Auktionsnachbericht: Ein Motorrad macht bei Ketterer das Rennen im Saal
München. Der deutsche Auktionsmarkt bleibt nicht unberührt von der politischen und wirtschaftlichen Gesamtlage. Aber es gibt sie noch: finanzstarke Sammler, Stiftungen und Unternehmer, die trotz getrübter Stimmung hohe Summen in Kunst investieren. Das war am 8. und 9. Dezember im Münchener Auktionshaus Ketterer Kunst zu beobachten. Zum Aufruf kamen Werke der Klassischen Moderne und Gegenwartskunst.
Unumstrittene Spitzenwerke wie Wassily Kandinskys kleines, aber farbintensives Gemälde „Murnau“ von 1908 motivierten dazu, hohe Summen zu bieten. Der mit heftigem Pinselduktus gemalte Straßenzug des oberbayerischen Städtchens besitzt Museumsqualität und markiert den Aufbruch des Künstlers zum Expressionismus. 3,9 Millionen Euro (alle Preise inklusive Aufgeld) kostete das Bild am Ende. Eine Stiftung im nahen Ausland erwarb damit gegen Konkurrenz aus den USA das teuerste Bild der zweitägigen Auktion.
Den Saal in Atem aber hielt das lange Bietergefecht um Konrad Klaphecks großformatiges Gemälde „Die Jagd nach dem Glück“ von 1984. Dieser Gemäldetitel schwebte geradezu programmatisch über der Abendauktion mit ausgewählten Werken. Das zum XL-Format aufgeblasene, verführerisch schimmernde Motorrad hat alles, womit Klaphecks Bilder faszinieren: hyperrealistische Malweise, Ironie und den schmalen Grad zwischen Pop-Art und Surrealem.
Das Gemälde wurde zusammen mit der gleich großen Vorzeichnung versteigert. Zum Weltrekordpreis von 2,48 Millionen Euro schlug Auktionator Robert Ketterer beide Arbeiten einem Galeristen aus Zürich zu. Die untere Taxe lag bei 400.000 Euro.
Die unnachahmlichen Bilder des gerade verstorbenen Klapheck sind in dieser Größe selten auf dem Markt und sehr begehrt. Vielleicht war das der Grund, warum das Engagement für den Außenseiter der deutschen Kunstszene sogar etwas größer war als für den international gefeierten Gerhard Richter. Seine Fotografie basierte Hamburg-Ansicht „Alster“ in verwischter, unscharfer Manier ist die erste Stadtansicht Richters, gemalt 1963.
Zur Erinnerung: Der stilistisch ähnliche „Domplatz, Mailand“ hält mit 37 Millionen Dollar den Auktionsrekord für Richter. Ketterer blieb mit seiner Taxe von 1 bis 1,5 Millionen Euro realistisch. Für etwas mehr als 2 Millionen Euro übernahm ein Sammler aus Norddeutschland die Arbeit.
In dem von Ketterer angegebenen Umsatz von 28,4 Millionen Euro ist die gegenwärtige Ambivalenz des Marktes vordergründig nicht sichtbar . Diese Summe ist auf das Paket hochqualitativer Werke zurückzuführen. Zusammen mit Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Alphütten“ von 1919/20 fuhr das Münchener Haus vier Millionenerlöse ein.
Umsatzbringer waren zudem zehn Ergebnisse über 500.000 Euro. Anthony Gormleys hochaufragende Würfelstele aus rostigem Stahl ging gegen deutsches Gebote für 736.600 Euro nach Großbritannien. Und Lovis Corinths gefühlvoll gemaltes Naturschauspiel „Walchensee bei aufgehendem Mond“ sicherte sich für 914.400 Euro dieselbe Stiftung, die auch Kandinskys „Murnau“ erwarb.
Sechszehn Mal in den Nachverkauf
Der Kunst-Markt sah am Jahresende 2023 die wirtschaftliche Verunsicherung breit aufgestellter potenter Käuferschichten. Die Krise saß auch bei Ketterer mit im Auktionssaal. „Es gab grandiose Verkäufe, aber mit Max Beckmanns „Drahtseilbahn“, Otto Muellers „Badenden“, Max Pechsteins „Stillleben“ von 1909 und Blinky Palermos achtteiliger abstrakter Serie aus seinem Sterbejahr mussten wir herbe Rückgänge hinnehmen“, sagte Firmeninhaber Robert Ketterer dem Handelsblatt. Allein diese vier Lose hätten noch einmal mindestens knapp 3 Millionen einspielen sollen.
