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Kommentar Garantiezins vor dem Aus: Die wichtigste Altersvorsorge wird noch riskanter

Lebensversicherer müssen die Kunden davon überzeugen, dass mehr Risiko auch mehr Renditechancen bedeutet. Doch zur Wahrheit gehört auch: Es gibt keine Alternative.
12.11.2020 - 21:46 Uhr Kommentieren
In der Branche wird laut über das Ende der kompletten Beitragsgarantie nachgedacht. Quelle: dpa
Allianz-Logo in Unterföhring

In der Branche wird laut über das Ende der kompletten Beitragsgarantie nachgedacht.

(Foto: dpa)

Den Türöffner für die Branche machte Anfang Oktober der Marktführer Allianz. Ab dem kommenden Jahr soll es dort für Privatkunden nur noch Lebensversicherungsprodukte mit Garantien von 90, 80 oder gar 60 Prozent der eingezahlten Beiträge geben. Die jahrzehntelange Tradition der kompletten Beitragsgarantie wäre damit zu Ende.

Schon vor einem Monat war klar, dass viele der rund 80 Wettbewerber am deutschen Markt ähnliche Schritte überlegen werden. In dieser Woche kündigte nun Ergo-Chef Markus Rieß im Handelsblatt-Interview an, dass auch sein Haus mittelfristig ein Ende der kompletten Beitragsgarantie nicht mehr ausschließe.

Der öffentliche Aufschrei gegen solche Aussagen war zu erwarten. Die Branche könne mit der Krise nicht umgehen und habe ohnehin ihre Kosten nicht im Griff, hieß es schon vor Wochen vom Bund der Versicherten. Und in den sozialen Netzwerken arbeiten sich seither viele an den hohen Gewinnen der Branche auch in Krisenzeiten ab, die aus ihrer Sicht nicht zu einer Abkehr von der kompletten Garantie passten.

Die guten Quartalszahlen zuletzt dienen ihnen als Beispiel. Geradezu als Hohn empfinden es Nutzer zudem, dass weiterhin üppige Dividenden an die Aktionäre fließen sollen, wie die Branchenriesen Allianz und Generali gerade wieder bestätigten.

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    Rückläufige Tendenz

    Die Lebensversicherung als Lieblingsanlage der Deutschen gerät somit immer stärker unter Druck. Noch gibt es zwar laut dem Branchenverband GDV rund 83 Millionen laufende Policen im Land. Damit besitzt jeder Deutsche im Schnitt mehr als einen Vertrag. Diese Zahl ist jedoch seit Jahren rückläufig.

    Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Konkurrenz an Produkten von der betrieblichen Altersvorsorge bis zur Riester-Rente ist heute sehr viel größer als noch vor Jahrzehnten, als die Lebensversicherung zur privaten Standardabsicherung der Deutschen gehörte. Dazu lassen sich häufig die Lebensentwürfe junger Menschen nicht mit einem Produkt vereinbaren, das eine Laufzeit von bis zu drei Jahrzehnten hat.

    Seit Langem hängt der Lebensversicherung zudem der Ruf hoher Gebühren bei geringer Rendite an. Geblieben ist allerdings auch, dass die Deutschen beim Thema Geldanlage weiterhin konservativer agieren als die Anleger in anderen westlichen Ländern. Sicherheit ist den meisten Menschen sehr wichtig, wie Umfragen immer wieder bestätigen. Hier unterscheiden sich die jüngeren Jahrgänge nicht von der Generation ihrer Eltern.

    Grafik

    Insofern gehen die Lebensversicherer ein hohes Risiko ein, wenn sie nicht mehr die Rückzahlung des kompletten Beitrags garantieren, der über viele Jahre von den Kunden eingezahlt wird. Es wird somit viel Arbeit im Vertrieb nötig sein, um Kunden davon zu überzeugen, dass mehr Risiko auch mehr Renditechancen bedeutet. So jedenfalls wollen die Anbieter künftig argumentieren.

    Näher an der Realität wäre die Aussage, dass mehr Risiko dringend notwendig ist, um überhaupt mit einer nennenswerten Rendite auf die gezahlten Beiträge rechnen zu können. Die zu erreichen ist in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, zuletzt fast unmöglich.

    Schuld daran ist die seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt anhaltende Niedrigzinsphase, die im Verlauf zur Nullzins- und anschließend zur Minuszinsphase wurde. Die Lebensversicherer bekommen diese Entwicklung besonders zu spüren. Müssen sie doch die Anlegergelder nach sehr strengen Kriterien anlegen, was die Art der Papiere und deren Laufzeit anbelangt.

    Der überwiegende Teil floss deswegen viele Jahre in lang laufende Staatspapiere mit bestem Rating. Dafür garantieren die Versicherer sogar einen Mindestzins. Noch vor zwei Jahrzehnten waren das bis zu vier Prozent pro Jahr.

    Als das immer schwieriger wurde, folgte vor etwa acht Jahren der erste Schritt der Öffnung: Viele Versicherer wandten sich vom Garantiezins ab, boten nur noch den Erhalt des Beitrags, warben aber wegen der größeren Anlageflexibilität fondsähnlicher Produkte mit der Aussicht auf mehr Rendite. Die Kunden gingen diesen Schritt erstaunlich schnell mit.

    Viele Neuverträge ohne Garantie

    Das höhere Risiko wurde belohnt: In den vergangenen Jahren erhielten sie jeweils eine leicht höhere Rendite als beim klassischen Garantieprodukt. Marktführer Allianz, der rund ein Viertel des deutschen Lebensversicherungsmarktes abdeckt, schloss zuletzt über 90 Prozent der Neuverträge ohne Garantien ab. Künftig soll das Geschäft mit klassischen Produkten mit Garantie bis auf wenige Ausnahmen ganz eingestellt werden. Der Garantiezins steht im Neugeschäft somit vor dem Ende, die Beitragsgarantie könnte branchenweit in wenigen Jahren den gleichen Weg gehen.

    Damit dieser Übergang aus Sicht der Versicherer gelingt, darf der theoretische Fall, dass ein Kunde nach einem Vertragsabschluss im kommenden Jahr in rund drei Jahrzehnten nur noch einen Teil der eingezahlten Beiträge zurückbekommt, niemals eintreten. Deswegen investieren die Lebensversicherer inzwischen stark in lang laufende Infrastrukturprojekte wie Energieparks, Autobahnen oder Gas- und Wassernetze.

    Heute lassen sich damit gute Renditen erzielen. Ob das auch noch Mitte des Jahrhunderts bei Ablauf neu abgeschlossener Lebensversicherungen der Fall sein wird, kann niemand vorhersehen. Das wichtigste Altersvorsorgeprodukt der Deutschen wird für Kunden somit ein weiteres Stück riskanter.

    Mehr: Ergo-Chef Markus Riess im Handelsblatt-Interview  

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