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AuktionsvorberichtHöchste Qualitätsansprüche

Ketterer und Grisebach versteigern je eine hochbedeutende Privatsammlung, die lange verborgen war. Beide Offerten beweisen die Strahlkraft deutscher Versteigerer.Susanne Schreiber 25.11.2025 - 19:44 Uhr Artikel anhören
Wassily Kandinsky: „Behauptend“ von 1926 geht bei Ketterer mit einer Taxe von 1,0 bis 1,5 Millionen Euro an den Start. Foto: © Ketterer, München

Zürich. Die Zusammenstellung zahlreicher starker Arbeiten in einer Hand ist phänomenal: Zu dem, was der von Ketterer namentlich nicht genannte „Berliner Sammler“ seit den 1980er-Jahren erwarb, zählen 68 Gemälde und Papierarbeiten. Einige von ihnen verdienen den Titel „Meisterwerk“.

Allen voran die Abstraktion „Behauptend“ von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1926. Die transparent geschichteten geometrischen Figuren doppeln und variieren Kasimir Malewitschs schwarze Kreise und Quadrate. Das rhythmisch komponierte Gemälde geht mit einer moderaten Schätzung von 1,0 bis 1,5 Millionen Euro am 5. Dezember 2025 in München ins Rennen um die Gunst der Sammler.

Im Rang davor, im Schätzpreis dahinter liegt das einzige bekannte Blatt des Holzschnitts „Frauen am Potsdamer Platz“, das Ernst Ludwig Kirchner 1914 in vier Farben gedruckt hat. Die nervös flirrende Großstadtgrafik war dem Berliner Sammler 1992 bei Kornfeld für 630.000 Franken zugeschlagen worden, jetzt liegt die Erwartung für die formatfüllend auf einer Verkehrsinsel stehenden Prostituierten bei zurückhaltenden 500.000 bis 700.000 Euro. Um dieses Unikat, Kirchners grafisches Hauptwerk der Berliner Jahre, werden wohl mehrere Bieter kämpfen müssen.

Ernst Ludwig Kirchner: Für das einzige bekannte Blatt des Holzschnitts „Frauen am Potsdamer Platz“ lieget die Erwartung von Ketterer bei 500.000 bis 700.000 Euro. Foto: © Ketterer, München

Der im Dezember 2024 im Alter von 89 Jahren verstorbene Berliner Sammler war, wie das Handelsblatt exklusiv herausfand, im Leasingbereich tätig. Er hatte ein eminent gutes Auge und verpflichtete seine Berater, unter anderem den ehemaligen Galeristen Folker Skulima (1940–2025), zum Erwerb von höchster Qualität. Der Kunstfreund beschränkte sich bei der Akquise keineswegs auf eine Stilrichtung. Er wählte oft das Beste aus dem figurativen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, aber auch aus der Nachkriegsabstraktion. Er kaufte in Galerien, gerne in West-Berlin, sowie in deutschen und internationalen Auktionen. Scheute aber die Öffentlichkeit als Person wie als Leihgeber. Insofern ist Ketterers Offerte eine Überraschung.

Ketterer hat ein ungegenständliches Scheibenbild von Ernst Wilhelm Nay und ein fast monochromes „Soffitto“ von Piero Dorazio sechsstellig geschätzt. Auch die Figurenbilder von Alexej Jawlensky, George Grosz und Oskar Schlemmer tragen sechsstellige Taxen. Der untere Schätzwert beläuft sich nach Angabe des Hauses insgesamt auf 8,2 Millionen Euro.

Drei Top-Gemälde kamen in Paris zur Auktion

Die Vermarktung der Privatsammlung legten die drei Söhne des Verstorbenen in die Hände eines erfahrenen deutschen Kunstberaters mit internationaler Karriere. Der sorgte für einen deutschen Versteigerer, wählte aber auch Paris als Verkaufsort für drei Topgemälde nach französischem Geschmack. Bei Sotheby’s erzielten diese in den Oktober­auktionen gute Preise. Wols’ brillantes Bild „L’Œil de Dieu“, das der Sammler 1994 bei Ketterer für 494.500 D-Mark erworben hatte, stellte jetzt mit knapp 1,9 Millionen Euro einen Frankreichrekord für den Wahl-Pariser auf. Auch die beiden Gemälde des Franzosen Jean Dubuffet erlösten in Paris jeweils mehr als eine Million Euro.