Statt dessen hieß es sechszehn Mal: „Geht in den Nachverkauf“. Sechs Mal fiel der Hammer nur unter Vorbehalt. Eine losbezogene Quote von „nur“ 70 Prozent in der Abendauktion ist der verkaufsverwöhnte Auktionator nicht gewohnt.
Zwischen Abstinenz und auffälliger Nähe zu den Taxen bewegten sich die Bieter bei den nicht ganz so spektakulären Werken der Tagesauktion. Bei der zeitgenössischen Kunst ragte André Butzers symbolisch gestische, wimmelige Leinwand von 2007 für 152.400 Euro heraus. Rund 60 Prozent der Lose wurden verkauft, die Erlöse lagen meist im fünfstelligen Bereich.
Dass der Kunstmarkt nicht nur ein Verschiebebahnhof von Ranglisten-Werken einschlägiger Analysten ist, belegte die Sammlung Bunte. Der Rechtswissenschaftler aus Bielefeld hat Jahrezehnte lang seinen Blick auf die Seitenwege der Avantgarde gerichtet und unter anderem mit Arbeiten von Hermann Stenner und Peter August Böckstiegel zwei westfälische Expressionisten von Format aus den Untiefen des Vergessens gehoben. Da es nicht gelang, ein Museum für seine Sammlung zu begeistern, entschied sich der 82-Jährige zum Verkauf.
Sammler aus ganz Deutschland erblickten eine Chance, in ein neues, noch nicht ausgereiztes Kunst-Kapitel des frühen 20. Jahrhunderts einzusteigen. Das kubistisch inspirierte Gemälde „Die Auferstehung“ des früh verstorbenen Stenner stieg von 90.000 auf 241.300 Euro. Seine schrill expressive „Grüne Frau mit gelbem Hut“ von 1913 in übersteigertem Kolorit ging bei 184.150 Euro in neue Hände.
Wie die kraftvolle Malerei des Expressionisten Böckstiegel wechselte vieles im hohen fünfstelligen Bereich den Besitzer. Bis auf einige Werke Conrad Felixmüllers und Schlemmers Relief stießen die 49 Lose der Sammlung fast rundweg auf Interesse.
Für Hermann-Josef Bunte war es eine Bestätigung seines Engagements. „Die Auktion hat gezeigt, dass auch wenig bekannte Künstler bei hoher Qualität im Markt überragend aufgenommen werden können.“, sagte er dem Handelsblatt. Insgesamt spielte die Bielefelder Kollektion laut Robert Ketterer 1,8 Millionen Euro netto ein. Das macht mit Aufgeld 2,3 Millionen Euro. Weitere Tranchen sollen ab kommendem Jahr versteigert werden.
Selektiver wurde die Sammlung Ahlers angenommen. Die Werke von Joseph Beuys, Dieter Roth und Hermann Nitsch stammten aus der Konkursmasse des Textilherstellers, der im Sommer an die Textilhandelskette Röther verkauft wurde. Das Top-Werk, Yves Kleins „Peinture de feu“ von 1961, ging bei einer Taxe von 400.000 Euro zurück. Zuspruch fand die zu 50 Prozent rot übermalte Landschaft „Land and Sky“ des in Paris lebenden Russen Erik Bulatov. Die Konterkarierung der sowjetischen Kunstdoktrin war einem Sammler aus Georgien 279.400 Euro wert. Der Kupferstich „Melencolia“ von Albrecht Dürer erhöhte die Ahlers-Umsätze um weitere 279.400 Euro.
Ketterer hat mit den gemeldeten 38 Millionen Euro Umsatz für die Moderne- und Zeitgenossen-Auktionen im Dezember seine Stellung als Marktführer wieder halten können. Als Jahresgesamtumsatz inklusive Buchauktionen, Kunst des 19. Jahrhunderts und Onlineauktionen gab das Haus die Summe von 90 Millionen Euro bekannt; etwa 10 Prozent weniger als 2022.