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ZentralbankgeldWie der EZB-Tender funktioniert

Heute können sich Europas Banken erneut unbegrenzt günstiges Geld bei der Europäische Zentralbank leihen - für eine Laufzeit von drei Jahren. Wie der Tender funktioniert und was er für geldpolitische Folgen hat.Saskia Littmann und Maike Freund 29.02.2012 - 11:43 Uhr Artikel anhören

Die Maßnahmen der EZB gegen die europäische Schuldenkrise sind in vollem Gange.

Foto: dpa

Düsseldorf. Es ist nicht das erste Mal, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jede Menge Geld in den Markt pumpt. Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers gab es solche Tender -  regelmäßige Transaktionen der Zentralbank, um die Finanzmärkte zu stabilisieren - immer wieder. Und trotzdem: „Dieser Tender ist auch für Europa einzigartig“, sagt Björn van Roye vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Der Grund: die Laufzeit. Bisher waren Tender zwar auch durchaus mal längerfristig, die maximale Laufzeit betrug jedoch ein Jahr. Üblich sind auch die wöchentlichen Tender-Ausschüttungen der EZB zu festen Terminen mit einer Laufzeit von einer Woche. Banken können die jeweils gewünschte Geldmenge bei der EZB abrufen. Monatlich werden zusätzlich sogenannte Basistender mit dreimonatiger Laufzeit ausgeschüttet. Auch der Zinssatz wird bei jedem Tender individuell festgelegt, mal richtet er sich nach der Anzahl der Gebote, mal wird er im Voraus bestimmt.

Im Dezember aber hatte die EZB zum ersten Mal einen Tender mit ungewöhnlich langer Laufzeit aufgelegt - den Dreijahrstender. Der Zinssatz liegt zurzeit bei lediglich einem Prozent, er richtet sich nach dem jeweils aktuellen Leitzins. Steigt der in Zukunft an, werden auch höhere Zinsen für das Tender-Geld fällig. 523 Banken liehen sich rund 489 Milliarden Euro. Laut aktuellen Daten der EZB gaben sie einen Großteil des Geldes für Staatsanleihen aus. Zusätzlich floss viel Geld in die eigenen fällig gewordenen Bonds der Banken. Nun gibt es davon eine Neuauflage. Einmalig für Europa, in normalen Zeiten jedoch „undenkbar, gerade zu absurd“, sagt van Roye.

Einzigartig an diesem Tender ist auch, dass die Sicherheiten, die die Banken vorweisen müssen, aufgeweicht wurden: Jede Bank darf so viel Geld nachfragen wie sie will. Sie muss dafür lediglich bei der EZB Sicherheiten in Form von Wertpapieren und Anleihen hinterlegen: Van Roye: „Nie ist es für die Banken so einfach gewesen, unbegrenzt an Geld zu kommen.“

