USA: US-Wissenschaft leidet unter Trumps Angriffen
Die Offensive von US-Präsident Donald Trump gegen alles, was er als „woke“ oder progressiv ansieht, trifft die amerikanische Wissenschaft ins Mark. Am 7. Februar stoppte Trump einen großen Teil der Forschungsfinanzierung durch die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH). NIH ist der größte Geldgeber bei Natur- und Lebenswissenschaften.
Parallel wird die Freiheit der Wissenschaft eingeschränkt: Die National Science Foundation hat eine Liste mit Begriffen veröffentlicht, die als Marker für eine mögliche Trump-feindliche Orientierung gelten. Dazu gehören „gender, LGBT, Minderheit“, aber auch „Barrierefreiheit“, „Klimawandel“ und „weiblich“.
Ein Stab von Helfern flöht nun Forschungsanträge auf verfemte Begriffe durch und lehnt sie gegebenenfalls ab. Johannes von Moltke, Professor für German Studies und Film, TV und Medien an der Universität von Michigan, Enkel des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers, sagt dem Handelsblatt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in den liberalen USA so etwas erleben würde.“
Die NIH-Kürzungen hat ein Gericht zwar gestoppt, dennoch fließt kein Geld mehr: Die Gremien zur Bewilligung tagen seit Januar nicht mehr. „Auf diese Art macht man die Wissenschaftslandschaft und die Wirtschaft kaputt“, folgert von Moltke. Jeder für die Forschung ausgegebene Dollar bringe mehr als das Doppelte an Rendite durch Patente, neue Verfahren und Produkte. Kürzt man die Gelder, entfalle dieser Multiplikator. Von Moltke gibt nicht auf: „Die Frage ist nun, ob wir rechtlich Gehör finden und ob sich genügend Solidarität entwickelt, um die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen.“
Christina Beck von der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sagt, im Austausch mit den US-Kolleginnen und -Kollegen falle „eine maximale Verunsicherung“ auf. Die MPG gehe „davon aus, dass aufgrund der Kürzungen unter anderem beim NIH viele junge Doktoranden und Postdocs ihre Finanzierung verlieren könnten“.
Den USA droht ein Brain-Drain
Marion Schmidt von der TU Dresden war im Januar zu einer Wissenschaftskonferenz in den USA. „Dem US-Wissenschaftssystem droht ein irreparabler Schaden, wenn bestimmte Themen nicht mehr erforscht werden und in- oder ausländische Kräfte abwandern oder nicht mehr kommen“, stellt sie fest.
Schon jetzt nehmen US-Universitäten vorsichtshalber weniger Nachwuchskräfte auf, um sich auf Mittelkürzungen einzustellen. „Es ist zu erwarten, dass ein Brain-Drain aus den USA einsetzt, insbesondere – aber nicht nur – in der jüngeren Generation“, sagt Kristina Güroff von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.
Trumps Angriffe treffen die Wissenschaften in einer heiklen Situation. „Die US-Wissenschaft scheint das Rennen um die globale Führungsposition im Bereich MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zu verlieren – und sie verliert es tatsächlich“, sagte Marcia McNutt, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften (USA) bei einer Grundsatzrede im vergangenen Juni.
Einen Beleg dafür liefert der Nature Index, ein Maßstab für Exzellenz in Natur- und Lebenswissenschaften. 2024 ist nur noch Harvard als US-amerikanische Einrichtung in den Top Ten vertreten. Aus Europa sind es die Max-Planck-Gesellschaft und das französische CNRS. Sieben stammen aus China. Im Index für die Wissenschaftsfreiheit kommen die USA nur noch auf 0,69 Punkte. Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland liegen über 0,90.
Die Europäer könnten bei Trumps Brandrodung der lachende Dritte sein. Marion Schmidt aus Dresden hat auf der Jahreskonferenz der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) „viele Anfragen erhalten zu Studienmöglichkeiten, Promotionsstipendien, Post-Doc- und Professorenstellen – alles von Leuten, die sich in Richtung Europa orientieren wollen“.
Deutschland könne gute Leute aus den USA gewinnen: „Die Bundesregierung sollte jetzt schnell ein umfassendes Anwerbeprogramm aufsetzen, mit wissenschaftlichen Anreizen, erleichterter Visavergabe und einer attraktiven finanziellen Ausstattung“, empfiehlt Schmidt.
Mehr Bewerbungen in Deutschland
Für die Max-Planck-Gesellschaft reist deren Präsident Patrick Cramer in die USA. Dabei hat er eine Shortlist von Spitzenkräften, die er gerne gewinnen würde. Schon jetzt gebe es wesentlich mehr Bewerbungen aus den USA, sagte er im Interview mit dem Spiegel.
Im April sind die Humboldt-Stiftung, der DAAD, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere zu einer Roadshow in den Staaten. Im August findet in Boston die jährliche GAIN-Konferenz (German Academic International Network) statt, die deutsche und internationale Wissenschaftler aus den USA nach Deutschland holen will. Trumps Angriffe können zum Förderprogramm für Deutschland werden.