700.000 bis 800.000 Euro geschätzt. Für das prachtvolle, beidseitig bemalte „Stillleben mit Pfeife“ von Hermann Max Pechstein erwartet Lempertz Gebote zwischen 600.000 und 800.000 Euro. Betrachtet man die Höchstpreise von Pechstein, könnte da ein Wettbieten drin liegen. Mit einer Taxe von 700.000 Euro folgt ein intensiv farbiger „Dahlienstrauß“ von Emil Nolde aus dem Besitz von Noldes zweiter Ehefrau Jolante.
Starke zeitgenössische Positionen
Van Ham kann am 5. Juni gleich mit drei Nagel-Werken von Günther Uecker auftrumpfen. Für die kreisrunde „Lichtscheibe“ von 1988 werden Gebote von 700.000 bis zu einer Million Euro erwartet. Das Nagelfeld „Weißer Wind“ ordnet das Chaos der Nägel kunstvoll. Es soll 300.000 bis 500.000 Euro bringen. Ein Lichtobjekt, das sich bewegen kann, von 1966 wird indes schon bei 150.000 Euro aufgerufen.
Ein Schwergewicht bei Van Ham ist „Die Frau im Mann“, ein Maschinenbild des vor einem Jahr verstorbenen Konrad Klapheck. Das museale Großformat von 1990 stellt unter dem rätselhaften Titel eine Art Fantasie-Schreibmaschine dar. Mit 300.000 bis 500.000 Euro ist das museale Bild moderat geschätzt. Zuletzt konnte Mitbewerber Ketterer Klaphecks Motorrad-Bild mit dem schönen Titel „Die Jagd nach Glück“ in München für fast 2,5 Millionen Euro versteigern.
Mit siebenstelligen Taxen kann Grisebach diesmal nicht punkten. Das Hauptlos, die 1924/26 entstandene „Heuernte“ von Ernst Ludwig Kirchner, aber ist ein klassisches Motiv aus seinen Davoser Jahren. Mit fast schon abstrahierten Formen und mit großzügigen Pinselstrichen erfasst er das unverfälschte Leben, das ihn schon 1910 in der Frühzeit des Expressionismus bewegt hat. Fast 60 Jahre hing das Gemälde als Leihgabe im Museum Biberach. Am 30. Mai wird es in Berlin zur Schätzung von 700.000 Euro aufgerufen.
Schwarze Fenster wie Augenhöhlen
Ein frühes Nagelbild von Günther Uecker verdeutlicht auch hier die Idee der Zero-Künstler. Allein durch Lichteinfall wird das kreisförmige, 1962 entstandene Nagelarrangement „Phantom“ zu einem dynamischen Schwarm. Gefordert sind mindesten 400.000 Euro. Mit Werner Heldts melancholischem Blick auf einen Straßenzug in dem Gemälde „Die Panke fließt durch Berlin“ knüpft Grisebach an die bislang sehr erfolgreich verkauften Offerten der Neuen Sachlichkeit an. 120.000 Euro sind angesetzt für Heldts Szene von 1930, die als Ausdruck düsterer Vorahnung interpretiert werden kann. Die Häuserfenster sind so schwarz wie die Augenhöhlen einer Maske am rechten Bildrand.
Bei Grisebach und Karl & Faber hat das Caspar-David-Friedrich-Jubiläum Spuren hinterlassen. Das Münchener Auktionshaus versteigert am Freitag, 17. Mai, drei Zeichnungen des Romantikers zu Taxen zwischen 40.000 und 150.000 Euro. Grisebach in Berlin ruft neben einer Radierung und einem Skizzenblatt am 30. Mai Friedrichs große, atmosphärische Bleistift-Sepia-Zeichnung „Feuer in einer Kirchenruine“ von 1800/01 für 200.000 Euro auf.
Die schönste Friedrich-Devotionalie hat Grisebach wie das im Dezember angebotene Skizzenbuch aus der Familie des Malers Georg Friedrich Kersting eingeliefert bekommen. Um 1809/10 zeichnete Kersting seinen Freund Friedrich auf einem Felsen sitzend. Ein romantisches Blatt zwischen Nahsicht und geistigem Abschweifen in unendliche Ferne.
Der mit 150.000 Euro geschätzte Freundschaftsbeweis soll Friedrich angeblich zu seinem berühmten Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ inspiriert haben. Ein Hauptwerk, das sich auch heute größter Beliebtheit erfreut, wie der Besucheransturm auf die Hamburger Caspar-David-Friedrich-Schau mit 335.000 Besuchern zeigte.