Die EZB-Notoperation: Gutes oder schlechtes Signal?
Der gemeinsame Feuerwehreinsatz der großen Notenbanken der Welt erinnert an die schlimmsten Zeiten der Finanzkrise. Zunächst reagierten die Börsen euphorisch auf die Ankündigung vom Mittwoch, die Geschäftsbanken leichter, billiger und länger mit US-Dollar zu versorgen. Doch weil die Probleme gewaltig sind - Euro-Schuldenkrise, Konjunktursorgen und fehlendes Vertrauen in die Finanzwelt - wird weiterhin mehr Einsatz vor allem von der Europäischen Zentralbank (EZB) gefordert.
Bereits im August 2007 griff die EZB erstmals seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 zu einem drastischen Mittel und pumpte in großem Stil frische Milliarden in den Geldmarkt. Der Feuerwehreinsatz wurde zum Auftakt einer ganzen Serie solcher Hilfsaktionen rund um den Globus. Die Hoffnung, die Ausbreitung der US-Kreditkrise auf Europa im Keim zu ersticken, erfüllte sich damals nicht.Am 8. Oktober 2008, kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, senkten sechs große Notenbanken gleichzeitig ihre Leitzinsen. Die Panik an den Börsen konnten sie nur kurz eindämmen, aus der Finanzkrise wurde eine weltweite Bankenkrise.
Einerseits zeigt der Schritt, dass die Notenbanken den Ernst der Lage erkannt haben. Die Maßnahme signalisiere „hoffentlich eine neue Phase in der wahrgenommenen Dringlichkeit, die negative Vertrauensspirale zeitnah zu stoppen“, erklärt Michael Krautzberger, Leiter des europäischen Rentenfondsteams von Blackrock. Die Zentralbanken beweisen Handlungsfähigkeit, während sich Europas Regierungen schwertun, gemeinsame Lösungen gegen die Krise umzusetzen. Anderseits belegt der überraschende Notfalleinsatz, dass die Lage an den Geldmärkten extrem angespannt ist. Viele Banken kamen zuletzt kaum noch an frisches Geld: Investoren hielten sich zurück, das Misstrauen der Institute untereinander nahm deutlich zu.
Die Notenbanken kaufen Zeit. Banken, die in Finanznöte zu rutschen drohten oder schon Engpässe haben, verschafft die Dollar- Flut eine Atempause. Das könnte auch die Lage auf dem Kreditmarkt entspannen: Zuletzt war die Sorge größer geworden, die Banken würden den Kredithahn zudrehen, weil sie wegen neuer Regeln eigene Kapitalpuffer um Milliarden aufstocken müssen und zugleich immer schwerer an frisches Geld kommen. Die EZB kommt in einer aktuellen Befragung von mehr als 8300 kleinen und mittleren Unternehmen im Euro-Raum zu dem Ergebnis, von April bis September 2011 habe sich „der Zugang zu Bankkrediten verschlechtert“. Zudem seien „die Erfolgsquoten bei der Beantragung von Bankkrediten etwas gesunken“.
An den Börsen kam die Aktion der weltweit wichtigsten Notenbanken gegen eine Kreditklemme gut an. In vielen Euro-Ländern gingen die Risikoaufschläge für Staatspapiere zurück. Dagegen nahmen die Spannungen im europäischen Bankensystem zu: Erstmals seit fast eineinhalb Jahren parkten die Institute mehr als 300 Milliarden Euro bei der EZB. Normalerweise leihen sich Banken solches Geld untereinander, weil sie für kurzfristige Einlagen bei der Notenbank kaum Zinsen bekommen. Dass die „Übernacht-Einlagen“ bei der EZB nun auf den höchsten Stand seit Ende Juni 2010 gestiegen sind, zeigt, wie sehr sich die europäischen Banken mittlerweile wieder misstrauen.
Mancher Volkswirt unterstützt inzwischen Forderungen etwa der französischen Politik, die EZB müsse noch aggressiver gegen die Krise vorgehen: Die Notenbank müsse endlich klar machen, dass sie bereit ist, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen. Nur so könne verhindert werden, dass mit Italien die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone stürze - und den Euro insgesamt mit in den Abgrund reiße. Die EZB pocht auf Unabhängigkeit, ihr Präsident Mario Draghi bekräftigte am Donnerstag, die EZB könne Schuldenstaaten nur in begrenztem Umfang mit dem Kauf von Staatsanleihen helfen: „Die Regierungen müssen - einzeln und gemeinschaftlich - ihre Glaubwürdigkeit gegenüber den Finanzmärkten wiederherstellen.“
Kritiker warnen vor allem vor ausufernder Inflation infolge der Geldflut. „Wenn so viel Liquidität zusätzlich in Umlauf gesetzt wird, dann wird zwar nicht in den nächsten ein, zwei Jahren Inflation ausbrechen, aber danach muss man deutlich damit rechnen“, sagte Wim Kösters, Vorstand beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, am Donnerstag im Deutschlandfunk. Das Geld der Zentralbanken sei „eine weitere Eskalation der Krise“. Befürworter weit geöffneter Geldschleusen halten dem entgegen, ein Großteil der Rettungsmilliarden komme nicht in der Wirtschaft an, weil die Banken vieles davon wegen der Krise derzeit nicht verliehen. Die EZB müsse nur rechtzeitig überschüssige Liquidität wieder aus dem Markt ziehen.
Kennzahlen der EZB
Die Europäische Zentralbank verfügt über Eigenkapital in Höhe von 10,8 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das gesamte Eurosystem verfügt über 81,5 Milliarden Euro.
Die EZB beschäftigt 1.421 Mitarbeiter, das Eurosystem insgesamt 49.100.
Bei der Berechnung der Bilanzsumme für die Europäische Zentralbank ergibt sich ein Betrag von 163,5 Milliarden Euro. Für das Eurosystem sind es 2706,2 Milliarden Euro.
Das Grundkapital der EZB beträgt 10760 Milliarden Euro. Den größten nominellen Anteil daran hat mit 18,9 Prozent Deutschland. Darauf folgen Großbritannien (14,5 Prozent), Frankreich (14,2 Prozent), Italien (13,0 Prozent) und Spanien (8,3 Prozent). Die übrigen 31 Prozent verteilen sich auf sonstige.
Das eingezahlte Grundkapital der EZB beträgt 6480 Milliarden Euro. Den größten Anteil daran hat mit 26,6 Prozent Deutschland. Darauf folgen Frankreich mit 19,9 Prozent, Italien mit 17,5 Prozent, Spanien mit 11,6 Prozent und Großbritannien mit 0,9 Prozent. Rund 23,5 Prozent entfallen auf sonstige.

