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LebenswerkPunkte gegen die Angst

Yayoi Kusama hat unseren Begriff von Malerei und Performance erweitert. Die seit Jahrzehnten anerkannte japanische Künstlerin wird jetzt mit einer Wanderausstellung geehrt. Sie beginnt in Basel und kommt nach Köln.Susanne Schreiber 27.11.2025 - 10:49 Uhr Artikel anhören
Der neue „Infinity Room“ im Untergeschoss der Fondation Beyeler in Basel-Riehen. Im äußeren Teil fühlt man sich wie in einer Art Urwald aus gelb gepunkteten Ästen. Foto: © YAYOI KUSAMA, Foto: Mark Niedermann

Basel. Das Beste ist der neue „Infinity Room“ im Untergeschoss der Fondation Beyeler in Basel-Riehen. Die 96-jährige Multimedia-Künstlerin Yayoi Kusama hat gemeinsam mit ihrem Studio zwei ihrer berühmten Unendlichkeitsräume ineinandergesetzt. Im äußeren Teil fühlen wir uns wie in einer Art Urwald aus gelb gepunkteten Ästen. Sie ragen geschwungen und aus Ballonluft geformt in den Raum, sie füllen als Tapete Wände, Boden und Decke. Ständig ergeben sich neue, verwirrende Perspektiven. Alle Besucher zücken das Handy, zu einmalig sind die Fotos, die hier entstehen. Ein unendliches Allover-Muster hüllt alle ein.

Der vollkommen verspiegelte Innenraum dieses immersiven Kunstwerks hingegen führt zu einer radikalen Erfahrung: eine Annäherung an die Selbstaufgabe. Dort, wo der Spiegelkubus unser Abbild, die gegenüberliegenden Spiegelwände und die diesmal schwarz gepunkteten Ballon-Tentakel einfängt, verschwinden wir in der Unendlichkeit der Spiegel.

Yayoi Kusamas Gemälde „No. N2“ von 1961 besteht aus einer Vielzahl von Zellen, die sich zu einer unendlichen Netzstruktur verdichten. Foto: © YAYOI KUSAMA

Punkte, die sogenannten „Polka Dots“, sind eines der Markenzeichen der in Japan geborenen Weltklasse-Künstlerin. Ihre andere Obsession sind repetitive Netz-, Kreis- und Wellenmuster. Sie sorgen bei ihr für hypnotische Gelassenheit. Denn seit ihrer traumatischen Kindheit in einer repressiven Familie fürchtet sie, sich selbst aufgeben zu müssen. Sie verlässt 1958 ihre unablässig streitenden Eltern und die Ausbildung in traditioneller japanischer Malerei. Sie hat genug von Ge- und Verboten. Sie fliegt nach New York. Sie lindert ihre visuellen und akustischen Halluzinationen durch das Aufgehen in Bildern der Unendlichkeit, in aus Kreisen und Punkten gemalten Netzen, die sich auf großen Leinwänden und im Raum ausdehnen.

Eine Anregung zu den Infinity-Paintings liefert ihr beim New-York-Flug der Pazifische Ozean. Die New Yorker Szene der Minimalisten ist begeistert von Kusamas neuartiger Malerei ohne Zentrum und Perspektive, von Bildern, deren Kleinstruktur durch feine Unregelmäßigkeiten ein Tagwerk, eine malende Hand verrät. Der Bildhauer Donald Judd erkennt ihre Innovation und kauft eines ihrer Frühwerke. Damals haben sie um die 350 Dollar gekostet. Heute werden sie in der Spitze für Preise bis zu 10,5 Millionen Dollar gehandelt. So viel bewilligte ein Bieter 2022 im Auktionshaus Phillips für ein unbetiteltes Netzbild von 1959.

In der frühen Arbeit „Screaming Girl“ von 1952 verarbeitet Kusama ihre traumatische Kindheit in einer repressiven Familie. Foto: © YAYOI KUSAMA

Auflösung, Ansammlung, Ausbreitung und Trennung werden zur Grundlage ihrer Kunst. Yayoi Kusama gelingt eine punktgenaue Befreiung. „Malen war für mich die einzige Möglichkeit, auf dieser Welt zu existieren.“ Für die bald schon in Galerien ausstellende Künstlerin sind Punkte und Netze ein „unsichtbarer Nachhall aus dem Universum“.

Die gelungene Retrospektive der bald Hundertjährigen in Basel schöpft aus deren persönlichem Bestand und dem des Kusama Museums in Tokio. Die Rückschau, die 2026 auch im Kölner Museum Ludwig und im Amsterdamer Stedelijk Museum präsentiert wird, verzichtet weitgehend auf die an den Bedürfnissen des Kunstmarkts orientierten späten Blumen- und Kürbis-Skulpturen, wie sie in den Galerien David Zwirner und Victoria Miro zu finden sind. Das ist gut so.

