Mehmet Göker: Ein Versicherungsvertreter blamiert die Branche
Versicherungsmanager auf der MEG-Party in Melsungen 2007: Von links nach rechts: Frank Kettnaker , Vertriebschef der Alten Leipziger/Hallesche; Oliver Kuhlmann, Vertriebschef der Gothaer; Mehmet E. Göker, Gernot Schlösser, Axa-Vorstandschef (Mitte); Bernhard Lüneborg, Vertriebschef der Hallesche Krankenversicherung und Roland Zimmer, Chef der Axa-Krankenversicherung (rechts). Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel
Foto: Handelsblatt
Düsseldorf. Vom Tellerwäscher zum Millionär: Nur wäscht der Held hier nicht ab, sondern verkauft Versicherungen. Seit ein paar Tagen läuft die wahre Geschichte des Mehmet Göker bundesweit in den Kinos – mit großem Erfolg.
Der Dokumentarfilm „Versicherungsvertreter“ erzählt den rasanten Aufstieg eines jungen Mannes, der bei der DKV eine Versicherungslehre macht, mit 25 Jahren seine erste Million verdient und ein paar Jahre später ein Heer von mehr als 1.000 Mitarbeitern befehligt. „Bilder aus dem Absurdistan des grenzenlosen Wachstums“, kommentiert dies ein TV-Moderator im Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“.
Gezeigt wird, wie der Sohn eines aus der Türkei eingewanderten Schusters mit seinen Gefolgsleuten ein Leben in Saus und Braus führt. Ferrari und Porsche in großer Zahl gehören zum Firmenmobiliar, schöne Frauen tauchen gerne vor der Kamera auf – genauso wie dicke Zigarren. Natürlich dürfen Luxusausflüge nicht fehlen, etwa nach New York. „Ich habe so ein krasses Leben“, sagt Göker über sich. Grenzen scheint er keine zu kennen. Das finden viele seiner Anhänger auch – und folgen ihm begeistert. Sogar heute noch.
Alle haben sie bei MEG - dem von Göker gegründeten Versicherungsvertrieb - nur ein Ziel: so viele private Krankenversicherungen wie möglich verkaufen. Denn das lohnt sich über alle Maßen: Mehrere tausend Euro, im Extrem sogar bis zu 8.000 Euro verdient ein Vermittler an einem einzigen Kunden, für ein paar Stunden Arbeit. So viel Provision zahlen die Versicherer, denn auch für die Manager in den dunklen Maßanzügen lohnt sich das Geschäft: Ein Kunde, der erst einmal in der privaten Krankenversicherung (PKV) ist, zahlt seine Prämien ein Leben lang. Der Weg zurück in die gesetzliche Krankenversicherung ist ja meist verbaut. So wollen es die Regeln.
Vordergründig geht es in dem 80 Minuten langen Film um das Porträt eines Versicherungsvertreters, der in Kassel aus dem Nichts den zweitgrößten Vertrieb für private Krankenversicherungen aufgebaut hat – die MEG, deren Kürzel übrigens für den Helden selbst steht: Mehmet Ercan Göker. Der Filmemacher Klaus Stern, der selbst aus Kassel kommt, hat den Hauptakteur über einige Jahre verfolgt – und nach der Insolvenz von MEG exklusiv interviewt. Zu Wort kommen aber auch Gefolgsleute, die sich von dem ganzen Zirkus rund um MEG inzwischen distanziert haben.
Heiratsantrag: MEG-Chef Mehmet Göker kniet vor einem Mitarbeiter und schwört ihn öffentlich für sein weiteres Leben auf die Firma MEG ein. Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel
Foto: HandelsblattMehmet Göker und seine Verkäufer sind diejenigen, die das Geschäft reinholen. Sie sammeln Adressen, sitzen am Telefon und schauen zuletzt auch mal beim Kunden vorbei – damit der unterschreibt und die Vermittler selbst Geld verdienen. Gewissermaßen sind sie die Täter, die in dem Film jedoch sehr gut wegkommen. Wie schlecht mancher Abschluss für den Kunden tatsächlich ist, kann der Zuschauer nur erahnen. Verbraucherschützer werden daher enttäuscht sein.
