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Aktien und RohstoffeDiese Schockwellen sendet Russlands Truppenaufmarsch in die Märkte

Investoren fürchten eine Eskalation der Krise in Osteuropa. Das zeigt sich an den Aktienmärkten ebenso wie an den Rohstoffbörsen.André Ballin, Jakob Blume, Andrea Cünnen und Ingo Narat 25.01.2022 - 18:20 Uhr Artikel anhören

Der Leitindex hat seit Jahresbeginn deutlich an Wert eingebüßt.

Foto: Reuters

Moskau, Zürich, Frankfurt. Die Angst vor einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine verunsichert Investoren weltweit. Am stärksten macht sie sich am russischen Aktienmarkt bemerkbar. Der Leitindex der Moskauer Börse, Moex, hat seit Jahresanfang rund 14 Prozent verloren, deutlich mehr als der europäische Index Stoxx Europe 600 oder der S&P 500 in den USA.

Doch auch die westlichen Aktienmärkte leiden unter der Ukrainekrise. Am Dienstag gab es an den Börsen des Kontinents zwar unter starken Schwankungen eine leichte Gegenbewegung. Die Kurse an der Wall Street fielen indes erneut.

Nach Ansicht von Susannah Streeter, Analystin beim Broker Hargreaves Lansdown, trägt „die zunehmende Bedrohung, die von Russland ausgeht, zu einem Vertrauensverlust der Anleger auf breiter Front bei“. Da viele Teile der Welt immer noch mit den zerstörerischen Auswirkungen von Omikron auf die Volkswirtschaften zu kämpfen hätten, werde nun befürchtet, „dass ein Konflikt am Rande Europas die längerfristige Erholung beeinträchtigen könnte“.

Das könnte vor allem über den Transmissionsriemen der Rohstoffmärkte geschehen. Matthias Hoppe, Portfoliomanager bei Franklin Templeton Investments, warnt: „Das größte Risiko für die Kapitalmärkte in Europa ist die hohe Abhängigkeit von russischem Gas und Öl.“

Dies könne große Auswirkungen auf die Energiepreise und die Industrieproduktion haben.

Der Gaspreis legt wieder zu

Die Gasvorräte in Deutschland lagen im Januar bislang rund neun Prozent unter den langjährigen saisonalen Durchschnittswerten. Angesichts der jüngsten Truppenbewegungen nimmt die Nervosität an den Gasmärkten wieder zu, beobachtet Barbara Lambrecht, Analystin bei der Commerzbank.

Der europäische Referenzpreis für Erdgas legte zu Wochenbeginn um 19 Prozent auf 94 Dollar pro Terawattstunde zu. Russland ist mit 32 Prozent Marktanteil der wichtigste Gaslieferant Deutschlands. Nach Ansicht von Helima Croft, Rohstoff‧expertin bei der Investmentbank RBC Capital Markets, gibt diese Abhängigkeit „Aufschluss über die scheinbar weniger strikte Haltung Deutschlands gegenüber Russland“.


Der Ukrainekonflikt könnte zudem die Gespräche der Allianz der Ölexporteure im Kreis der „Opec plus“ beeinflussen. Die 23 Mitgliedstaaten des Ölkartells um Saudi-Arabien und Russland treffen sich kommende Woche, um über ihre Förderpolitik zu diskutieren.

Die westlichen Ölimporteure, allen voran die USA, drängen die Opec plus seit Monaten, mehr Rohöl zu fördern. Bislang sperren sich die Exportstaaten – und angesichts der angespannten diplomatischen Beziehungen dürfte Russland wenig Interesse haben, auf die USA zuzugehen.

