Jubiläum: Großes Kunsterlebnis für kleines Geld
Hamburg. Kunstvereine mit einem Aufnahmestopp für neue Mitglieder, davon dürfte es so viele nicht geben. Bei der Griffelkunst in Hamburg gehört der Aufnahmestopp zur Tradition. Aktuell beträgt die Wartezeit gut sechs Jahre. Mehr als 4500 Mitglieder sollen dem Verein nicht angehören dürfen, das würde nicht nur die logistischen Möglichkeiten des gemeinnützigen Vereins vollkommen überfordern.
Was macht den Kunstverein so attraktiv? Es sind nicht die klassischen Wechselausstellungen, denn es gibt schlichtweg keine. Dafür locken regelmäßig viele druckgrafische Jahresgaben, die für eine kurze Zeit in den Räumen der Griffelkunst zu sehen sind. Ihr Erwerb ist mit dem Mitgliedsbeitrag von aktuell 200 Euro abgegolten. Das angebotene Spektrum oszilliert zwischen dem Who’s who der aktuellen Kunstszene und noch nie gehörten Namen.
Jeweils zweimal zwei Arbeiten kann jedes Mitglied jährlich auswählen. Zusätzliche Werke müssen separat bezahlt werden. Über die vergangenen Jahrzehnte waren das Auflagenwerke weltbekannter Künstler wie Gerhard Richter, der 1969 die „Schweizer Alpen“ als Siebdruck zur Griffelkunst brachte, oder auch weniger bekannte Künstler wie in diesem Jahr Jeremy Deller, der ein „Es braucht mehr Poesie“ via Siebdruck seinen Betrachtern entgegenschleudert. Arbeiten von Heinz-Günter Prager (Aquatinta-Blätter), Lithografien von Richard Deacon, Holzdrucke von Heinrich Modersohn, Fotografien von Robert Lebeck oder Radierungen aus dem Nachlass von Max Klinger aus dem Angebot der Griffelkunst schmücken schon länger die Wände der Mitglieder oder sie ruhen auch nur in heimischen Schubladen. Viele weitere Namen ließen sich aufzählen, immerhin ist die Griffelkunst mit ihren Jahresgaben im 400. Durchgang.
Als der reformbegeisterte Lehrer Johannes Böse (1879–1955) vor hundert Jahren die Griffelkunst gründete, war dieser Erfolg noch nicht abzusehen. Er wollte, begeistert von dem Gedanken der Bildung für alle, auch zeitgenössische Kunst für alle verfügbar machen. Reproduktionen reichten ihm dafür nicht aus.
Johannes Böse hatte seine Schule in Hamburg-Langenhorn, einem Stadtteil der Benachteiligten. In einer neu errichteten Siedlung für Kriegsversehrte und kinderreiche Familien, die 1919 gebaut wurde, saß seine Zielgruppe. Bald war ein Großteil der Siedlungsbewohner Mitglied in seiner Griffelkunst. Während der Zeit des Nationalsozialismus überlebte die Griffelkunst durch Wegducken und unauffälliges Mitmachen. Nach Kriegsende begann dann bald der deutschlandweite Aufstieg des Vereins, der mittlerweile aus 90 Untergruppen besteht. Von einer kleinen Handvoll Mitgliedern auf Helgoland bis zu vielen in Düsseldorf und besonders vielen in Hamburg.
Eine Jury entscheidet jährlich, welche Künstler angesprochen und eingeladen werden sollen, um bei der Griffelkunst mitzumachen. Diese Vorschläge nimmt der Geschäftsführer Dirk Dobke auf, der dann ventiliert, ob die Künstler dazu bereit sind. Danach nimmt alles seinen etablierten Lauf. Die Künstler erhalten 8500 Euro dafür, dass sie ein Werk schaffen, meist ein wohnzimmertaugliches Format, das dann von den Besten des Fachs in einer kleinen Auflage gedruckt wird. In den Hochschulen wird die Druckgrafik immer seltener gelehrt, beobachtet Dirk Dobke, deswegen ist die Arbeit der Griffelkunst aus seiner Sicht umso wichtiger.
Das jeweilige Blatt wird zuerst nur in einer kleinen Auflage hergestellt, damit in jeder der 90 Dependancen die Mitglieder die Werke zur Begutachtung unter die Lupe nehmen können. Betreut von Ehrenamtlichen bilden sie dann ihre Meinung, kreuzen an, was sie zugesandt haben möchten, und so geht alles an die Hamburger Zentrale zurück und die Auflage wird festgelegt. Das Besondere ist, dass jeder sein bestelltes Werk erhält, die Auflage richtet sich nach der Nachfrage, alle Werke werden signiert, manchmal auch datiert, aber nicht nummeriert. Denn nicht der Kunstmarktgedanke zählt, sondern das Kunsterlebnis für viele.
Monate später erfolgt der Versand, auf der Rückseite der Blätter ist der Name des Mitglieds vermerkt. Denn es gilt die Verabredung, dass die Blätter nicht in den Kunstmarkt gelangen dürfen. Das kontrolliert die Zentrale in Hamburg regelmäßig, so Dirk Dobke, weil immer mal wieder Jahresgaben auf Auktionen angeboten werden. Dann ist der Name des Mitglieds allerdings längst ausradiert und nicht mehr zurückverfolgbar.
Wenn die Druckgrafiken vor mehr als 15 Jahren an die Mitglieder gingen, wird meist großzügig darüber hinweggesehen. Wenn es weniger Jahre sind, wird recherchiert, welches Mitglied die Regel gebrochen hat und warum. Dieses Nachforschen ist schon allein deswegen wichtig, weil der Verein Kunst für wenig Geld anbietet und vieles schon deutlich mehr wert ist, wenn es die Mitglieder erreicht. Zum runden Geburtstag wird nun angemessen gefeiert. Mit einer großen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (bis 18. Januar) und einer kleinen, feinen Präsentation in der Bremer Kunsthalle (bis 1. März 2026) und einem Buch über 100 Jahre Griffelkunst.