Der Film liefert etwas anderes: Lustige, irritierende und manchmal auch traurige Einblicke in das Innenleben von Menschen, die ihr Leben dem Verkauf verschrieben haben. Klar wird überdies: Ohne die Versicherer als Anstifter liefe in diesem Beruf gar nichts. Denn die Konzerne locken mit den Geldbündeln, die Vertreter erst gierig machen: Mit Göker wollen sie in ein paar Jahren Millionär werden. Man muss dieses Ziel mit großer Hingabe verfolgen, es mit aller Kraft wollen. Der Chef selbst ist dafür das leuchtende Vorbild.
Bei Mehmet Göker sitzen viele bekannte Namen aus der Versicherungswirtschaft mit im Boot. Das zeigt: Bei MEG geht es nicht um einen spektakulären Einzelfall, hier zeigt eine Branche ein Gesicht, das viele bisher nicht kennen. Göker selbst hat dabei keine Hemmungen, seine ehemaligen Partner über den Film vorzuführen. Indem er sein Leben öffentlich zeigt und alle Vorwürfe elegant abwehrt, blamiert ein einziger Vertreter eine ganze Branche. Sind alle Vermittler so, fragt sich der kritische Zuschauer?
Viele Versicherungsmanager wissen, dass sie es übertrieben haben. Nicht umsonst diskutierte die Versicherungswirtschaft nach dem Niedergang der MEG besonders intensiv über Provisionen in der privaten Krankenversicherung. Nun werden zwar die Provisionen pro Vertragsabschluss zwar begrenzt. Doch an den Vertriebsmethoden, wie sie in dem Film beschrieben werden, ändert sich wenig. Verkauf ist eben ein hartes Geschäft.
Das neue Leben des Mehmet Göker in der Türkei: Sonne, Swimmingpool und Versicherungen verkaufen - aber nur in der Firma, die über seine Mutter läuft. Quelle: Sternfilm
Foto: HandelsblattDer Film liefert reichlich Anschauungsmaterial, wie in der Assekuranz Geld gemacht wird. An vorderster Front mischen bei Göker die drei größten Versicherungskonzerne in Europa mit: Axa, Allianz und die Generali – mit deren Tochter Central. Doch nicht nur Aktiengesellschaften, auch die als weniger aggressiv bekannten Versicherungsvereine lassen sich nicht lumpen. Alte Leipziger und auch die Kölner Gothaer tauchen bei Göker auf.
Kein Zufall ist es daher, dass der am vergangenen Donnerstag bundesweit angelaufene Film in Versicherungshochburgen wie Köln besonders gut läuft. Schließlich sitzen hier Axa, Central und Gothaer. Die ersten Vorstellungen seien komplett ausgebucht gewesen, berichtet Filmemacher Stern. Für viele Mitarbeiter von Versicherungskonzernen ist es offenbar hoch interessant zu erfahren, wie Vertrieb wirklich und richtig läuft.
Eine besonders spektakuläre Rolle bei MEG spielt der zweitgrößte Versicherungskonzern in Europa, die französische Axa. Der Chef des deutschen Krankenversicherers der Axa, Gernot Schlösser, tritt persönlich in Jubelveranstaltungen des Göker-Vertriebs MEG auf und sagt dabei Sätze wie diese: „Wir, liebe MEGler, sind froh und glücklich, dass es sie gibt. Und dass sie das in den Jahren erreicht haben.“
Dokumentiert ist das in einem MEG-Firmenvideo 2008. Axa-Manager Schlösser sagt weiter: „Eine solche Entwicklung, eine solche Steigerung in einem Jahr mit einem Plus von sage und schreibe 115 Prozent hat diese Republik weder in der Krankenversicherungs- noch in Finanzdienstleistungs- noch in sonstigen Versicherungsabsätzen noch nicht gesehen.“
Schlösser spricht von privaten Krankenversicherungen, die von den Göker-Truppen tausendfach verkauft worden sind. Dabei spielten die Versicherer eine wesentlich aktivere Rolle, als gemeinhin angenommen wird. Der Auftritt von Schlösser bei MEG zeigt dies. Und Göker bestätigt es selbst mit Sätzen: „Das war der Standardsatz der Axa: Mein lieber Herr Göker, was können wir denn tun, um noch mehr zu bekommen.?“
Mehmet Göker und Prominente: Hier schneit zufällig der Fußballmanager Günter Netzer bei ihm rein. Quelle: Sternfilm
Foto: HandelsblattMehr heißt: Mehr Verträge, mehr Abschlüsse von Kunden. Dafür taten Axa und andere Versicherer auch wesentlich mehr als üblich. „Auf Zuruf habe ich von Versicherern Millionen bekommen. Da war keine Unterschrift“, erzählt Göker. Dass Versicherer so freizügig Geld ihrer Kunden an einen Vertrieb überweisen, war bisher selten zu hören.
