Zentralbankgeld: Wie der EZB-Tender funktioniert
Die Maßnahmen der EZB gegen die europäische Schuldenkrise sind in vollem Gange.
Foto: dpaDüsseldorf. Es ist nicht das erste Mal, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jede Menge Geld in den Markt pumpt. Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers gab es solche Tender - regelmäßige Transaktionen der Zentralbank, um die Finanzmärkte zu stabilisieren - immer wieder. Und trotzdem: „Dieser Tender ist auch für Europa einzigartig“, sagt Björn van Roye vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Der Grund: die Laufzeit. Bisher waren Tender zwar auch durchaus mal längerfristig, die maximale Laufzeit betrug jedoch ein Jahr. Üblich sind auch die wöchentlichen Tender-Ausschüttungen der EZB zu festen Terminen mit einer Laufzeit von einer Woche. Banken können die jeweils gewünschte Geldmenge bei der EZB abrufen. Monatlich werden zusätzlich sogenannte Basistender mit dreimonatiger Laufzeit ausgeschüttet. Auch der Zinssatz wird bei jedem Tender individuell festgelegt, mal richtet er sich nach der Anzahl der Gebote, mal wird er im Voraus bestimmt.
Im Dezember aber hatte die EZB zum ersten Mal einen Tender mit ungewöhnlich langer Laufzeit aufgelegt - den Dreijahrstender. Der Zinssatz liegt zurzeit bei lediglich einem Prozent, er richtet sich nach dem jeweils aktuellen Leitzins. Steigt der in Zukunft an, werden auch höhere Zinsen für das Tender-Geld fällig. 523 Banken liehen sich rund 489 Milliarden Euro. Laut aktuellen Daten der EZB gaben sie einen Großteil des Geldes für Staatsanleihen aus. Zusätzlich floss viel Geld in die eigenen fällig gewordenen Bonds der Banken. Nun gibt es davon eine Neuauflage. Einmalig für Europa, in normalen Zeiten jedoch „undenkbar, gerade zu absurd“, sagt van Roye.
Einzigartig an diesem Tender ist auch, dass die Sicherheiten, die die Banken vorweisen müssen, aufgeweicht wurden: Jede Bank darf so viel Geld nachfragen wie sie will. Sie muss dafür lediglich bei der EZB Sicherheiten in Form von Wertpapieren und Anleihen hinterlegen: Van Roye: „Nie ist es für die Banken so einfach gewesen, unbegrenzt an Geld zu kommen.“
Die EZB verfolgt mit der Geldflut für die Märkte zwei Ziele. Zum einen soll das Zentralbankgeld eine Kreditklemme verhindern. Aufgrund der Staatsschuldenkrise ist es für Banken schwierig, sich am Markt mit frischem Geld zu versorgen, die Geldhäuser leihen sich auch untereinander kaum Geld. Deswegen springt die EZB ein, die Banken sollen das billige Geld in Form von Krediten an die Unternehmen weitergeben. Gerade für mittelständische Firmen können sich in Krisenzeiten nur schwer finanzieren. Das aber kritisiert der Analyst vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Denn die Unterstützung der Banken für solch einen langen Zeitraum sei verkehrt. „Ein Anpassungsmechanismus wird so nur hinausgezögert.“
Gleichzeitig hofft die EZB, dass die Banken mit dem Geld Staatsanleihen kaufen. Das senkt die Zinsen der Papiere, Europas Staaten können sich wieder leichter refinanzieren. Bisher haben die Banken auch genau das getan, denn für sie ist es ein günstiges Geschäft. Sie bekommen das Geld zu einem günstigen Zins von derzeit einem Prozent von der Zentralbank und kaufen damit hochverzinsliche Staatsanleihen, vorzugsweise aus den verschuldeten Ländern Südeuropas. Ökonomen sprechen bei diesen Differenzgeschäften von sogenannten Carry-Trades.
Nicht nur die EZB greift helfend in die Geldmarktpolitik ein – auch die US-Notenbank unterstützt die USA immer wieder mit billigem Geld (der aktuelle Leitzins liegt bei 0,25 Prozent) und den Kauf von Staatsanleihen. Aber genau das sei ein Unterscheid zu Europa, erklärt der Experte vom Weltwirtschaftsinstitut Roye: „Die US-Notenbank hat ein anderes Mandat.“ Sie sei nicht nur für die Preisstabilität verantwortlich, sondern auch dafür, den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Dass die Fed, um das zu erreichen, Staatsanleihen kaufe, sei ein völlig normaler Vorgang. „Das ist demokratisch legitimiert“, meint van Roye. Für Europa sei das aber nicht normal.
Es gibt weitere Kritiker, die behaupten, die EZB wolle mit dem Tender lediglich ihre eigenen umstrittenen Anleihekäufe vermeiden. Zumindest finanziert die Zentralbank mit dem billigen Geld die Schuldenstaaten Europas. Und auch das Risiko liegt weiterhin bei der Notenbank. Deren Bilanzen werden durch die Geldspritze enorm aufgebläht. Können die Banken am Ende ihre Kredite nicht zurückzahlen, bleibt die EZB auf den als Sicherheit hinterlegten Staatspapieren sitzen.
Deswegen halten viele den Tender für genauso problematisch wie das Aufkaufprogramm. Gefährlich ist vor allem, dass die Liquidität in der Euro-Zone sehr unterschiedlich verteilt ist. Fließt das Geld vor allem in die wirtschaftlich starken Länder, erhöht sich hier der Preisdruck, sprich die Gefahr einer Inflation wird größer. Schließlich wurde bereits die Internetblase Anfang 2000 durch im Übermaß vorhandene billige Liquidität ausgelöst.