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VersicherungVollsortimenter ohne Zukunft – Wie sich die Branche verändert

KI, Naturkatastrophenschäden und Regulatorik: Auf dem Handelsblatt Insurance Summit diskutieren Versicherer über die Herausforderungen der Branche. Welche Chancen sich dabei bieten.Tami Holderried, Susanne Schier 25.11.2025 - 17:43 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Insurance Summit 2025: Finanzredakteurin Susanne Schier (l.) im Gespräch mit Ergo-Chef Oliver Willmes. Foto: Foto Vogt GmbH

Düsseldorf. Die Versicherungswirtschaft muss sich auf turbulente Jahre einstellen. „Im nächsten Jahrzehnt wird es für die deutschen Erstversicherer mehr Veränderung geben als in den 25 Jahren zuvor“, sagte Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman, beim Handelsblatt Insurance Summit.

„Es wird deutlich anspruchsvoller, die Risiken des Lebens zu versichern“, sagte auch Ergo-Deutschlandchef Oliver Willmes. Naturkatastrophen, Cybergefahren sowie geopolitische und technologische Umbrüche veränderten das Geschäft grundlegend.

Laut Kottmann gibt es zwei wesentliche Treiber für den Wandel: Zum einen führe die Marktkonsolidierung bei den Firmenkundenmaklern zu höheren Kosten und Anforderungen für die Versicherer. Getrieben wird die Fusionswelle von Maklerhäusern, an denen Finanzinvestoren beteiligt sind, die entsprechende Gewinne sehen wollen.

Zum anderen könnten Kunden mithilfe von KI-Assistenten Versicherungsprodukte immer einfacher und schneller vergleichen. „Intransparente Marktsegmente, die für die Versicherer meist sehr gewinnträchtig sind, werden nach und nach verschwinden“, sagte Kottmann.

Wie aus einer Oliver-Wyman-Studie hervorgeht, stammt heute noch etwa die Hälfte des Geschäfts der deutschen Erstversicherer aus einem intransparenten Markt – etwa wenn die Kundinnen und Kunden ein Produkt bei ihrem Versicherungsvertreter abschließen, ohne es mit anderen Produkten zu vergleichen. Infolge des KI-Einsatzes könnte dieser Anteil binnen zehn Jahren von 55 auf 30 Prozent schrumpfen.

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Um mit diesen Entwicklungen schrittzuhalten, müssten die Versicherer ihre Geschäftsmodelle anpassen. Von den 325 Erstversicherern, die bei der Finanzaufsicht Bafin registriert sind, bietet noch etwa die Hälfte eine umfassende Produktpalette an und bedient alle Hauptvertriebswege.

„Vor allem kleine und mittelgroße Gesellschaften werden aber keine Vollsortimenter mit eigener Wertschöpfung bleiben können“, sagte Kottmann. Dieses Modell sei zu komplex, zu wenig auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet und an vielen Stellen zu kostenintensiv.

Der Trend werde daher hin zu einer stärkeren Modularisierung der Geschäftsmodelle gehen. Das heißt: Die meisten Versicherer werden nicht mehr alle Geschäftssegmente selbst bedienen, sondern mehr Kooperationen eingehen und Produkte, Betriebskomponenten oder gar komplette Sparten zukaufen.

Für Kunden sieht Berater Kottmann die Veränderungen positiv. Sie seien eine Chance, dass Verbraucher von professionell aufgestellten Anbietern einen besser auf sie zugeschnittenen Versicherungsschutz bekommen.

Von der Schadenregulierung zum Risikomanagement

Willmes von Ergo wiederum sagte, dass die Versicherer in den nächsten Jahren „vor allem technische Exzellenz und mehr Kosteneffizienz brauchen“. Die Betriebskosten müssten in der Branche weiter sinken – auch weil die Schadenkosten nur bis zu einem gewissen Grad steuerbar sind.