Russland hält den Druck aufrecht

Russland hält den Druck auf die Ukraine – und damit auf die Finanzmärkte – weiter aufrecht. Einen Abzug der Truppen von der ukrainischen Grenze lehnt Moskau ab und bezeichnet entsprechende Forderungen als Einmischung in die inneren Angelegenheiten. Mehr noch: Gerade erst hat Moskau ein gemeinsames Militärmanöver mit Minsk gestartet. Bis in die zweite Februarhälfte werden daher russische Soldaten nach Belarus verlegt, teilweise ebenfalls in die Nähe der ukrainischen Grenze.

Auch auf diplomatischer Ebene macht Russland weiter Druck: Die russische Führung fordert bis Ende Januar eine schriftliche Antwort aus dem Weißen Haus in Washington auf ihren Forderungskatalog. Moskaus Reaktion auf die bisherigen Verhandlungsrunden ist ambivalent. Das bilaterale Treffen mit den USA nannten russische Diplomaten zufriedenstellend, die Gespräche mit der Nato hingegen sind ihnen zufolge enttäuschend verlaufen.

Moskauer Börse im Bärenmarkt

Die Moskauer Börse leidet besonders unter den Ängsten vor einer Eskalation der Krise und den sich verschärfenden Sanktionen des Westens. Sein jüngstes Hoch hatte der Moex im Oktober erreicht. Seit den ersten Meldungen über eine russische Truppenkonzentration an der ukrainischen Grenze geht es aber abwärts.

Unter dem Strich hat der russische Aktienmarkt seither in der Spitze fast 25 Prozent verloren. Damit befindet er sich in einem „Bärenmarkt“, also einer nachhaltigen Abwärtsbewegung mit wenig Hoffnung auf eine anhaltende Erholung.
Zu den Verlierern gehörten praktisch alle russischen Bluechips, ob Sberbank, Rosnet, Gazprom oder Lukoil. Während erste Börsianer schon zum Wiedereinstieg raten, ist Andrej Kotschetkow, Analyst der Investmentbank Otkrytije Investizii, skeptisch: Der politische Hintergrund „erlaubt es nicht, davon zu reden, dass der Bärenmarkt in der Nähe seines Bodens angelangt ist“.

Auch der Rubel leidet

Unter erheblichen Druck ist auch der Rubel geraten. Selbst der momentan hohe Ölpreis von 90 Dollar pro Barrel bietet keine Unterstützung für die russische Währung. Gegenüber Dollar und Euro ist der Rubel auf den tiefsten Stand seit April 2021 gefallen. Dmitri Babin, Analyst beim Investmenthaus BKS, erklärt den Kursverlust mit dem Länderrisiko, das Investoren derzeit in Russland sehen.

Am ukrainischen Aktienmarkt zeigen sich ebenfalls Spuren der Krise. Seit Oktober hat die dortige Börse rund zehn Prozent verloren. Noch dramatischer ist die Lage bei Staatsanleihen. Die Kurse sind dort so stark gefallen, dass die Rendite fünfjähriger Dollar-Bonds der Ukraine auf über zwölf Prozent in die Höhe geschnellt ist.

Das macht die Refinanzierung für das Land teuer und schwierig. Das Finanzministerium bestätigte dem Handelsblatt inoffiziell die derzeit „geringe Nachfrage“ nach neuen Papieren.

Angst vor Verwerfungen bei Palladium

Der Konflikt mit Russland hat zudem das Potenzial, am Markt für Palladium für Verwerfungen zu sorgen – mit breiten Auswirkungen auf die westliche Welt. Palladium ist ein Edelmetall, das hauptsächlich in Abgaskatalysatoren von Benzin- und Dieselmotoren eingesetzt wird.

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Russland ist nach Südafrika der zweitgrößte Palladium-Hersteller und produziert rund 37 Prozent des weltweiten Angebots. André Christl, Chef der Edelmetallsparte des Edelmetallspezialisten Heraeus, warnt, dass Sanktionen gegen russische Minenbetreiber oder ein Importstopp den fragilen Markt aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Wenn nicht genügend Palladium aus Russland geliefert werde, hat laut Christl „insbesondere die Automobilindustrie ein Problem“.

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