Versicherungsvertreter: Die neue Masche des Mehmet Göker
Lebte gut von Provisionen: Der Ex-Chef des Strukturvertriebs MEG, Mehmet Göker, ist die Hauptfigur in dem Dokumentarfilm "Versicherungsvertreter", der seit März bundesweit in den Kinos lief und bei Sternfilm als DVD erhältlich ist.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Der frühere Chef des Versicherungsvermittlers MEG, Mehmet Göker, ist am Freitag vormittag nicht zu einer Verhandlung in Kassel erschienen. Das berichtet HNA Online. Er hätte um 10.30 Uhr auf der Anklagebank des Amtsgerichts (Saal D 116) Platz nehmen müssen. In Kassel verdichteten sich die Hinweise, dass ein Haftbefehl gegen Göker vorliegt, weil er eine Geldstrafe in Höhe von 720.000 Euro nicht bezahlt habe. Vor dem Gerichtssaal warteten mehrere Zivilbeamte, berichtete der Reporter der HNA.
Göker ist in der Versicherungsbranche schnell aufgestiegen, weil er in großem Stil private Krankenversicherungen verkauft hat. Dazu hatte er den Finanzvertrieb MEG gegründet, der dann aber insolvent wurde. Bundesweit bekannt wurde er über die Versicherungsbranche hinaus im Frühjahr durch den gut besuchten Dokumentarfilm "Versicherungsvertreter". Seine Markenzeichen: schnelle Autos, hübsche Mädchen und dicke Zigarren. Der sehenswerte Film dokumentierte den Aufstieg und Fall des Starverkäufers und lieferte krasse Einblicke in Versicherungen, die über ihre Verkaufsmethoden am liebsten schweigen.
Im Zusammenhang mit der Insolvenz seiner Firma MEG sind noch verschiedene Verfahren anhängig. So sei Göker wegen des Verdachts der Untreue in zwei Fällen angeklagt, berichtet HNA Online. Er soll von einem früheren MEG-Organisationsdirektor Provisionsrückzahlungen von Versicherungen in bar angenommen und behalten haben.
Göker hätte das Geld - 20.500 Euro - aber an die MEG oder an den Insolvenzverwalter weiterleiten müssen. Da Göker zu einem früheren Termin nicht erschienen war, hatte ihn das Gericht schon zu sechs Monaten Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung, und einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilt. Gegen den entsprechenden Strafbefehl hatte Göker Einspruch eingelegt.
Göker agierte früher als Top-Verkäufer von Kassel aus. Dabei erhielt er von namhaften Versicherungskonzernen Vorschüsse in Millionenhöhe - für den noch nicht erfolgten Verkauf von privaten Krankenversicherungen. Im Zuge der Turbulenzen um MEG hat er seinen Lebensmittelpunkt jedoch in die Türkei verlegt. Von hier aus ist er auch weiter geschäftlich aktiv, wie aus Eintragungen in Facebook ersichtlich ist.
Er lässt dabei auch keinen Zweifel, wer hinter den Seiten steht und was er tut. So heißt es etwa auf der öffentlich zugänglichen Seite "MEHMET E. GÖKER DER FILM": "Viel Spaß auf der Seite! Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum! Euer MEHMET E. GÖKER." Typisch für ihn ist, dass er seine Einträge in Großbuchstaben verfasst. Auf diversen Bildern ist er auf dieser Internet-Seite mit Freunden, Freundinnen oder alleine zu sehen.
Nach wie vor besitzt er viele Bewunderer, die ihm nacheifern wollen. Seine alten und neuen Mitstreiter lockt er über Facebook-Eintragungen wie diese am 31. August: "Also meine Lieben - Montag gehen die letzten Anrufe raus - dann wird der letzte erfahren haben, ob ich mich für ihn entschieden habe oder nicht." Vielen habe er es bereits mitgeteilt, dass es nicht für sie reiche.
Es gebe nur eine Möglichkeit, wie diese Personen doch "bei der MEG in die Grundausbildung" kommen könnten: "10.000 Euro bar im voraus am ersten Tag." Wer also meine, gut genug zu sein, den werde er für diese Summe Schule. Nur die 15 Auserwählten bekämen die Schulung kostenlos. Und wem das zu viel Geld sein könnte, dem gibt er gleich noch den Hinweis: "Da ihr soooo gut seid, habt ihr das Geld spätestens nach acht Wochen wieder verdient."
Anderen Angaben zufolge hatte er Mitte August 144 Bewerbungen für die 15 Plätze. Vier Wochen Ausbildung verspricht er, danach sollen seine Auserwählten ein Jahr lang in der Türkei für ihn arbeiten. Er wolle dabei nur die besten 15, die Verrückten, diejenigen mit einem unsagbaren Willen, diejenigen, die niemals aufgeben und immer weiter kämpfen: "Ich will Eure Leidenschaft."
Göker knüpft mit diesen Motivationsmethoden an das an, was ihn bei MEG groß gemacht hat. Sein Prinzip im Finanzvertrieb MEG war schon: Eine Schar hungriger Verkäufer um sich sammeln, diese immer wieder anfeuern, Adressen sammeln und dann über das Telefon verkaufen. In Branchenkreisen heißt es, dass er verdeckt über andere Vertriebe oder Finanzpools bereits wieder private Krankenversicherungen in großem Stil an die Versicherer weiterreicht - oft ohne dass es die jeweils betroffenen Versicherer überhaupt merken, wer letztlich dahinter steckt.
Bei Mehmet Göker saßen früher viele bekannte Namen aus der Versicherungswirtschaft mit im Boot. Bei MEG ging es daher nicht um einen spektakulären Einzelfall. Hier zeigte eine Branche ein Gesicht, das viele bisher nicht kennen. Göker selbst hatte dabei keine Hemmungen, seine ehemaligen Partner über den Film "Versicherungsvertreter" vorzuführen. Indem er sein Leben öffentlich zeigt und alle Vorwürfe elegant abwehrt, blamierte ein einziger Vertreter eine ganze Branche.
Viele Versicherungsmanager wissen inzwischen, dass sie es übertrieben haben. Nicht umsonst diskutierte die Versicherungswirtschaft nach dem Niedergang der MEG besonders intensiv über Provisionen in der privaten Krankenversicherung. Nun werden die Provisionen pro Vertragsabschluss zwar begrenzt. Doch an den Vertriebsmethoden, wie sie in dem Film beschrieben werden, ändert sich wenig. Dies zeigt auch die unverändert starke Aktivität von Göker selbst. Verkauf ist eben ein hartes Geschäft.
An vorderster Front mischten bei Göker die drei größten Versicherungskonzerne in Europa mit: Axa, Allianz und die Generali – mit deren Tochter Central. Doch nicht nur Aktiengesellschaften, auch die als weniger aggressiv bekannten Versicherungsvereine ließen sich nicht lumpen. Alte Leipziger und auch die Kölner Gothaer tauchten bei Göker auf.