Letztere steigen auch deshalb immer weiter an, weil systemische Risiken wie geopolitische Krisen, Naturkatastrophen oder Pandemien häufiger und härter werden. Deshalb plädiert die Branche für mehr Prävention und vorausschauendes Risikomanagement.

Handelsblatt Insurance Summit: Trend zur stärkeren Modularisierung der Geschäftsmodelle. Foto: Foto Vogt GmbH

Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands GDV, sagte, dass sich die Risiken reduzieren ließen.  Es brauche aber unter anderem auch bessere Daten, bauliche Standards und eine Klimaanpassung. Die Pläne der Bundesregierung für eine verpflichtende Elementarschadenversicherung lobte Käfer-Rohrbach. Es käme nun aber auf die entsprechende Ausgestaltung an.

Investitionen, vor allem in eine moderne IT, sind teuer und nicht für jeden kleinen Versicherer stemmbar.
Barbara Ries

Auch in der Lebensversicherung sind deutliche Veränderungen wahrscheinlich. „Einige Anbieter stehen vor der Herausforderung, dass die Verträge der geburtenstarken Jahrgänge jetzt auslaufen und in die Rentenphase kommen“, sagte Ergo-Deutschlandchef Willmes. Den auslaufenden Bestand durch Neugeschäft zu ersetzen, sei schwierig.

Auch die Zahl der Anbieter ist im deutschen Lebensversicherungsmarkt rückläufig. Baloise-Vorständin Barbara Ries sagte: „Investitionen, vor allem in eine moderne IT, sind teuer und nicht für jeden kleinen Versicherer stemmbar.“ Der Markt sei aber weiterhin groß und vielfältig. Wachstumschancen sieht sie unter anderem bei Berufsunfähigkeitsversicherungen.

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Wie Lebensversicherer mit der alternden Kundschaft umgehen

Signal-Iduna-Vorstand Clemens Vatter ergänzte, dass sich die Lebensversicherer gezielt auf das Thema Altersvorsorge konzentrieren sollten: „Wenn es um den reinen Vermögensaufbau geht, können wir als Branche nicht mit den Neobrokern und ihren günstigen Angeboten konkurrieren.“

Fusionen und Übernahmen werden zunehmen

Angesichts der Herausforderungen dürften auch Fusionen und Übernahmen in der Versicherungsindustrie künftig eine noch bedeutendere Rolle spielen. Einer, der den Zusammenschluss schon hinter sich hat, ist Oliver Schoeller, Co-Chef von Barmenia-Gothaer.

Oliver Schoeller: Der Co-Chef von Barmenia-Gothaer hat eine Fusion mitgemacht. Foto: Foto Vogt GmbH

Ein Grund für die Konsolidierung war die zunehmende Unternehmensgröße – um bei Kunden weiter Relevanz zu behalten. Denn vor allem im Privatkundengeschäft sieht Schoeller einen steigenden Druck, von neuen Firmen verdrängt zu werden. Den eigenen Vertrieb zu stärken, sei daher wichtig, sagte er.

Branche bleibt auf Wachstumskurs

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Die Versicherer, die es schaffen, ihr Geschäftsmodell fit für die Zukunft zu machen, können profitieren, da die Branche der Oliver-Wyman-Studie zufolge weiter wachsen wird. Demnach könnten die Bruttobeiträge der deutschen Versicherungswirtschaft von 244 Milliarden Euro im Jahr 2024 bis 2035 auf 319 Milliarden Euro steigen. Das entspräche einem durchschnittlichen Jahreszuwachs von 2,5 Prozent.

Mit 3,6 Prozent dürfte dabei das Wachstum in der Krankenversicherung überdurchschnittlich ausfallen. Das derzeit größte Segment der Schaden- und Unfallversicherungen wird laut Studie ein jährliches Plus von 3,2 Prozent erreichen – vor allem dank des Firmenkundengeschäfts. Dagegen dürfte die Lebensversicherung an Bedeutung einbüßen und im Jahresschnitt nur noch um 0,9 Prozent wachsen.

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