Stattdessen überraschen die zehn Kapitelräume mit Einblicken in unterschiedlichste Phasen ihres Œuvres. 1950, da war die Malerin 21 Jahre alt, entwirft sie ein „Selbstbild“ als brennender Punkt. Drei Jahre später setzt sie amöbenhafte Strukturen auf subtile, sanft glühende Untergründe. Das erinnert bisweilen an Bilder des deutschen Malers Wols. Doch Kusama überzieht das Ganze noch mit winzigen roten Pünktchen.

Yayoi Kusama in ihrem Studio in New York 1971, fotografiert von Tom Haar. Foto: © YAYOI KUSAMA

Kusamas wohlsituierte Eltern führen eine Gärtnerei für Samen und Saaten. Einzeller, Pilze, Rhizome, Blumen und Blüten sind ihr vertraut. Die Natur regt sie zu zarten Papierarbeiten an. Strudel, Schluchten, Röhren, Verknotungen deuten Bedrohung an, saugen den Betrachter quasi ein. „Soul facing the Death“ heißt ein tiefschwarzes Blatt von 1975. Nur im Inneren leuchten Farben vibrierend wie unter einem Netz aus geklöppelter Spitze.

1961 wandelt sich die Malerin zur Installations- und Performance-Künstlerin. Sie überzieht Möbel und Haushaltsgegenstände lückenlos mit phallusartigen Stoffwülsten. Sie näht diese „Soft Sculptures“, weil „mich Sex in Panik versetzt“, wie sie in ihrer Autobiografie einräumt. Andy Warhol begeistert sich für Penisformen in vergoldeten Schuhen oder die von Kusama organisierten Happenings mit Nackten. „Ich fand die Form des männlichen Geschlechts als abstoßend, und auch das weibliche Geschlecht widerte mich an. Deswegen musste ich ja das, was ich hasste, wovor ich Angst hatte, immer wieder aufs Neue erschaffen“, bekennt sie. „Mit dieser psychosomatischen Kunst erschaffe ich mir ein neues Selbst.“

Der lückenlos mit phallusartigen Stoffwülsten überzogene Stuhl entstand 1963. Foto: © YAYOI KUSAMA

Die Multimedia-Künstlerin Kusama entwirft in den 1970er-Jahren auch Mode, schreibt Gedichte und will die Gesellschaft provozieren. Sie lässt sich in keine Stil-Schublade pressen, findet stets Unterstützer und Käufer für ihre Werke. Viele von Kusamas Werken sind heute für Preise im fünf- und sechsstelligen Bereich auf Auktionen zu finden. Sotheby’s Paris versteigerte 2023 einen vergoldeten Schuh mit zwei penisartigen Ausstülpungen von 1965 für rund 19.000 Euro.

Mit Heiterkeit erfüllt die Künstlerin der Anblick von Kürbissen. Sie malt sie, sie bildet sie in Skulpturen nach, in so gut wie jedem Maßstab. Die Galerie Koch aus Hannover, vor 70 Jahren gegründet, verfügt über einen daumengroßen Minikürbis. Er datiert aus dem Jahr von Kusamas offizieller Biennale-Beteiligung 1993 und soll 22.500 Euro kosten.

1000 schwimmende Silberkugeln bilden im Teich der Fondation Beyeler den „Narcissus Garden“: Hier spiegelt sich die Unendlichkeit der Natur in ihrer ganzen Farbenpracht. Foto: © YAYOI KUSAMA, Foto: Mark Niedermann

Yayoi Kusamas Hang zum XXL-Format löst die Grenzen auf zwischen Innen und Außen, Körper und Raum, Individuum und Kosmos. Im Garten wartet ein weiteres immersives, begehbares Kunstwerk auf neugierige Betrachter. Besonders schön ist es aber, im Stammhaus stehend und nach außen blickend, 1000 schwimmende Silberkugeln, „Narcissus Garden“, im Teich der Fondation blinken zu sehen. Da spiegelt sich die Unendlichkeit der Natur in ihrer ganzen Farbenpracht.

Während der Laufzeit ergänzt die Fondation Beyeler die Kusama-Retrospektive mit einem Blick in den eigenen reichen Bestand nach dem Motto „Der Punkt in der Moderne“. Die heitere Ergänzung setzt mit Paul Klee und Kasimir Malewitsch ein und reicht bis Andy Warhol und Roy Lichtenstein.

„Yayoi Kusama“ bis 25.01.2026 in Basel-Riehen. 14.3.–2.8.2026 im Kölner Museum Ludwig. 12.9.–17.1.2027 im Stedelijk Museum Amsterdam. Der Katalog erscheint auf Deutsch und Englisch im Hatje Cantz Verlag.

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