Die Toplose der Berliner Sammlung sind in Ketterers Abendversteigerung von insgesamt 84 Arbeiten integriert. Die übrigen werden in der Tagesauktion am 6. Dezember aufgerufen, einige weitere im Januar 2026 online versteigert. Das Münchener Haus beziffert die Gesamttaxe seiner Dezemberauktionen insgesamt auf 32 Millionen Euro.

Karl Hofer: Das Gemälde „Paar am Fenster“ schätzt Grisebach auf 120.000 bis 150.000 Euro. Foto: © Grisebach, Berlin;

Nicht weniger überraschend als Ketterers weitgehend unbekannte Berliner Sammlung ist die Privatsammlung von Walter Bauer (1901–1968), die Grisebach in Berlin am 27. November aufrufen wird. Auch sie überdauerte verborgen vor der Fachwelt – jedenfalls was die Papierarbeiten vom Klassizismus bis zur Nachkriegszeit betrifft. Insgesamt übernahm Grisebach 500 Arbeiten, 115 kommen in der Fasanenstraße zur Auktion, der Rest wird über andere Häuser vermarktet. Mindestens drei Millionen Euro soll die Sammlung Bauer zum Gesamtumsatz aus vier Versteigerungen beisteuern, den Grisebach auf 15,5 Millionen Euro schätzt.

Eines der Aufmerksamkeit heischenden Blätter ist Edvard Munchs selbstironische Lithografie „Selbstporträt mit Knochenarm“, die mindestens 40.000 Euro bringen soll. Der skelettierte Arm liegt, als sei er ein Jugendstilrahmen am unteren Bildrand, vor dem korrekt gekleideten Künstler.

Paula Modersohn-Becker: Ihr kleines, aber enorm kraftvolles „Selbstbildnis nach halblinks“ soll bei Grisebach 250.000 bis 350.000 Euro bringen. Foto: © Grisebach, Berlin

Sowohl feinsinnige Zeichnungen und Grafiken als auch drei museale Gemälde gelangten über den in Lübeck und Hamburg tätigen Museumsdirektor Carl Georg Heise in Bauers Privatsammlung. Der Ökonom Bauer machte ab 1924 im Braunkohlegeschäft Karriere. 1944 wurde er, Mitglied der Bekennenden Kirche um Dietrich Bonhoeffer, inhaftiert und erst kurz vor Kriegsende freigelassen.

Als die Nationalsozialisten 1937 ihre Museen „reinigen“, sie enteignen, um die Kunst der Avantgarden dann als „Entartete Kunst“ gegen Devisen zu verhökern, verbünden sich Heise und Bauer zur Rettung von drei Werken aus den Lübecker Museen. Diese verlieh der Sammler später oft für Ausstellungen, sie waren die bekannte Seite von Bauers Sammlung. Karl Hofers Gemälde „Paar am Fenster“ schätzt Grisebach auf 120.000 bis 150.000 Euro.

Emil Noldes Stillleben „Grüner Hintergrund, Hirsch, Kopf“ aus dem Jahr 1915 gelangte über Ferdinand Möller zu Bauer. Jetzt soll es 250.000 bis 350.000 Euro einspielen. Dieselbe Taxe gilt Paula Modersohn-Beckers kleinem, in seiner Reduktion aber enorm kraftvollen „Selbstbildnis nach halblinks“ von 1906.

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Damit auch Neukunden auf Modersohn-Beckers klaren Blick und ihre kühne Bildsprache aufmerksam werden, ließ Grisebach-Chef Daniel von Schacky ihr Selbstporträt in Köln, München, Frankfurt/Main und Berlin großflächig plakatieren. Was für ein Hingucker neben banaler Konsumwerbung.

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