Die EZB verfolgt mit der Geldflut für die Märkte zwei Ziele. Zum einen soll das Zentralbankgeld eine Kreditklemme verhindern. Aufgrund der Staatsschuldenkrise ist es für Banken schwierig, sich am Markt mit frischem Geld zu versorgen, die Geldhäuser leihen sich auch untereinander kaum Geld. Deswegen springt die EZB ein, die Banken sollen das billige Geld in Form von Krediten an die Unternehmen weitergeben. Gerade für mittelständische Firmen können sich in Krisenzeiten nur schwer finanzieren. Das aber kritisiert der Analyst vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Denn die Unterstützung der Banken für solch einen langen Zeitraum sei verkehrt. „Ein Anpassungsmechanismus wird so nur hinausgezögert.“

Gleichzeitig hofft die EZB, dass die Banken mit dem Geld Staatsanleihen kaufen. Das senkt die Zinsen der Papiere, Europas Staaten können sich wieder leichter refinanzieren. Bisher haben die Banken auch genau das getan, denn für sie ist es ein günstiges Geschäft. Sie bekommen das Geld zu einem günstigen Zins von derzeit einem Prozent von der Zentralbank und kaufen damit hochverzinsliche Staatsanleihen, vorzugsweise aus den verschuldeten Ländern Südeuropas. Ökonomen sprechen bei diesen Differenzgeschäften von sogenannten Carry-Trades.

Nicht nur die EZB greift helfend in die Geldmarktpolitik ein – auch die US-Notenbank unterstützt die USA immer wieder mit billigem Geld (der aktuelle Leitzins liegt bei 0,25 Prozent) und den Kauf von Staatsanleihen. Aber genau das sei ein Unterscheid zu Europa, erklärt der Experte vom Weltwirtschaftsinstitut Roye: „Die US-Notenbank hat ein anderes Mandat.“ Sie sei nicht nur für die Preisstabilität verantwortlich, sondern auch dafür, den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Dass die Fed, um das zu erreichen, Staatsanleihen kaufe, sei ein völlig normaler Vorgang. „Das ist demokratisch legitimiert“, meint van Roye. Für Europa sei das aber nicht normal.

Es gibt weitere Kritiker, die behaupten, die EZB wolle mit dem Tender lediglich ihre eigenen umstrittenen Anleihekäufe vermeiden. Zumindest finanziert die Zentralbank mit dem billigen Geld die Schuldenstaaten Europas. Und auch das Risiko liegt weiterhin bei der Notenbank. Deren Bilanzen werden durch die Geldspritze enorm aufgebläht. Können die Banken am Ende ihre Kredite nicht zurückzahlen, bleibt die EZB auf den als Sicherheit hinterlegten Staatspapieren sitzen.

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Deswegen halten viele den Tender für genauso problematisch wie das Aufkaufprogramm. Gefährlich ist vor allem, dass die Liquidität in der Euro-Zone sehr unterschiedlich verteilt ist. Fließt das Geld vor allem in die wirtschaftlich starken Länder, erhöht sich hier der Preisdruck, sprich die Gefahr einer Inflation wird größer. Schließlich wurde bereits die Internetblase Anfang 2000 durch im Übermaß vorhandene billige Liquidität ausgelöst.    

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