Denn ungewöhnlich ist: Es geht nicht um ein Geschäft, das gemacht wurde. Göker redet hier von Vorschüssen in Millionenhöhe. Auf dem Geld blieben etliche Versicherer nach der Insolvenz von MEG sitzen. Die privaten Schulden von Mehmet Göker belaufen sich daher auf 21 Millionen Euro. Die Versicherungsgesellschaften fordern 17 Millionen Euro von ihm, der Insolvenzverwalter vier Millionen Euro.
Der Ex-Chef der MEG sieht das alles jedoch ganz locker. Die Summe, um die es sich drehe, seien zwei Millionen oder 1,5 Millionen Euro.
Und ganz unverhohlen droht er seinen ehemaligen Geschäftspartnern für den Fall, dass diese ihm zu stark auf die Pelle rücken. Göker: „Mir hat mal ein hochrangiger Mitarbeiter einer großen deutschen Krankenversicherung gesagt, dass viele Versicherungsvorstände und Mitarbeiter Angst haben, wenn wirklich rauskommt, wie das alles abgelaufen ist.“
„Titel, Thesen, Temperamente“ kommentiert das so: „Es profitieren einfach zu viele Firmen von diesem Vertriebsmodell. Und im Fall einer Millionenpleite gibt es immer einen, der zahlt: der Kunde.“ Der Filmemacher Klaus Stern meint ganz trocken: „Da wurde provisionsgetrieben verkauft.“ Das heißt: Wer die meisten Provisionen anbot für Verträge, der erhielt als Versicherer auch das meiste Geschäft.
Gute Kundenberatung sieht aus Sicht von Verbraucherschützern dagegen anders aus: Zuerst sollte der Vermittler den Bedarf des Kunden prüfen und dann ein Angebot raussuchen, das am besten auf die jeweiligen Bedürfnisse passt. Hier jedoch wird der Eindruck erweckt, dass der jeweilige Versicherer schon vor Vertragsschluss feststeht. Entscheidend ist nicht der Bedarf des Kunden, sondern welcher Versicherer die höchsten Vorschüsse zahlt.
Wie Bilder aus gemeinsamen Zeiten belegen, war Axa nicht der einzige Versicherer, der gerne mit Göker Geschäfte machte. Ganz genau listet der Insolvenzverwalter der MEG auf, wie viele Millionen die Versicherer bei MEG versenkt haben. Vor der Kamera mochte dann aber keiner der Branchengrößen über Göker reden. „Der Fall ist für die Assekuranz mehr als peinlich“, folgert Rüdiger Jungbluth in der „Zeit“. In den Vorstandsetagen von Allianz, Axa, Hallescher, Inter, Central und Alter Leipziger sei man schon länger nicht mehr gut auf den Kasseler Starverkäufer zu sprechen.
Besonders stark erwischte es Axa. Der Insolvenzverwalter hält fest: AXA habe 2009 nachrangige Forderungen von rund 11 Millionen Euro gehabt. Die Forderungen der anderen Versicherungen beliefen sich damals überschlägig auf 21 Millionen Euro. Die „Zeit“ beziffert den Schuldenberg der MEG auf 50 Millionen Euro. Ein großer Teil entfällt auf Axa, der Versicherer versuchte ja bis zuletzt, MEG vor der Insolvenz zu retten.
Axa-Sprecher Ingo Koch fehlte bisher jedoch die Zeit, mit dem Handelsblatt über den Fall zu reden. Schriftlich teilte er mit: „Wir äußern uns zum Thema MEG und handelnden Personen aufgrund des laufenden Verfahrens nicht.“